25.10.1999

TheaterBÜHNEN UND PREMIEREN

BASEL
STIEFEL MUSS STERBEN: Vor zehn Jahren saß der 1976 ausgebürgerte DDR-Schriftsteller Thomas Brasch schon einmal an dem Drama "Die deutschen Kleinstädter" von August Kotzebue. Dann kam die Wende - und mit ihr ein bisschen zu viel Deutschland. Das Fragment über die verspießerte Beschränktheit seiner Landsleute und das Leben des ermordeten Goethe-Zeitgenossen schloss er erst mal weg. Jetzt inszeniert Braschs Ex-Freundin Katharina Thalbach seine Neudeutung. Die Rolle der Sabine spielt Thalbach-Tochter Anna.
Uraufführung am 19.11. im Schauspielhaus. Auch am 24., 25. und 28.11., Tel. 0041/61/295 11 33.
BERLIN
ROSENKRIEGE. RICHARD III - DER FORTSCHRITT: Der böseste aller Herrscher kommt zuletzt: Johann Kresnik inszeniert den letzten Teil von Shakespeares Rosenkriegen im Prater der Volksbühne. Sein Richard ist nicht weniger tyrannisch, obwohl er eine sie ist - gespielt von Karin Neuhäuser.
Premiere am 11.11. im Prater der Volksbühne. Auch am 12., 14., 15., 26. und 30.11., Tel. 030/247 67 72.
DIE TRACHINERINNEN DES SOPHOKLES: Da schreibt einer vor 2500 Jahren eine Tragödie über Liebe, Gewalt und Ehebruch - und muss sich gefallen lassen, dass seine Nachfahren auch noch mal drangehen. Jetzt inszeniert Matthias Langhoff, der Bruder von Noch-Intendant Thomas, die Fassung des Sophokles-Stückes, die Thomas Brasch auf Grund der Bearbeitung des amerikanischen Schriftstellers Ezra Pound machte. Wem das zu kompliziert ist, wird entschädigt - von der wunderbaren Dagmar Manzel in der Hauptrolle als Dejaneira.
Uraufführung am 31.10. im Deutschen Theater. Auch am 6., 7., 18. und 28.11., Tel. 030/28 44 12 25.
DER MANN, DER NOCH KEINER FRAU BLÖSSE ENTDECKTE: Anscheinend unbeeindruckt von den Gerüchten, er werde vielleicht der neue Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, konzentriert sich Stefan Otteni erst mal ganz auf seine Aufgabe, aus den Kammerspielen die neue Baracke zu machen. Gerade erst kündigte er neue, experimentelle Spielformen an: Demnächst will er die Ausgaben des SPIEGEL wöchentlich in Szene setzen. "Am Montag und Dienstag wird zusammengestrichen, dann drei Tage geprobt, Freitag und Samstag aufgeführt", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen". Bevor man das erleben darf, inszeniert Otteni aber erst mal nur eine Geschichte: Moritz Rinkes viel gelobtes Stück über Germanisten-Schreck Helmbrecht, der sich in den Theaterbetrieb von heute verirrt. In der Rolle der Anna: "Das Mädchen Rosemarie" Nina Hoss - diesmal leider so gut wie blößenlos.
Premiere am 10.11. in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Auch am 12., 14., 17., 23. und 26.11., Tel. 030/28 44 12 25.
GÖTTINGEN
CHRISTIANE LAWRENZ: Ein nahezu unbekanntes Gerhart-Hauptmann-Stück hob das Göttinger Schauspielhaus auf den Spielplan: Die zu Hauptmanns Lebzeiten unveröffentlichte Familientragödie erzählt die Geschichte der 37-jährigen Christiane, die einen Sohn von ihrem Stiefvater hat und die Liebe zu Hauslehrer Beck vertuschen muss. Unerwartet und plötzlich nimmt die Handlung in einer Gewitternacht eine plötzliche Wandlung - und driftet vom Hauptmannschen Naturalismus in surrealistische Sphären ab.
Deutsche Erstaufführung am 27.11. im Schauspielhaus. Auch am 29.11., Tel. 0551/49 69 11.
FRANKFURT/MAIN
TAT-ANFÄNGE: DEUTSCH FÜR AUSLÄNDER. Nach ihrer misslungenen "Faust II"-Bearbeitung im Schauspielhaus ist erst mal Schluss mit Klassik. Jetzt schreiten Tom Kühnel und Robert Schuster als neue Leiter des Frankfurter TAT zur Tat. Die Idee des Regieduos: Lern- und Lehrtheater von jungen Autoren mit neuen Themen. Ihre nächsten vier Projekte - allesamt Uraufführungen - haben die Überschrift "TAT Anfänge - Lernen", die Titel: "Sprechen", "Handeln", "Deuten" und "Denken". Der Anfang von "Anfänge" wird ein Sprachkurs für Ausländer sein, der Fremde in Wesen und Gebräuche deutscher Sprache einführt. Weiter geht's mit "Welttheater", einer Fortsetzungsgeschichte. Zu festgelegten Charakteren erfinden Autoren abwechselnd die Handlung. Auf das Experiment eingelassen haben sich drei der derzeit viel versprechendsten Jungdramatiker: Marius von Mayenburg, Albert Ostermaier und Roland Schimmelpfennig.
Uraufführungen am 5., 6. und 23.11. im TAT, Tel. 069/21 23 79 99.
HAMBURG
