31.07.2000

TheaterJon Fosse

Der norwegische Autor hat mit seinen wunderbar traurigen Stücken internationalen Erfolg. Jetzt kommt „Der Name“ in Salzburg heraus.
Zum Glück ist Theater nicht immer so. Eineinhalb Stunden lang stehen da ein paar Figuren auf der Bühne und tun nichts anderes als reden. Und schweigen. Einmal knallt eine Tür, einmal brennt für kurze Zeit ein Feuer. Das ist der Höhepunkt an Action in Jon Fosses Stück "Sommertag", wie es gerade in einer norwegischen Inszenierung bei der Bonner Biennale zu sehen war.
Leider ist Theater viel zu selten so. Kein Effekt versperrt hier den Blick auf die scheinbar alltäglichen Konflikte und die Seelennöte der Personen. Die poetische Klarheit ist sicher einer der Gründe, warum die Dramen des Norwegers Jon Fosse, 40, auch international so erfolgreich sind - Fosse ist in rund 20 Sprachen übersetzt, von Portugiesisch bis Polnisch.
Jetzt ist erstmals ein Stück von ihm auf Deutsch zu sehen: Der Berliner Schaubühnenchef Thomas Ostermeier, 31, bringt bei den Salzburger Festspielen "Der Name" aus dem Jahr 1995 heraus. Ein typisches Fosse-Stück: Ein schwangeres Mädchen kehrt zu seinen Eltern zurück, zusammen mit seinem Freund, weil sie nicht wissen, wohin. Die Eltern lehnen den Freund ab; er und das Mädchen versuchen vergebens, sich auf einen Namen für das Kind zu einigen.
Weiß Gott keine spektakuläre Handlung, aber von Anfang an nimmt einen das Stück gefangen: Eine abgrundtiefe Traurigkeit geht von den Personen aus, das Gefühl totaler Verlorenheit. Die Unfähigkeit der Figuren, das Richtige zu sagen, drückt sich in fast rhythmisch gesetzten Pausen und Wiederholungsschleifen aus.
"Meine Stücke haben aber auch lustige Momente", sagt Fosse. Es handelt sich offenbar um eine nordische, sehr melancholische und hintergründige Form von Humor. Fosse sagt, er sei vom Leben an der Westküste geprägt. Was das bedeute? "Viel Wetter, viel Wind und Menschen, die im Meer verschwinden und nie wiederkommen." Davon handelt auch "Sommertag". Der Autor behauptet aber, dass seine Stücke niemals autobiografisch seien.
Seinen ersten Roman veröffentlichte Fosse 1983. Außerdem schrieb er Kinderbücher, Lyrik, Essays und Übersetzungen. Erst 1992 versuchte er sich auch als Dramatiker; inzwischen gibt es zehn Stücke von ihm. In Deutschland sind in der nächsten Saison gleich mehrere zu sehen: Ostermeiers Salzburger Inszenierung von "Der Name" beispielsweise wird ab Herbst von der Berliner Schaubühne übernommen, Falk Richter inszeniert am Zürcher Schauspielhaus "Die Nacht singt ihre Lieder", Michael Talke am Hamburger Thalia Theater "Das Kind". Im kommenden Frühjahr soll auch ein Fosse-Roman auf Deutsch erscheinen. "Melancholia I + II" heißt er - wie sonst? Anke Dürr
Premiere am 6.8. im Stadtkino Salzburg. Auch 8.-10., 12.-15., 17., 18.8., Tel. 0043/662/804 55 79.

KulturSPIEGEL 8/2000
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