31.05.1999

„NEUROSEN MACHEN SCHÖN“

Klug, erfolgreich, ständig in der Krise: Die amerikanische Sitcom „Ally McBeal“ erzählt von den Irrungen und Wirrungen einer modernen Frau. Comedy-Star Anke Engelke über eine Schwester im Geiste
Vielleicht kennen Sie das: Ich war hochschwanger und fuhr mit der viel zu vollen Straßenbahn. Die Sonne knallte, die Luft war stickig - und kein Mensch stand auf.
In Momenten wie diesen befreit mich die Phantasie von all meinen Hemmungen, und in meinem Kopf spielen sich wunderbare Szenen ab: Ich beginne, hysterisch zu schreien, beschimpfe Omas, Männer und auch Kinder und nehme blutige Rache für diese himmelschreiende Ungerechtigkeit.
Seit ein paar Wochen weiß ich, daß ich damit nicht allein bin. Jeden Dienstagabend um zehn sitze ich vor dem Fernseher, habe Vox eingeschaltet, was auch bei mir nicht so häufig vorkommt, und schaue die Serie "Ally McBeal".
Ach, Ally.
Haben Sie die Folge gesehen, in der sie sich im Supermarkt mit einer anderen Frau um die letzte Dose Pringle-Chips prügelt? "Das ist meine", sagt die eine. "Das ist meine", sagt Ally, und schon geht sie in den Angriff: keift, schnaubt, schimpft - und als die andere, viel älter, viel häßlicher als Ally, mit den Chips im Wagen auf die Kasse zusteuert, stellt meine Heldin ihr ein Bein, und das Biest fällt in ein Regal mit Dosenkonserven. Und weil Ally dann auch noch vergißt, eine Anti-Sperma-Creme zu bezahlen, wird sie, die Rechtsanwältin in einer Yuppie-Kanzlei, von der Polizei in Handschellen abgeführt.
In Amerika sehen jede Woche mehr als zehn Millionen Menschen zu, wie Ally sich durch den Alltag boxt - die meisten davon Frauen. Weil sie all das tut, wovon wir sonst nur träumen: Sie ist eine Fernsehheldin der neuen Art. Eine moderne Pippi Langstrumpf für Frauen, die sich weigern, erwachsen zu werden.
Sie hat in Harvard studiert. Sie bepöbelt Männer, wenn die sie auf der Straße anrempeln. Sie macht Karriere als erfolgreiche Prozeßanwältin. Sie trägt auch vor Gericht einen viel zu kurzen Mini. Anscheinend hat sie alles, kann sie, will sie alles - nur eins fehlt ihr zum perfekten Glück: ein richtiger Kerl. "Natürlich will ich die Welt verändern", sagt Ally. "Aber zuerst möchte ich heiraten!"
Okay, ihre Brüste könnten etwas größer sein - wenn sie vor dem Spiegel steht, wächst in ihrer Phantasie der Busen, bis der Büstenhalter platzt. Gesteht der ehemalige Liebhaber, daß er inzwischen geheiratet hat, zischen Pfeile durch die Luft und bohren sich tief in ihre Brust. Sehnt sie sich nach Kindern, sieht sie ein Baby, das in ihrer Wohnung Cha-Cha-Cha tanzt. Sitzt sie beim Kaffee mit einem attraktiven Mann, träumt sie vom Sex in einer Cappuccino-Tasse.
Daß sie bisher keinen abbekommen hat, könnte an den Männern liegen. Wen immer sie trifft, irgendwie läuft immer etwas schief. Zum Beispiel mit dem Staatsanwalt, den sie im Aufzug kennenlernt. Groß gewachsen, treuer Blick, doch schon während der Vorspeise beim ersten Rendezvous zerplatzen alle Illusionen. Die Salatsoße tropft an seinem Kinn herunter, und Ally muß sich ekeln. Sie weiß, ich weiß, wir wissen - der Mann muß der Falsche sein.
Man ahnt es: Ally ist ein schwieriges Mädchen. Ein verrücktes Huhn, das kaum einen Satz spricht, in dem das Wörtchen Ich nicht vorkommt. Sie ist verstört, unsicher und stets auf der Hut vor zickigen Konkurrentinnen. "Warum", wird Ally, die Egozentrikerin voller Selbstzweifel, gefragt, "sind deine Probleme soviel größer als die aller anderen?" Ihre Antwort: "Weil sie meine sind!"