DER UNTERGANG DER TITANIC: Das Hamburger Schauspielhaus verordnet sich zum 100-jährigen Jubiläum eine radikale Verjüngungskur - mit frischen Stücken (u.a. von Rainald Goetz, Thomas Jonigk und Biljana Srbljanovic) und ebensolchen Regisseuren (Stefan Bachmann, Christoph Marthaler). Den Anfang macht Anselm Weber: Enzensbergers moralinsauren Abgesang auf den Kommunismus in Kuba und anderswo erklärt er zur "Komödie in 33 Gesängen". Musikalisch unterstützt ihn Franz Wittenbrink ("Männer!", "Sekretärinnen").
Uraufführung am 11.11. im Schauspielhaus. Auch am 12., 14., 27. und 30.11., Tel. 040/24 87 13.
HEADLESS BODY IN TOPLESS BAR: Mit der Schlagzeile "Körper ohne Kopf in Oben-ohne-Bar" betitelte die Boulevardzeitung "New York Post" einen Bericht über einen Raubmord in einem Striplokal. Der amerikanische Drehbuchautor Peter Koper nahm Zeile und Story, und Regisseur James Bruce machte einen spektakulären Independent-Film daraus. Die sadistische Geschichte hat Dramatiker Klaus Pohl jetzt ins Deutsche übersetzt, es inszeniert Barbara Bürk.
Premiere am 14.11. im Malersaal. Auch am 19., 20., 25., 26. und 27.11., Tel. 040/24 87 13.
HANNOVER
EICHE UND ANGORA: Martin Walser hat den Nobelpreis nicht bekommen - noch nicht. Obwohl auch er wie Kollege Grass immer dann am besten war, wenn er das Nachkriegsdeutschland beschrieb. Der Baracke-erprobte Michael Talke, 34, versucht sich nun an Walsers Chronik von 1962, die von deutschen Bäumen und jüdischen Kaninchen erzählt.
Premiere am 20.11. im Schauspielhaus. Auch am 25. und 27.11., Tel. 0511/99 99 11 11.
MANNHEIM
TATAR TITUS: "Seht ihn an den Dichter. Trinkt er, wird er schlichter", kalauerte Robert Gernhardt. Bei Dramatik-Shootingstar Albert Ostermaier, 31, ist der Fall tragischer: Seine Dichterfigur Titus ertrinkt in der Sprache, die er im Auftrag der Mächtigen schuf. Sie frisst ihn auf, macht Hackfleisch aus ihm. Beefsteak Tatar. Sein intelligent-aktuelles Stück über das Scheitern eines politisch engagierten Schriftstellers (Peter Handke grüßt auf Serbokroatisch) wurde 1997 als Entdeckung gefeiert und findet jetzt - nach einer Werkstattinszenierung in Hannover - endlich zur Uraufführung. Es inszeniert Schauspieldirektor Peter Klimek, FM Einheit, Ex-Schlagwerker der "Einstürzenden Neubauten", komponierte.
Uraufführung am 20.11. im Schauspiel. Auch am 21., 22., 27. und 28.11., Tel. 0621/248 44.
MÜNCHEN
NEUES DEUTSCHLAND: Auf einer Party in der Silvesternacht 1999/2000 treffen vier Westdeutsche auf einen ehemaligen DDR-Funktionär und dessen arbeitslosen Sohn. Während draußen die Raketen explodieren, wartet man drinnen auch nicht lange auf den großen Knall. Das bissige Stück von Jörg Michael Koerbl inszeniert die Ost-Berliner Regisseurin Cornelia Crombholz (siehe Porträt S. 28). Mit dabei: Faßbinder-Filmstar Irm Hermann, seit ihrer Rolle als Doris Schröder-Köpf in Schlingensiefs Frühjahrskomödie "Berliner Republik" bestens erprobt in innerdeutschen Angelegenheiten.
Uraufführung am 24.11. im Residenztheater. Auch am 25.11., Tel. 089/21 85 19 40.
SCHWERIN
MANHATTAN MEDEA: Vielschreiberin Dea Loher verfrachtete die mörderische Griechin ins New York der Neunziger. Hier rächt sie sich an Jason, der die Tochter eines Sweatshop-Bosses liebt. Lohers mit allerlei Vorschusslorbeeren bedachte Neusicht des Mythos feierte gerade in Graz Uraufführung, schnell sicherte sich Schwerin die Deutschlandpremiere.
Deutsche Erstaufführung am 29.10. im E-Werk, Tel. 0385/530 01 23.
WIEN
MERLIN ODER DAS WÜSTE LAND: Es scheint, als hätte Regisseurin Karin Beier endgültig genug von Shakespeares Dramen. Bevor sie am Hamburger Schauspielhaus eine Inszenierung ohne Stück mit dem Namen "Futur Zwei" macht, begibt sie sich in Wien noch schnell auf altbewährte Gralssuche. Sie inszeniert Tankred Dorsts opulentes Erzähltheater um Artus, die Ritter und den Zauberer mit dem schönen Namen.
Premiere am 4.11. im Akademietheater. Auch am 6., 7., 14., 27., 28. und 30.11., Tel. 0043/1/ 514 44 42 18.
ZÜRICH
ER NICHT ALS ER: Elfriede Jelinek spricht zu Dichter-Kollegen Robert Walser. Oder spricht er zu ihr? Nach der umjubelten Uraufführung von Jossi Wieler bei den Salzburger Festspielen 1998 macht sich jetzt auch Elias Perrig an Frau Jelineks Hommage an den Schweizer, der 23 Jahre stumm in einer Heilanstalt verbrachte.
Schweizer Erstaufführung am 11.11. im Theater Neumarkt. Auch vom 16.- 20., 23.-27.11., Tel. 0041/1/267 64 64.

KulturSPIEGEL 11/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


KulturSPIEGEL 11/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • NBA-Basketball: Der verpatzte Dunk
  • Gewalt in Partnerschaften: Jeden dritten Tag wird eine Frau getötet
  • Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"
  • Amateurvideo aus Italien: Tornado an der Amalfiküste