26.02.2001

P wie Pate

Moses Pelham war der Patron des deutschen HipHop. Doch jetzt bröckelt seine Macht, zerbricht die Familie: Sein Image ist hin, sein erfolgreicher Zögling Xavier Naidoo verließ ihn, und auch seine Entdeckung Sabrina Setlur entschwindet mit Boris Becker in den Society-Himmel.
TEXT: MARC FISCHER
Lange Zeit war die Villa ein Hort des Erfolgs. Die Menschen, die herkamen, brachten Geld mit, viel Geld. Sie waren Gewinner, die sich um nichts scherten als um das Glück der Familie; der Zusammenhalt war wichtig, der Schwur, dass man den anderen nicht verlasse, egal was auch geschehe. Auch heute noch glänzt Gold an den Wänden der Villa, hübsche Mädchen huschen durch die Gänge, und auf den Marmortischen liegen Verträge und wundervolle Gewinnabrechnungen.
Aber irgendwie ist es nicht wie früher.
Der massige Mann, der im Kellerraum der Villa sitzt, einsam an einem langen Konferenztisch - dieser Mann war noch vor kurzem einer der mächtigsten Bosse von Frankfurt. Er beherrschte ein Imperium, das in ganz Deutschland bekannt war, und noch bekannter war er selbst: Oft erschien sein rasierter Schädel in den Tageszeitungen, oft stritten die Leute darüber, ob er nun ein Heilsbringer sei oder ein Fluch.
Moses Pelham aber verdiente sein Geld nicht mit Erpressung, dubiosen Finanzgeschäften oder Drogen. Er verdiente sein Geld mit Musik.
Aber manchmal ist es fast dasselbe.
Die Geschichte des Rappers und Musikproduzenten Pelham beginnt wie ein Märchen. Er wächst auf in dem Frankfurter Arbeitervorort Rödelheim, wo es schon mal vorkommen kann, dass einem abends ein paar finstere Jungs auflauern. Viel Zeit verbringt Pelham damit, auf einem Basketballplatz Körbe zu werfen, so wie sie es auch in amerikanischen Filmen immer tun, wenn sie in einer schlimmen Gegend Ruhe finden wollen, um über das Leben nachzudenken. Im Film sind solche Szenen oft mit HipHop unterlegt, der Musik aus Beats und Sprechgesang, die Ende der siebziger Jahre von New York aus um die Welt ging und auch bei Moses Pelham landete. "Fette Beats", dachte Pelham wohl, während er den Basketball in der Hand wog, "möchte ich machen, und dazu will ich den Leuten von meinem Leben erzählen." Und weil er begriff, dass sich diese Beats und sein Leben gut verkaufen ließen, gründete er die Firma 3p - Pelham Power Productions. Kraftvoll soll von nun an alles sein, was er tut, beschloss Pelham. Es war eine richtige Firma, und es war mehr als das.
Es war eine Familie.
Pelham und seine Truppe hatten Glück. Der deutschsprachige HipHop steckte gerade in seinen Anfängen, als sein Rödelheim Hartreim Projekt auf den Markt kam - bis dahin hatte es eigentlich nur der Spaßrap der Fantastischen Vier in die Charts geschafft. Zahllose Menschen wollten Pelhams Reime über das Leben in der Vorstadt und auf der Straße hören; noch besser verkauften sich die Alben der Sängerin Sabrina Setlur, früher Schwester S., die auch von Pelham aufgebaut und vermarktet wurde. Dann gelang ihm der Coup seines Lebens. Mit der Entdeckung von Xavier Naidoo. Dessen Debüt "Nicht von dieser Welt" verkaufte sich eine Million Mal und bescherte Pelhams Firma einen Gewinn, auf den nun auch das letzte Major-Label neidisch wurde.
