27.06.2015

Der Glücksbringer

Mit dem lässigen Reggae-Remix "Cheerleader" gelang Felix Jaehn der Sommerhit 2015. Auch seine Version von "Ain't Nobody (Loves Me Better)" erreichte gerade die Nummer eins der Charts. Wer ist dieser DJ, der weiß, wie man Hits macht?
Text MAREN KELLER & JONAS LEPPIN
Fotos TIM BRUENING
Felix Jaehn ist noch über 800 Kilometer entfernt, als in Pütnitz die Vorbereitungen für den Abend beginnen. Drüben auf dem Campingplatz wird überlegt, gegen wie viel Bier die freiwillige Feuerwehr wohl das mitgebrachte Schlauchboot mit Wasser füllt, hinter den Kulissen läuft der Veranstalter des Elektrofestivals Pütnitz auf und ab und spricht in sein Handy. Jaehn soll, wenn alles nach Plan läuft, um 19.23 Uhr in Hamburg landen. Dann knapp drei Stunden Fahrt Richtung Ostsee aufs Land, wo er an diesem Abend zwischen alten Bunkern und Schutzwallanlagen auflegen soll.
Früher war das hier mal ein russischer Militärflughafen. Aber jetzt sind die Hangars Parkhäuser, aus den Autos hallt der Bass, und auf den Pisten stehen Zelte, deren Schnüre an Getränkekisten geknotet sind. Weil man mit einem Felix Jaehn im Line-up zwar Festivalbesucher auf jedes verlassene Gelände bringt. Aber deshalb noch lange keinen Hering in den Asphalt.
Jaehn ist um 23 Uhr dran, auf der Hauptbühne, die zwischen Getränkeständen auf einem Sandplatz steht. "Wird knapp", sagt der Veranstalter. Und wirklich – es ist vier Minuten vor elf, als endlich der schwarze Audi vorfährt. Die Autotür öffnet sich. Heraus steigt Jaehn mit schwarzem Shirt und schwarzer Hose, die Haare ordentlich mit Gel zu einer kleinen Tolle frisiert. Das Lächeln, strahlend wie die weißen Turnschuhe. Er entschuldigt sich höflich für die Verspätung. Dann läuft er mit federnden Schritten Richtung Bühne.
"Viel los?", fragt Jaehn. Aber was soll man darauf sagen? Der Veranstalter spricht von 2500 Besuchern. Vor wenigen Tagen hat Jaehn noch in Hofgeismar vor 30000 Zuschauern aufgelegt. Kurz vorher kam er von einem Auftritt in Dubai. Seine Songs sind in 20 Ländern in den Charts. Allein in Deutschland gelang ihm in diesem Jahr zweimal ein Nummer-eins-Hit sowie ein neuer Rekord für die meisten Streamings an einem Tag. Das Video zu seinem ersten großen Hit wurde insgesamt ebenfalls über 500 Millionen Mal angeklickt.
Seine Lieder laufen eigentlich immer, sobald man gerade das Radio anmacht oder einen Kiosk betritt oder neben einem Auto mit heruntergedrehten Scheiben an der Ampel steht. Felix Jaehn macht die Musik, die auch Leute kennen, die sich nicht für Musik interessieren. Im Moment mit dem sommersentimentalen "Ain't Nobody". Und davor mit dem tropisch entspannten "Cheerleader", über dessen Trompetenmelodie sich seine Oma sehr gewundert hat. Ihr Fefi spielt doch gar keine Trompete.
Jaehn weiß nicht so recht, wie er ihr überhaupt erklären soll, was er in London im Studienfach "Sound Engineering" gelernt hat. Dass er jetzt weiß, wie das Musikbusiness aufgebaut ist und was Verlag, Management, Plattenfirma und Bookingagentur so machen. Ein Jahr lang hat Jaehn in London studiert, hat Module in Komposition und Musikproduktion belegt, danach ist er nach Berlin gezogen. Seit einer Weile wohnt er wieder bei seinen Eltern in einem Dorf irgendwo an der Lübecker Bucht, das so klein ist, dass Jaehn lieber sagt, er wohne in Hamburg, wenn er nach seinem Wohnort gefragt wird. Er sagt: "Das ist international einfacher."
