30.10.2000

Wie die Monster laufen lernten

Von BÖCKEM, JÖRG

Filme wie der neue Walt-Disney-Hit "Dinosaurier" entstehen heute auf leistungsstarken Rechnern. Der Hollywood-Veteran Ray Harryhausen, 80, modellierte seine Zyklopen, Riesenaffen und Urzeitechsen in den Kindertagen des Horrorfilms mit der Hand - und schuf Wesen mit Charme und Charakter.

TEXT: JÖRG BÖCKEM

Klauen und Zähne sind nicht das Wichtigste. Ein richtiges Monster, glaubt Ray Harryhausen, braucht vor allem Charakter. "Es geht nicht darum, sie menschlich darzustellen", sagt der 80-Jährige, "so eine Kreatur wirkt nur dann, wenn sie Ausstrahlung und Persönlichkeit hat - der Zuschauer muss ihr Handeln begreifen und Anteil nehmen."

Seit den vierziger Jahren hat der amerikanische Trickfilm-Veteran Heerscharen von Monstren und Fabelwesen auf der Kinoleinwand zum Leben erweckt - King Kong und die Medusa, Zyklopen und Riesentintenfische, mythologische Figuren und menschliche Skelette. Und immer wieder Urzeitechsen.

Angefangen hatte alles mit ein paar Knochen. In einer Ausgrabungsstätte in Los Angeles sah Harryhausen Anfang der dreißiger Jahre seinen ersten Dinosaurier. Sicher, es waren nicht mehr als einige klägliche Überreste, aber in der Phantasie des Jungen entstanden daraus monströse Kreaturen, aufregend und gefährlich. "Dinosaurier", sagt Harryhausen heute, "sind einzigartige Geschöpfe. Sie sehen aus wie Fabelwesen - lange Hälse, riesige Kiefer, Hörner und Hauer - aber sie haben existiert. Diese Mischung aus Mystik und Realismus lässt sie besonders gefährlich erscheinen."

Der kleine Ray verbrachte einen Großteil seiner Kindheit im Mesozoikum, mehr als 65 Millionen Jahre vor unserer Zeit: Nach der Schule trieb er sich im Naturkunde-Museum herum und bewunderte die rekonstruierten Saurier-Skelette, aber erst als er mit 13 in "Grauman's Chinese Theatre" in Hollywood den ersten "King Kong"-Film sah, war er für die Wirklichkeit, wie wir sie kennen, verloren. "Ich war nicht mehr derselbe", erinnert er sich. "Eine unglaubliche Show - vor den Kinos hatten sie eine riesige Gorilla-Büste mit beweglichem Kiefer aufgebaut, im Saal traten, bevor es losging, verkleidete Artisten auf. Dann erschien Kong auf der Leinwand. Das hat mich umgehauen." Harryhausen hatte seine Zukunft gesehen: Zu Hause bastelte er aus einem Holzgestell und einem alten Pelzmantel seiner Mutter einen Höhlenbären und drehte seinen ersten kleinen Trickfilm auf 16 Millimeter.

1946 endlich landete Harryhausen in Hollywood: Der Trickspezialist Willis O'Brien, King Kongs Schöpfer, holte den 26-jährigen Harryhausen als Assistenten in sein Team. Gemeinsam drehten sie "Panik um King Kong", sie arbeiteten mit der klassischen Stop-Motion-Technik: Sie stellten Miniatur-Modelle her, versehen mit all den Gelenken, die für die späteren Bewegungen notwendig waren. Dann verbrachten sie Wochen mit den Kreaturen in einem dunklen Raum, bewegten Arme, Köpfe, Schwänze Millimeter für Millimeter, filmten die verschiedenen Stadien in Einzelbildern, die sie am Ende zusammenfügten und in die fertigen Filmszenen hineinkopierten.

Eine unglaublich mühsame Arbeit: In "Jason und die Argonauten" ließ Harryhausen 1963 sieben menschliche Skelette in einem Schwertkampf gegen die Titelhelden antreten, die fünfminütige Szene kostete ihn fünf Monate Arbeit und eine geprellte Hüfte. Weil er die Bewegungen der Knochenkämpfer möglichst überzeugend darstellen wollte, hatte er Fechtunterricht genommen - bei dem Mann, der auch Errol Flynn trainierte - und sich während des Trainings verletzt.

Vor jedem Film studierte Harryhausen die Vorbilder für seine Kreaturen, er beobachtete Gorillas im Zoo, Hühner auf dem Feld und Echsen im Terrarium. Aber trotz aller Vorbereitung und Recherche, das Wichtigste in seinen Filmen war immer die Vorstellungskraft. "Viele Bewegungen entstanden erst während der Animation", erinnert er sich, "wenn ich ein Gefühl für die Figur hatte, wusste ich auch, wie sie sich bewegen würde."

