31.05.1999

Leb wohl, du bunte Welt

Sympathie für den Teufel - und vielleicht auch für Adolf Hitler? Über die Pfingsttage trafen sich die Grufties, Deutschlands rätselhaf teste Jugendbewegung, zu einem Festival in Leipzig.
"Das wahre Leben ist halt nicht lustig - deshalb tragen wir Schwarz"
TEXT: JOHANNES WAECHTER
Der Regen fällt, und auf Tausenden von Köpfen kommen Haartürme ins Wanken, neigen sich im Wind, klatschen schließlich an ausrasierte Schläfen. Die Frisur ruiniert, das Make-up verlaufen, die Klamotten modrig duftend - ein kurzer Schauer nur, und ein paar Stunden Vorbereitung waren umsonst. Grufties mögen Freunde düsterer Katastrophen sein - aber diese geht zu weit.
Doch die schwarzgekleideten Menschen vor den Kassenhäuschen lassen sich weder vom schlechten Pfingstwetter noch vom stundenlangen Warten in den verstopften Leipziger Straßen und an den Eingängen zum Gelände der Agra-Landwirtschaftsausstellung im Stadtteil Markleeberg die schlechte Laune verderben. Es herrscht Chaos beim 8. Wave-Gotik-Treffen, dem größten Gruftie-Festival in Deutschland, und die Grufties ertragen es mit billigem Rotwein und der ihnen eigenen Schwermut.
Niemand beschwört Satan, auf daß er die Pforten öffne, und obwohl viele lange, schwarze Mäntel tragen, holt keiner eine abgesägte Schrotflinte darunter hervor und mäht die überforderten Ordner nieder. Warum sollte er auch?
Vielleicht weil den "Schwarzen", wie sie sich selber nennen, derzeit ein schlechter Ruf vorauseilt. Sie würden in Särgen schlafen, sagt man, zur Geisterstunde auf dem Friedhof die Gräber aufbuddeln, und manche von ihnen würden sogar mit Hitler sympathisieren. Und seit vor sechs Wochen, am Geburtstag von Adolf Hitler, in Littleton, Colorado, die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold, die so gern in schwarzen Staubmänteln zur Schule gingen und Fans der unter Grufties sehr beliebten deutschen Metal-Band Rammstein waren, in ihrer Schule Amok liefen und erst zwölf Mitschüler sowie einen Lehrer und schließlich sich selbst umbrachten, wird den "Schwarzen" in den Medien fast alles zugetraut.
Die Szene steht schon länger unter Nazi-Verdacht: Bands wie Feindflug aus Chemnitz benutzen für ihre Auftritte Samples aus Hitlerreden ("Seit 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen"); Rammstein, international erfolgreich und sogar für den amerikanischen Grammy nominiert, zitieren in einem Video Leni Riefenstahls "Olympia"-Film; sogar der ehemalige Hamburger Neue-deutsche-Welle-Sänger Joachim Witt gilt als suspekt, seit er Richard Wagner und den teutonischen Bombastrock entdeckt hat. Josef Klumb, bis vor kurzem Sänger der Band Weissglut, werden sogar enge Kontakte zu rechten Organisationen nachgesagt. "Es gibt radikale Gruppierungen, die versuchen, die Szene zu unterwandern", sagt Joe Asmodo, als Chefredakteur des auflagenstärksten Gruftie-Fachblattes "Zillo" natürlich anwesend beim Gruftie-Gipfel in Leipzig. "Die Zeitung 'Junge Freiheit' hat sogar schon einmal bei uns Anzeigen schalten dürfen - allerdings vor meiner Zeit."
Am Samstag morgen hat der Regen endlich aufgehört. Mehrere tausend Zelte stehen auf dem Gelände. Einige sind mit Grableuchten oder Fahnenmasten geschmückt; ein Gothic-Fan hat vor seinem Zelt ein Holzkreuz aufgestellt und einen ausgestopfen Raben draufgesetzt.