Jaehn ist gerade einmal 20 Jahre alt, aber wenn man ihn nach seinen Zielen für die Zukunft fragt, fällt ihm die Antwort schwer. Noch vor einem Jahr hätte er gesagt, sein Ziel sei, so erfolgreich zu sein, dass er weiter Musik machen kann. Inzwischen hat er einen Vertrag bei Universal. Er hätte gesagt, er wolle in den USA spielen. Noch diesen Sommer wird er in New York und Los Angeles auflegen. Er hätte gesagt, er wolle ein eigenes Album aufnehmen. Zurzeit nimmt er in Studios in Stockholm und Oslo mit verschiedenen Musikern und Sängern auf.
Noch in diesem Jahr soll das Album dann erscheinen, mit dem Jaehn beweisen muss, dass seine eigenen Lieder genauso erfolgreich sind wie seine Neuabmischungen fremder Lieder. Denn bisher ist Jaehn mit Remixen erfolgreich.
WEHMUT IN DISKOKRACHERN
So erfolgreich, dass die Plattenfirma längst alle Remix-Anfragen streng vorfiltert, die jeden Tag an ihn geschickt werden. Oft melden sich auch unbekannte Sänger. Wenn Jaehn ein Lied remixt, dann profitieren alle davon – vor der Veröffentlichung werden die Beiträge der Autorenschaft zwischen den beteiligten Seiten ausgehandelt. Jaehn hat die Gabe, etwas in Liedern zu hören, das andere nicht hören. Er lädt Lieder mit einer neuen Stimmung auf. In Diskokrachern entdeckt er zerbrechliche Wehmut. In seinem Remix klingen seine Songs oft wie mit einem akustischen Sepia-Filter überzogen.
"Ain't Nobody" kannte schon vor Felix Jaehn jeder – deshalb wäre es den meisten wohl als eher unwahrscheinlich erschienen, dass daraus noch mal ein Hit werden würde. "Cheerleader" kannte vor Felix Jaehn niemand – deshalb wäre es den meisten wohl als sehr unwahrscheinlich erschienen, dass daraus jemals ein Nummer-eins-Hit werden würde.
FAST SCHON NAIV
Jaehn sagt, als er "Cheerleader" gehört habe, hatte er einfach das Gefühl, dass er aus dem Song noch mehr rauskitzeln könne. Er hat sich die A-capella-Version schicken lassen und den Gesang schneller gemacht. Dann hat er ein neues Gerüst drum gebaut, wie er es nennt. Er sagt: "Viele sagen, dass 'Cheerleader' von der Komposition her fast schon naiv ist, aber manchmal ist weniger eben mehr."
Er zieht einen USB-Stick aus seiner Brusttasche und hält ihn in die Luft. Seine ganze Arbeit findet sich am Ende auf diesem mobilen Datenträger wieder. Das ist praktisch, hat es der elektronischen Musik aber auch immer etwas schwer gemacht, ernst genommen zu werden. Denn als Dj muss man weder singen noch ein Instrument spielen können – es reicht ein Notebook.
Inzwischen hat sich DJ-Musik aber nicht nur als Kulturgut durchgesetzt, Musiker wie David Guetta haben aus dem oftmals kalten elektronischen Tanz-sound massentaugliche Pop-Nummern gemacht, die locker in die Charts ploppen. Auch in Deutschland sind DJs wie Jaehn oder der 28-jährige Robin Schulz aus Osnabrück über die Nische der Elektro-szene zu Stars geworden.
Wenn Jaehn entscheidet, ob er ein Lied remixen soll, stellt er sich drei Fragen, sagt er. Erstens: Hat das Lied Potenzial? Zweitens: Kann er sich mit dem Künstler identifizieren? Und drittens: "Leider inzwischen auch, ob das businesstechnisch Sinn macht."
Jaehns Vater hat BWL studiert. Genau wie seine Mutter und seine beiden Brüder. Jaehn hat nach seinem Londoner Kurs BWL zwar angefangen, aber bald wieder abgebrochen. Irgendwann hat er sich eingestanden, dass er eh nur wegen der Musik nach Berlin gezogen ist. Eine kleine kritische Phase sei das für seine Eltern gewesen, sagt Jaehn heute. "Erst mal war da gar nichts cool. Du kannst ja nicht einfach nach Hause kommen und sagen: Ich mach jetzt Musik."
Einen ganzen Monat dauerte die kleine, kritische Phase, immerhin. Dann bekam Jaehn die Zusage für einen dualen Studienplatz bei einem Musikverlag. Das Studium hat er nur deshalb nie angetreten, weil seine Musik in der Zwischenzeit zu erfolgreich geworden ist. Seitdem machen sich die Eltern keine unruhigen Gedanken mehr über die Zukunft des Sohns, sondern verfolgen die Platzierungen in den iTunes-Charts und bei Spotify.