Wahrscheinlich haben sich die Feministinnen der siebziger Jahre die moderne Frau von heute anders vorgestellt. Sie können Ally gar nicht leiden und schimpfen nun, daß in dieser Serie eine Frau um die 30 als neurotisches Mädchen in der Spätpubertät dargestellt wird und Sätze sagt wie diesen: "Ich wollte doch nur reich sein und berühmt, drei Kinder haben und einen Ehemann, der mir abends die Füße massiert - und nun habe ich noch nicht mal eine Frisur, die zu mir paßt."
So sind wir eben: Auch ich fühle mich manchmal wie 17 und ständig ungerecht behandelt. Und wer sich jemals länger als fünf Minuten mit mir unterhalten hat, weiß - auch ich bin durch und durch verstört.
Zum Glück kenne ich kaum eine Frau, die anders ist. Keine, die nicht alles will: Karriere und Kinder, Schönheit und Liebe - und nur manchmal eine, die das alles schafft. Ally verkörpert, wofür die Frauenbewegung gekämpft hat: Sie ist klug und macht einen Job. Sie sieht gut aus und ist trotzdem ständig in der Krise.
So sitzen wir alle vor dem Fernseher und können uns erstmals seit unserer Kindheit mit einer Fernsehfigur identifizieren. Damals träumten wir davon, so patent zu sein wie Laura aus "Unsere kleine Farm" oder so frech wie eben Pippi Langstrumpf. Heute freuen wir uns darüber, daß wir nicht allein sind und Allys Botschaft uns beruhigt: Neurosen machen schön.
Die wichtigste Frage aber muß noch geklärt werden: Ist Ally McBeal auch sexy? Wahrscheinlich ist sie den Männern zu anstrengend. Sich den Scheiß anhören, den wir Frauen den ganzen Tag lang unreflektiert herausplappern - das muß ein Mann erst mal hinkriegen.
So war es nicht nur Schock, sondern auch Erlösung, als ich erfuhr, daß Ally nicht von einer Frau erfunden wurde. Nein, ein Mann hat sich sämtliche Folgen von "Ally McBeal" ausgedacht. Ausgerechnet ein Mann! Und auch noch der von Michelle Pfeiffer, die sogar Vorbild gewesen sein soll.
Er heißt David Kelley und muß die Frauen ganz besonders lieben. Denn sonst könnte er es nicht aushalten mit solchen Nervensägen und sie auch noch spannend finden. Spannender jedenfalls als seine Geschlechtsgenossen, die er allesamt als niedliche Idioten charakterisiert: Fish, einen der beiden Kanzleibosse, beschreibt er als aalglattes und geldgieriges Bürschchen; Cage, seinen Kompagnon, als autistisch-trotteliges Weichei; und Billy, Allys Ex und jetzigen Kollegen, als harmlos süßen Streber.
Kelley aber ist ein Traummann. Einer, der früher in der Schule den Mädchen seiner Klasse bestimmt immer die Hausaufgaben gemacht hat und seitdem wie ein Feldforscher die Seelen seiner Frauen erkundet. Nun soll er, so las ich kürzlich und war nur mäßig überrascht, ein Verhältnis haben mit Calista Flockhart - jener Schauspielerin, die durch ihre Rolle als Ally weltberühmt wurde.
Der andere Traummann, den ich kenne, sitzt jeden Dienstagabend zusammen mit mir auf der Couch im Kölner Vorstadt-Wohnzimmer und schaut ebenfalls "Ally McBeal".
Warum er das macht? Vielleicht weil er hofft, diese postfeministischen Frauen besser verstehen zu können. Vielleicht aber auch, weil er mit so einer wie Ally verheiratet ist. Mit einer, die davon träumt, in der Straßenbahn auszurasten; die sich im Supermarkt um eine Dose Chips prügeln würde; und die ebenfalls den Mund nie halten kann.
Sein Schaden ist es nicht: Schließlich bin ich es, die Karriere macht, das Geld verdient, den Haushalt führt, die Kinder kriegt, Fußball mit ihm guckt und die er trotz allem immer noch ziemlich lecker findet.
Kein Wunder, daß er mich liebt.
PROTOKOLL: LOTHAR GORRIS
Anke Engelke, 33, wurde in diesem Jahr für ihre Auftritte in der Sat-1-Comedy-Show "Die Wochenshow " mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. "Ally McBeal" läuft jeden Dienstagabend nach 22 Uhr auf Vox.
FOTOS: INTER-TOPICS (3)
Von Lothar Gorris

KulturSPIEGEL 6/1999
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