Von EHLERS, FIONA
VON FIONA EHLERS
Kaum Wolken an diesem Morgen. Die Sonne wandert am klarblauen Wiener Himmel hoch, es sieht nach Hitze aus. Bis in die kleine Bibliothekskammer hinter dem vergitterten Fenster dringt sie nicht, die Geräusche des Sommers bleiben außen vor. Pflichtbewusst staubwedelt der Bibliothekar im grauen Hausmeisterkittel die Bücher in den Regalen. Manchmal bleibt er am Fenster stehen, sieht das Volkstheater gegenüber, die Tram der Linie 49 mit gehetzten Menschen darin. Der Blick aus dem Fenster ist für ihn wie eine Versicherung, noch in der Welt zu sein.
"Es genügte, sich durch die Beobachtungsfenster von dem Weiterbestehen einiger Naturgesetze zu überzeugen", schrieb Elias Canetti in dem Roman "Die Blendung". Diesen Satz merkte sich der Bibliothekar Julius Deutschbauer. Aus ihm machte er eine Frage. Er stellt sie immer als erste: "Welches Wetter haben wir heute?" Dann die zweite, seine wichtigste:
Welches Buch haben Sie noch nicht gelesen?
Es ist ein Buch, das möglicherweise berühmt dafür ist, so schwer zu lesen zu sein, dass es nur wenige tatsächlich lesen.
Wie oft haben Sie das Buch noch nicht gelesen?
Schon drei- oder viermal.
Hätten Sie Spaß daran?
Vielleicht möchte ich es lesen, weil es den Ruf hat, auch sehr langweilig zu sein.
Was soll ich Sie noch mehr fragen?
Wann ich es endlich lesen werde.
Wann werden Sie es lesen?
In frühestens elf Jahren.
Künstlerin Linda Bilda über "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil
Das Buch von Musil kaufte der Bibliothekar und stellte es ins Regal in der Kammer hinter dem Fenster. Auf ihm klebt nun ein Schild, darauf steht: "Dieses Buch hat Linda Bilda noch nicht gelesen." Daneben die andern 400 Bücher: achtmal Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", siebenmal "Ulysses" von James Joyce, das Wiener Telefonbuch, Stalins gesammelte Werke, "Lonely Planet" über Japan, elfmal die Bibel, "Endlich Nichtraucher!" von Allen Carr, Psychologisches von Freud, Arno Schmidts "Zettels Traum", "Mein Kampf" von Adolf Hitler und das "Deutsche Wörterbuch" der Brüder Grimm. Kein Buch hat ausgefranste Ränder, keins ein Eselsohr. In dieser Bibliothek sind die Bücher unbenutzt, vergessene Werke, ungewollte, einschüchternde, zu große, zu dicke - Ladenhüter der Weltliteratur.
Vor drei Jahren gründete Julius Deutschbauer, 38, die Bibliothek ungelesener Bücher im Wiener Museumsquartier. Einmal wöchentlich ist der "künstlerische Bibliothekar" im Dienst. Dann sitzt er mit Mikrofon und Minidisc-Rekorder in Wiener Kaffeehäusern und deutschen Bars, trifft Künstler, Freunde, Prominente. Sie sollen ihm das Buch beschreiben, das sie noch nicht gelesen haben. Seine Fragen stammen hauptsächlich aus Werken von Canetti, Diderot, Handke, Jonke. Die Buchgespräche auf Minidisc stellt er in seiner Bibliothek auf einen Tisch neben das Regal, damit Bibliotheksbesucher sie mit ihren Vorstellungen über Bücher vergleichen können.
Wonach halten Sie Ausschau, wenn Sie lesen?
Nach Bildern, die mich treffen.
Was hätten Sie in Ihrem ungelesenen Buch verloren?
Meine Zeit.
Was würde es besagen, hätten Sie es gelesen?
Dass ich ein belesener Mensch bin.
Was erhoffen Sie sich darin?
Dass es mich nicht allein zurücklässt.
Liegt Ihnen an der Wahrheit?
Nein. Sonst würde ich keine Bücher lesen.
