31.01.2000

Kunst

Pia Stadtbäumer

Von WIENSOWSKI, INGEBORG

Auf der Kunstakademie in Düsseldorf spotteten die Kommilitonen über ihre realistischen Figuren. Das war, sagt die Bildhauerin, ihr Glück.

Ihre erste Ausstellung verdankt Pia Stadtbäumer, 40, dem Schlaf. Und ihrer Höflichkeit. Als der Münchner Galerist Rüdiger Schöttle auf der Suche nach Nachwuchstalenten ihren Ateliernachbarn besuchen wollte, schlief der. Sie weckte ihn nicht, sondern führte Schöttle in ihr Atelier - und hatte nach einer Stunde eine erste Ausstellung in der Tasche. Stadtbäumers Arbeit hat den Galeristen schwer beeindruckt: "Realistische Kunst ist die schwierigste Form der Kunst."

Stadtbäumer setzte sich trotzdem durch. Ihre realistischen Skulpturen sind gefragt und stehen in Museen und großen Sammlungen. Wie schwierig der Weg dahin sein würde, davon hat Stadtbäumer nichts geahnt, als sie 1981 ihr Kunststudium an der Akademie in Düsseldorf begann: Die Kommilitonen malten, Stadtbäumer modellierte - "ganz klassisch figurativ" und zum Spott der Szene immer realistisch. Das war total out, die isolierte Künstlerin musste sich alles selbst beibringen. "Das war mein Glück", sagt sie heute, "ich war völlig frei."

Sie entschied sich, nicht nach lebenden Modellen zu arbeiten, sondern nur nach Fotografien von Freunden und Bekannten. Das habe Distanz geschaffen zu den Personen. "Charakterbilder interessieren mich nicht, und ich wollte auch nie irgendeinen Harald harmlos und naiv abbilden." Sie will kein Abbild schaffen, sondern die Figuren nach eigenen Vorstellungen gestalten.

Stadtbäumer arbeitet zuerst mit Ton und nimmt davon Negativ-Formen aus Gips ab, die sie mit Wachs oder Kunststoff ausgießt. Zum Schluss werden die Skulpturen geglättet und manchmal geschmückt oder verfremdet. Die Kinder ihrer neuen Serie "Max und Clara" zum Beispiel lässt Stadtbäumer mit Spielzeugwaffen, Scheren und Messern hantieren; Clara trägt mal Strumpfhosen, hat mal blutige Vampirzähne oder ein verspiegeltes Auge. Max hat sie eine Langhaarperücke auf den Kopf gesetzt oder ein Lamm über die Schultern gelegt. Spielen die Kinder ein unschuldiges Verkleidungsspiel? Oder sind es vielleicht kleine, aggressive Monster? Die Symbolik ihrer Figuren will Stadtbäumer nicht interpretieren, stattdessen antwortet sie freundlich: "Ich glaube, dass man auch heute mit realistischen Skulpturen zeitgenössische Probleme ausdrücken kann."

Vor ein paar Wochen ist sie bei einer Ausstellung von einer Besucherin angesprochen worden, die sich über die Clara mit der Strumpfhose empörte. "So etwas darf man doch nicht mit Kindern machen", sagte sie zur Künstlerin. Stadtbäumer schwieg. Die wirklich skandalöse Geschichte, dachte sie, dürfte sich wohl im Kopf der Betrachterin abspielen.

Ingeborg Wiensowski

Ausstellung: "Ich ist etwas Anderes"; siehe Düsseldorf.


KulturSPIEGEL 2/2000
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