Langsam kriechen die Grufties aus ihren Schlafsäcken, schütteln den Streß des Anfahrtstages ab und beginnen mit dem Styling ihrer vom Regen und vom Schlaf ramponierten Frisuren. Zwei Stunden kann das dauern und heute vielleicht sogar noch etwas länger. Denn das Wave-Gotik-Treffen ist nicht nur ein Musikfestival, sondern auch ein großes Schaulaufen.
Zwischen den Zelten zischen die Haarspraydosen, vor dem extra eingerichteten Schmink-Bus bildet sich eine lange Schlange. Verschleierte Burgfräuleins mit Reifrock und Schleppe promenieren über die staubigen Wege. Ein kalkweißer Jüngling im Dracula-Outfit stößt mit seinem Zylinder an den Türrahmen eines Dixi-Klos. Kräftige Burschen schnallen sich Nietengürtel um, behängen sich mit silbernen Totenköpfen, Spinnen und Mini-Särgen, schlüpfen in enge Lackhosen und kniehohe Stiefel mit Silberbeschlägen. "Das ist das Geile, wenn man aufgestylt durch die Zeltstadt läuft", sagt Kay, 22, ein Elektriker aus Dessau, während er seinem Kumpel Pal dabei hilft, vier Haar-Hörner auf dessen Kopf zu fixieren - jedes rund 30 Zentimeter hoch. Als Pal eine Dose Bier aus dem Zelt holen will, bleibt er prompt am Vordach hängen. "Scheiß-Haare", murmelt er.
An den Ständen des Flohmarktes werden Tanga-Slips aus Metall und Lackkorsetts, keltische Amulette und handgeschnitzte Totenschädel verkauft. Außerdem im Angebot: dekorative Kindersärge und Liebeselixiere, der "Treffen-Met", ein elfprozentiger Honigwein in begrenzter Abfüllung - und sogar Streitäxte.
Nur ein paar Meter hinter dem Campingplatz beginnt das Mittelalter. Ein paar Gothik-Fans haben dort aus Hütten und Zelten ein, wie sie es nennen, "heidnisches Dorf" aufgebaut. Korbflechterinnen sitzen unter einer mächtigen Linde, ein Händler bietet Kettenhemden feil, und in der Badeanstalt "Hohe Maien" wird in riesigen Zubern der Staub des Tages abgewaschen. Weil aber auch die Freunde des Mittelalters nicht ganz ohne die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts auskommen, klingeln auch hier die Handys, bläst ein Spielmann "Smoke on the Water" von Deep Purple auf der Sackpfeife.
Die mystische Welt der Kelten und Germanen hat auf dem Gelände der Agra-Landwirtschaftsausstellung ebenso ein Zuhause gefunden wie die schwermütigen Poeten der deutschen Romantik: Mittelalter-Bildbände stehen in den Auslagen eines Buchhändlers neben der Neuausgabe von Hölderlins Gesamtwerk. Eine rätselhafte Jugendkultur: Ein Wirrwarr aus bizarren Stilen und verquasten Ideologien, aus pubertären Sehnsüchten und dumpfer Romantik.
Die Punks haben Steine geworfen, die Raver Ecstasy geschluckt. Die Schwarzen aber suchen zur Entspannung vom Festivalstreß die Einsamkeit der Friedhöfe in der Leipziger Umgebung. "Leipziger Nekropolen" heißt ein Artikel im Programmheft des Gotik-Treffens, in dem die Grufties darum gebeten werden, von Schändungen abzusehen und "die Ruhe der Toten nicht zu stören". Und auch diesmal werden die Leipziger Friedhöfe verschont. "In all den Jahren gab es nie Schwierigkeiten", sagt Birgit Schlegel von der Leipziger Polizei. "Das sind alles wirklich nette Leute, die keinem etwas zuleide tun."
