25.09.2000

Film

Neil LaBute

Mit bösartigen Porträts hat sich der US-Regisseur als Zyniker etabliert. Sein neuer Film überrascht mit leichthändiger Komik.

V or drei Jahren machte sein erster Spielfilm "In the Company of Men" Furore: Zwei Jungmanager hecken den Plan aus, eine taubstumme Sekretärin zu bezirzen. Sie wollen mit ihr schlafen und sie dann fallen lassen. "Jungen treffen Mädchen, Jungen machen Mädchen kaputt, Jungen kichern", fasst LaBute die Handlung zusammen.

In einem seiner Theaterstücke klagt ein Säufer dem anderen: "Frauen. Verdammte Fotzen! ... Du kannst ihnen nicht trauen." Worauf der andere sagt: "Ich würde nie jemandem trauen, der eine Woche lang blutet und dabei nicht draufgeht."

Natürlich ist das gemein. Bösartigkeiten fließen dem Dramatiker, Drehbuchautor, Film- und Theaterregisseur Neil LaBute, 39, aus der Feder wie anderen Leuten Beileidsbekundungen. Für seine sarkastischen Werke, in denen Aidskranke beschimpft werden und Männer ihre besten Freunde hintergehen, ist er von amerikanischen Journalisten zum "angriest white male" gekürt worden. Im "New Yorker" wurde LaBute gefeiert als "der beste neue Dramatiker, den das letzte Jahrzehnt hervorgebracht hat".

LaBute ist gläubiger Mormone, der sich zudem als "Teilzeit-Moralist" sieht. Mit den amoralischen Antihelden seiner Hasstiraden will er die Zuschauer schocken. "Ich habe eine skeptische Weltsicht", sagt der bei Chicago ansässige Filmemacher.

Jetzt aber hat sich LaBute gewandelt. Die Hauptfigur von "Nurse Betty" ist so liebreizend und pausbäckig, dass sie in allen anderen LaBute-Werken gevierteilt und gegrillt worden wäre. LaBute hat zum ersten Mal ein fremdes Drehbuch verfilmt; herausgekommen ist ein Lustspiel, wenn auch eines, in dem Menschen erschossen und skalpiert werden.

Den überraschenden Wechsel zur heiteren Muse erklärt der Regisseur damit, dass "ich mir nicht vorstellen konnte, diesen Film zu machen. Ich fand, das war ein ziemlich guter Grund, ihn doch zu machen". Mit "Nurse Betty" (Start: 26.10.) wagt sich LaBute zum ersten Mal in den Mainstream. Mit Erfolg: Bei den Filmfestspielen von Cannes wurde sein Werk gefeiert und mit dem Drehbuch-Preis bedacht.

Die Kellnerin Betty (Renée Zellweger) liebt Soap-Operas über alles; sie helfen ihr, dem Leben mit ihrem grobschlächtigen Mann zu entfliehen. Eine Geschichte aus dem Leben also, nur unwesentlich überhöht.

LaBute liebt Soap-Operas. "Wenn ich heute Soaps einschalte, die ich als Kind gesehen habe", sagt er, "weiß ich immer noch die Namen der Figuren." Ein bisschen erschreckt ihn das. "Ich denke immer: O Gott, sind die gealtert. Ich etwa auch?" LaBute, verheiratet und zweifacher Vater, ist erwachsen geworden. "Nurse Betty" ist sein erstes Alterswerk. Susanne Weingarten


KulturSPIEGEL 10/2000
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