Harryhausens Kreaturen begründeten eine moderne Mythologie. Den Zyklopen in "Sindbads siebente Reise" ließ er einen zappelnden Menschen am Spieß braten; seiner Medusa verlieh er einen Reptilienleib; und Raquel Welch im Fellbikini schickte er einen Flugsaurier auf den Hals. Diese Bilder haben Generationen vor dem Bildschirm oder der Leinwand gebannt. Anfang der achtziger Jahre, als die Star-Wars-Filme ein neues Trickfilm-Zeitalter angekündigt hatten, zog sich Harryhausen aus dem Geschäft zurück. Der Altmeister hatte erkannt, dass seine Tricks einiges von ihrem Zauber verloren hatten. "Vor allem Computer und Fernsehen haben den Blick der Zuschauer verändert", sagt er, "heute ist jeder an schnelle Bilderfolgen und Blitzlichtgewitter gewöhnt, jeder 30-sekündige Werbeclip ist vollgestopft mit Spezialeffekten. Ein Zauberer, der ein Kaninchen aus dem Hut zieht, interessiert niemanden mehr - heute muss man die Freiheitsstatue verschwinden lassen."

Harryhausens billig produzierte Fabelwesen hatten den Hollywood-Studios Millionen eingebracht und inspirierten den japanischen Produzenten Tomoyuki Tanaka zu einer der populärsten Figuren der Filmgeschichte, Godzilla. Ohne Harryhausen und die Saurier in Filmen wie Willis O'Briens Klassiker "The Lost World" wäre die Special-Effect-Branche heute nicht dieselbe. All die computergenerierten Kreaturen in "Jurassic Park", "Episode I - Die dunkle Bedrohung" oder "Das große Krabbeln" sind Nachfahren von King Kong und Gwangi, Harryhausens Tyrannosaurus. Ohne sie wären auch Filme wie "Der Sturm", "Titanic", "Gladiator", "Der Patriot" und Woody Allens "Harry außer sich" nicht möglich gewesen, deren Wellenberge, Arenen und Schlachtfelder ebenfalls im Computer entstanden. Und zur Zeit plant Andrew Niccol, der Regisseur von "Gattaca" und Autor des Erfolgsfilms "The Truman Show", gar einen Hollywood-Film mit einer real-animierten Hauptdarstellerin aus computererrechnetem Fleisch und Blut. In Hollywood, so scheint es, sind auch die Frauen nur aus Männerphantasien geborene Fabelwesen. Ab 2002 soll es denn auch einen Oscar für den besten animierten Spielfilm geben.

"Harryhausen hat Großartiges geleistet", sagt Dick Zondag, einer der Animateure des neuen Trickfilms "Disneys Dinosaurier", der nun auch in deutschen Kinos anläuft (ab 16.11.), "aber heute wirken diese Szenen holprig und durchschaubar."

In "Dinosaurier" treten Dutzende der Urzeitviecher auf, im Computer realistisch animiert und in reale Hintergründe perfekt eingefügt. "Computeranimation gibt uns zum ersten Mal die Möglichkeit, realistische Geschöpfe zu kreieren", sagt Zondag. "Wir können jede Muskelbewegung zeigen und ihnen dadurch einen individuellen Charakter geben."

Bruton beispielsweise, ein Iguanodon und im Film der knochenharte Adjutant des Saurier-Anführers Kron, sollte alt und abgekämpft wirken, ein Veteran, schlachtenmüde. "Ich habe ihm mehr Haut gegeben und weniger Muskeln und darauf geachtet, dass er nicht auf- und abwippt beim Gehen, das tun nur junge, kräftige Tiere. Er hat den Gang eines müden Rhinozeros, und wenn er stehen bleibt, reagiert er wie ein alter Cadillac, er schwingt leicht vor und zurück und pendelt sich dann ein."

Leider wurden die Dinos auch Disney-typisch vermenschlicht - sie reden, verlieben, streiten und versöhnen sich. Und trotz aller Finesse fehlt Disneys Dinos der Charme. Vielleicht liegt es an ihrer Überpräsenz - früher musste der Kinogänger während einer Vorführung lange auf den großen Auftritt der Fabelwesen warten. Möglich auch, dass die Phantasie nicht allzu viel Realität verträgt. Die realistischen Computerwesen bleiben oft eindimensional; die Bannkraft ihrer Ahnen geht ihnen ab.

Wahrscheinlich aber ist das Kino der falsche Ort für Computerrealismus. Schließlich sollen hier nicht historische Tatsachen, sondern phantastische Geschichten erzählt werden. "Ich glaube nicht, dass es darum geht, all diese Wesen möglichst wirklichkeitsgetreu darzustellen", sagt Harryhausen, "wir interpretieren - wie Maler, die mit ihren Ölfarben die Wirklichkeit auch nicht abmalen. Stop-Motion hat den Kreaturen eine traumhafte Dimension verliehen, die zu den surrealen Geschichten passte, die wir erzählten."

Auch bei den Sauriern geht es um nichts anderes als die große Show, dramatische Auftritte, Phantasie und Theatralik. Genauso wenig, wie wir im Ballett natürliche Schritte erwarten, sollten wir das von den Ungeheuern der Filmwelt fordern. "King Kong und der Tyrannosaurus sind eigentlich keine Monster, sie sind missverstandene Kreaturen, die gejagt werden, weil sie anders sind", sagt Harryhausen. Tragische Helden also. Und die waren in der Wirklichkeit noch nie besonders gut aufgehoben.

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Rolf Giesen und Claudia Meglin (Hrsg.): "Künstliche Welten". Europa Verlag, Hamburg; 240 Seiten; 48,50 Mark. Ausstellung "Künstliche Welten" im Filmmuseum Berlin, Tel. 030/300 90 30.


KulturSPIEGEL 11/2000
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