Das Geld, das Jaehn jetzt verdient, spart er. Er hat sich nur etwas Studioequipment, eine Minimarimba und ein paar neue Klamotten gekauft. In Musikvideos sieht man ihn an der frischen Luft Burger essen und einen Smart fahren. Er macht Sport zum Ausgleich, damit er vom vielen Fliegen keine Rückenschmerzen bekommt. Nichts an Jaehn ist nicht vernünftig. Wenn man so will, ist er der Mario Götze der Musikindustrie.
Sekundärtugenden allein machen vielleicht noch keine Nummer-eins-Hits, aber Jaehn sagt: "Ich bin der Meinung, dass die Musik ein Stück weit auch ein Beruf ist und man den immer gut und professionell machen sollte. Andere lassen sich im Büro ja auch nicht volllaufen." Sollen die anderen hier doch Shirts und Schilder tragen, auf denen "rotzevoll" steht oder "RIP Niveau". Jaehn will nichts weiter als ein Wasser und ein Bier, als er um kurz nach 23 Uhr endlich auf die Bühne geht, wo gerade noch zwei andere DJs auflegen. Schulterklopfen. Händeschütteln. Man kennt sich. Man mag sich. Jeder mag Jaehn.
Besonders die Mädchen. Da ist zum Beispiel Sarah, 12, die von ihren Eltern hinter die Bühne begleitet wird. Eigentlich sollte Sarah längst im Bett sein, sagt die Mutter. Aber Sarah wollte unbedingt hierher, weil dieses eine Lied so richtig cool ist. Und weil kein anderer so cool ist wie er. Ain't nobody. Und weil sie unbedingt dieses Foto mit Felix machen will, Seite an Seite, Arm in Arm, das sie gleich heute Abend noch als ihr neues WhatsApp-Profilbild einstellen wird.
Dann endlich gehen auf der Bühne die Lichter an, und mitten im Scheinwerferlicht steht Jaehn. Aus der Menge hört man Jubel. Und aus den Lautsprechern die ersten Takte seines Sets. Ein Remix von "You've Got the Love". "Sometimes I feel", singt die klare, kraftvolle Stimme von Florence Welch, "like throwing my hands up in the air". Und Felix hebt den linken Arm den lila Lichtern im Himmel entgegen. Dann setzt der Bass ein und alles andere für einen Moment aus. Gebräunte Beine stampfen auf, blonde Haare fliegen, alle Hände in die Luft, alle Autos tiefergelegt.
KONZENTRIERTER SPASS
Jaehn sagt, die Aufgabe eines DJs sei es, dass die Leute eine gute Zeit haben. Und damit die Leute eine gute Zeit haben, muss er selbst eine gute Zeit haben, auch wenn zwischendurch bis zu 15 andere Menschen auf der Bühne stehen, die fotografieren oder Geräte anschleppen. Der Boden der Bühne vibriert vom Bass. Jaehn drückt Knöpfe, setzt die Kopfhörer auf und wieder ab, klatscht, singt mit. Konzentrierter Spaß. Seine Füße bewegen sich unablässig zur Musik. Jaehn lässt seine Arme schweben. Ganz schön gut aufgelegt.
Jaehn sagt, er hat sein Set so aufgebaut, dass seine eigenen Sachen gleichmäßig verteilt sind. Und er nicht nur Lieder von anderen spielt. Manchmal fuchst es ihn ein bisschen, dass er nur für seine Remixe bekannt ist und nicht für eigene Songs. Und vielleicht wird sein Album ja die Menschen wirklich davon überzeugen, dass er auch eigene Lieder schreiben kann. Vielleicht werden die Menschen dann ja wirklich seine eigenen Texte mitsingen. Vielleicht werden sie den ganzen Abend auf diesen einen Moment warten. Vielleicht wird es so sein.
Aber in diesen Tagen spielen die Radiostationen erst mal sein neuestes Lied: Ein Remix von Ed Sheerans Song "Photograph". Und als in Pütnitz endlich die zarte Mädchenstimme von Jasmine Thompson über die Tanzfläche hallt, steht Sarah, glücklich und müde, mit ihren Eltern am Fuß eines Grashügels und filmt den ganzen Auftritt mit.
FOTO: EBET ROBERTS / CONTOUR / GETTY IMAGES (R. U.)
Von Maren Keller und Jonas Leppin

KulturSPIEGEL 7/2015
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