Künstlerin Judith Rößler über "Auf
der Suche nach der verlorenen Zeit"
von Marcel Proust
Weil ungelesene Bücher in Auflage und Verbreitung gelesene bei weitem übertreffen, schuf Deutschbauer ihnen ein Domizil. Was ist das Geheimnis ungelesener Bücher? "Etwas Fertiges noch einmal erfinden, zum eigenen Buch vorerfinden", sagt er. Ungelesene Bücher sind noch möglich, sie liegen irgendwo auf der Strecke, gelesene sind aber längst zur Strecke gebracht. Es geht nie um das Buch selbst: "In der Phantasie über Ungelesenes erfahre ich, wie und warum jemand liest." Sind ungelesene die besseren Bücher? "Besser als viele", sagt der Bibliothekar.
Wie oft haben Sie Ihr ungelesenes Buch noch nicht gelesen?
Zweimal. Weil ich das Gefühl habe, es ist wie ein schweres Samtkleid mit Bleiabschlüssen. Ich kann es noch nicht tragen.
Hätten Sie es gelesen, was würde das besagen?
Das Buch würde mich nicht mehr beschweren.
Sind Sie jemals verliebt gewesen, eines Buches wegen?
Ja.
Was reizt Sie an Ihrem ungelesenen Buch?
Es ist eine Reise, die ich mir aufsparen möchte und vielleicht nie antreten werde.
Künstlerin Petra Egg über "Fluss ohne Ufer" von Hans Henny Jahnn
Als künstlerischer Bibliothekar darf Deutschbauer nicht plauderig sein wie ein Buchhändler, er ist wortkarg, unhöflich, kauzig. Zur grauen Dienstuniform trägt er stets ein verzweifeltes Lächeln im Gesicht. Als ob eine schwere Bürde auf ihm lastet. Die Bürde des Bewältigens von Stoffen, die andere bei ihm abgeben, um sich für immer von ihnen zu befreien. Der Bibliothekar als Sozialarbeiter - eine schwierige Rolle. Deutschbauer spielt sie perfekt, nie ohne Ironie. Er ist ein bisschen wie der sture Bibliothekar bei Musil, der nur die Titel, nicht die Inhalte seiner Bücher kennt. Aus Angst, in ihnen verloren zu gehen. Und ein bisschen wie der devote Bücherwurm im "Ulysses".
Vielleicht beherrscht er seine Rolle so gut, weil sie seinem Leben ähnelt. Nach Feierabend ist Deutschbauer am liebsten "Insektenleser", einer, der von Buch zu Buch flattert und einzelne Sätze ansaugt, ein paar hier, ein paar da. Im Durchschnitt liest er 50 Bücher gleichzeitig, am Proust schon seit sieben Jahren, zur Zeit gerade die Seite 1200. Sein siebenjähriger Sohn kennt das Gesicht des Vaters nur als Buchrücken, in Gesellschaft macht er sich unbeliebt, weil er zum Buch greift, wenn andere lustig sein wollen. "Menschen reden zu viel", findet er. Und ist froh über seine Flucht in die tröstende Gegenwelt.
Wie begann das mit Ihrem Buch, hat es sich einfach vor Sie hingestellt und gerufen: ,He, Sie da?'
Es begann mit "Mutmassungen über Jakob". Mich faszinierte die Sprache, die Stimmung, der Tonfall, die Aura. Nicht die Geschichte, die weiß ich nicht mehr.
Was erhoffen Sie sich darin?
Die Geschichte des Autors, der sich zu Tode getrunken hat.
Was ist ein glücklicher, was ein unglücklicher Mensch?
Glückliche Menschen schreiben keine Bücher, sie haben einen Abstand zwischen sich und dem Glück.
Bundestags-Vizepräsidentin Antje Vollmer über "Jahrestage" von Uwe Johnson
"Mittlerweile lese ich am liebsten von hinten", sagt Deutschbauer. Er beginnt mit der letzten Seite, weil er es nicht mag, wenn ihn Handlungen beherrschen. Es ist die Sprache, der er nahe sein will. Deshalb lassen den Bibliothekar all die Gründe verzweifeln, die Leser für ihr Nichtlesen anbringen. Keine Zeit, keine Muße, fehlender Mut. Er will nicht ihr Beichtvater sein. Und auch nicht der Tröster ihres schlechten Gewissens. Dass seine Bücherwände trotzdem eine Art Klagemauer des Bildungsbürgertums sind - die meisten seiner Bücher stehen auf Listen, die Wissenschaftler und Kritiker für lebensnotwendig halten - macht ihn mürrisch. Der Bibliothekar will niemanden auf Grund seines Halbwissens denunzieren. Er will zum Lesen verführen. Und subversiv dem Literaturbetrieb in den Schlund schauen.