Am Samstag abend schließlich treffen sich ein paar der Festivalbesucher in der Leipziger Thomaskirche: Eine Messe des spätmittelalterlichen Komponisten Guilaume Duffay wird aufgeführt. Ehrfurchtsvoll und kulturbeflissen lauschen die Grufties den Orgelklängen. Auf der Suche nach den dunklen Seiten des Lebens überschreiten sie alle musikalischen Genre-Grenzen. Bands wie In Extremo und Subway To Sally, die beide in Leipzig auftraten, mischen die Klänge von Dudelsack und Schalmei mit Rock und Techno. Und die Bayreuther Gruppe Goethes Erben inszeniert Sonntag mittag gar ein ambitioniertes, neoromantisches Musiktheater. Das einzige, was die 120 Bands verbindet, die während der drei Tage in Leipzig auftreten, ist die Anmutung ihrer Musik: Düster muß sie sein - und möglichst humorfrei.
"Nazis? Die Leute sehen zwar furchterregend aus", sagt Oswald Henke, Gruftie-Idol und Sänger von Goethes Erben, "aber in Wahrheit suchen die nur die Provokation." Wie alle anderen Jugendkulturen wolle sich die Szene abgrenzen - von den Eltern und Lehrern, von der Kirche und von der entfremdeten Konsumgesellschaft. Eine Flucht in die Melancholie, aber nicht zu Adolf Hitler.
"Wir haben eine Lebenseinstellung, die uns von der oberflächlichen Massenkultur abhebt, von der bunten Fernsehwelt, wo alle immer lustig sind", sagt Stefan, 25, ein Bauingenieur, der zusammen mit seiner Freundin Renate aus Wien angereist ist. "Das wahre Leben ist halt nicht lustig - deshalb tragen wir Schwarz."
Vor einem Jahr haben ein paar Gothik-Fans aus Bremen die Initiative "Grufties gegen Rechts" gegründet, und auch in Leipzig sollte das Massaker von Littleton ein Thema sein. Aber die von "Zillo" geplante Diskussion auf dem Gruftie-Treffen zum Thema "Eine braune Flut?" muß abgesagt werden. Eingeladen hatte Chefredakteur Asmodo unter anderem Josef Klumb, den ehemaligen Weissglut-Sänger, und auch Joachim Witt. "Mit solchen Leuten diskutieren wir nicht", sagen die Grufties gegen Rechts und kündigten an, die Diskussion zu sprengen. "Sie ist dennoch nötig", sagt Asmodo. "Obwohl die Grufties für mich eher eine Art Hippies der Neunziger sind; ein friedliebendes Völkchen, das sehr romantisch denkt und sich aus dem Alltagsstreß in den Schoß einer Art Ersatzfamilie zurückzieht."
Für viele kommt die wahre Gefahr nicht von rechts sondern durch den Kommerz. Bands wie Wolfsheim und Deine Lakaien haben die Nische längst verlassen und den Sprung in die Top ten der deutschen Verkaufscharts geschafft. Ihr Erfolg hat für ungeahnten Zulauf gesorgt: Im vergangenen Jahr pilgerten 7000 Schwarze zum Wave-Gotik-Treffen, dieses Jahr waren es mehr als 15000. Den "Wochenend-Grufties" begegnen die Vorreiter mit unverhohlener Ablehnung und manche sogar mit ein bißchen Existenzangst. Der Ausverkauf droht.
Am Pfingstmontag, zum Ende des Treffens, kommt es endlich doch noch zu einer öffentlichen Diskussion. Eigentlich sollte es um die Situation der Gruftie-DJs gehen, aber schon bald streiten sich die rund tausend Grufties um die Zukunft ihrer Bewegung. Frank aus Leipzig, ein bleicher Jüngling im violetten Staubmantel, formuliert einen flammenden Appell: "Wir sollten anders sein als der Rest. Wenn wir dieselben Strukturen haben wie überall auch, dann frage ich mich: Wo bleibt unsere Identität?"
Bald schon macht eine neue Schreckensnachricht die Runde. Fünf "Bravo"-Reporter sind auf dem Gelände gesichtet worden, um aus dem Alltag einer neuen Zielgruppe zu berichten. Würden den Grufties nicht sowieso die Haare zu Berge stehen - spätestens jetzt wäre es soweit.
Von Johannes Waechter

KulturSPIEGEL 6/1999
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