Was hat es mit Ihrem ungelesenen Buch auf sich?
Dass ich mir im Moment den Luxus gönne, es noch nicht zu lesen.
Was ist ein Büchernarr und was ein Büchermuffel?
Ein Büchermuffel ist einer, der mit dem Telefonbuch und als Pendant mit der Bibel zufrieden ist. Ein Narr jemand, der Bücher um sich häuft, um sich darin zu verlieren.
Was kann bei solchen Buchbesprechungen, wie wir sie führen, schon herauskommen?
Information.
Ahnen Sie etwas?
Ich ahne etwas, aber ich weiß nichts.
Verleger Gerhard Theewen über "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust
Über die angebliche Krise der Literaturkritik, übers Lesen, das droht, aus der Mode zu geraten, zuckt der Bibliothekar mit den Schultern. Wozu Gedanken machen, wenn ein Buch sowieso so oft existiere, wie es Leser hat. Warum das Rezensieren von Büchern, wenn die Feuilletonisten fortwährend nur ein Buch, ihr eigenes, kritisierten. Wie viel sinnvoller sei es da, Unbekanntes zu besprechen. Der Nutzen daran? Nichts als die Lust am Erfinden.
Auf welche Gesellschaft träfen Sie in Ihrem ungelesenen Buch?
Exakt auf die, der ich in der DDR ausgeliefert war. Vielleicht deshalb der therapeutische Drang, es zu lesen.
Was hätten Sie dort verloren?
Meine Jugend.
Gäbe es darin einen Trostspender?
Ich glaube, es ist eine ziemlich untröstliche Lektüre.
Würden Sie auch Spaß daran haben?
Vielleicht mit einem Schuss Ironie und dem einen oder anderen Whisky.
Wäre es ein Ort des Verbrechens?
Es wäre vielleicht sogar ein Verbrechen, es zu lesen. Dieses Buch ist ein schriftgewordenes Massaker.
Schriftsteller Durs Grünbein über die Gesammelten Werke von Josef Stalin
Zurzeit trägt Deutschbauer in der Tasche seines Kittels "Die Reise nach Petuschki" mit sich herum, einen Roman des Russen Wenedikt Jerofejew. Darin wieder Sätze, die glücklich machen. "Der Autor beschreibt das Trinken wie ich das Lesen", sagt er. Die Quintessenz: Es gibt Schlucke, die kann man sich ersparen. Der Mut zum ungelesenen Buch.
Was sind am Schluss eines Buches für gewöhnlich Ihre Gedanken?
Ich habe Bücher gern, die mich am Ende hängen, ratlos lassen. Da fange ich dann an nachzudenken.
Maler Gottfried Helnwein über "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust
"Was soll aus mir werden, wenn ich nichts mehr zu fragen habe?", ist oft eine der letzten Frage des Bibliothekars. "Schweigen Sie", raten ihm die Nichtleser, "stellen Sie endlich das Mikrofon aus." Julius Deutschbauer aber wünscht sich ein Lesestipendium, jemanden, der ihn bezahlt dafür, dass er die Bücher seiner Bibliothek bis in alle Ewigkeit liest - stellvertretend sozusagen. Und einen Diwan für die kleine Kammer hinter dem Fenster. Denn wie fast alle seiner Besucher beantwortet der Bibliothekar die Frage nach der Lieblingsstellung beim Lesen mit "liegend".
.......................................................
"Bibliothek ungelesener Bücher", Museumsquartier, Museumsplatz 1/1, Wien, Tel. 0043/1/522 67 94. Anfang September ist der Bibliothekar Julius Deutschbauer in den Hamburger Kammerspielen zu Gast, Tel. 040/41 33 44 44.
KulturSPIEGEL 7/2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.