Mit nicht mal 30 hatte Pelham es allen gezeigt, er war ein Kämpfer, ein Aufsteiger, ein König - so wie Michael Corleone in Pelhams Lieblingsfilm "Der Pate" von Francis Ford Coppola. Riesengroß hängt das Poster in Pelhams Musikzimmer der Villa; und gern zitiert Pelham Sätze des Corleone-Darstellers Al Pacino aus Mario Puzos Trilogie einer italo-amerikanischen Mafiafamilie. Die traurigste Szene dieses Films, so Pelham, sei die, in der Michael Corleones Bruder Fredo aus Schwäche die Familie verrate - es kommen ihm, wenn er darüber spricht, beinahe die Tränen, denn "Verantwortung" und "Respekt" sind Pelham wichtig. Wie sehr, bewies er, als er dem Fernsehclown Stefan Raab, der sich über Pelham lustig gemacht hatte, mit einem Kopfstoß das Nasenbein brach und eine Gehirnerschütterung beibrachte. "Um ihm klarzumachen, dass er sich mit mir nicht alles erlauben kann."
Von diesem Zeitpunkt an war Pelham, über hundert Kilo schwer und mit Oberarmen wie ein Gerüstbauer, auch körperlich gefürchtet - wie ein Mafiaboss, der seine Killer losschickt, wenn er sich bedroht fühlt. Smart und hart zugleich.
Allerdings fühlt Pelham sich fast ständig bedroht, und das stört vielleicht manchmal sein Urteilsvermögen: bedroht von den Medien, die ihn seiner Meinung nach seit der Attacke nur noch als dumpfen Schlägerproll darstellen wollten, und denen er es auch anlastet, dass sich sein Soloalbum "Geteiltes Leid I" wegen genau dieses Images nicht so toll verkaufte.
Seit dem Schlag gegen Raab jedenfalls laufen die Dinge nicht mehr so richtig. Oder vielmehr: Sie laufen noch - aber nicht mehr so, wie Pelham sich das vorstellt. Die Kontrolle entgleitet.
Pelhams Ziehsohn Naidoo etwa beschloss im vergangenen Jahr, die Familie zu verlassen. Naidoo war unzufrieden mit seinem Vertrag bei 3p, der ihm nur fünf Prozent vom Umsatz seiner CDs zugestand. Sofort als Naidoo mit der ersten Single seiner neuen Band Söhne Mannheims herauskam, bombardierte Pelham Naidoo mit einstweiligen Verfügungen. Vor dem Mannheimer Landgericht sahen die beiden ehemaligen Freunde sich wieder, und um das Bild des Mächtigen aufrechtzuerhalten, hatte Pelham sich für die anwesenden Fotografen noch Bodyguards mitgebracht. Das Gericht blieb unbeeindruckt: Es entschied in erster Instanz für Naidoo, der zuvor schon seinen Solovertrag mit 3p gekündigt hatte.
Befragt danach, windet Pelham sich auf seinem Stuhl und gibt als Grund für Naidoos Verhalten dessen Machtwillen an, doch je mehr Pelham zu erklären versucht, umso klarer wird, dass er sich verraten fühlt von "dem Künstler, den wir aufgebaut haben" und für den er die Firma erweitert habe, von 8 Angestellten auf 16. Und während Pelham sich rechtfertigt und erzählt, vermischt sich vor den Augen des Zuhörers das Bild von Xavier Naidoo mit dem von Fredo Corleone, dem Verräter des Paten.
Verrat, das hat Pelham vom "Paten" gelernt, ist eine Todsünde, wenn es um die Familie geht, denn ein Reich zerfällt schnell, wenn die Untertanen es verlassen. Und dass er, der es als Rapper und Kraftprotz so oft in die Schlagzeilen geschafft hat, jetzt nur noch als der Mann erscheint, der Naidoo nicht aus dem Griff von 3p entlassen will, das muss die Hölle für ihn sein. Und, als wäre das noch nicht genug: Gerade als die Sache mit Naidoo sich etwas zu legen beginnt, laufen bei 3p abermals die Telefone heiß - aber nicht, weil es um das Album der neuen Band Glashaus geht, sondern weil Sabrina Setlur die neue Freundin von Boris Becker ist und deshalb gerade in den Society-Olymp aufsteigt. Maledetto, verdammt. Was, muss Pelham sich jetzt fragen, hätte Michael Corleone getan? Die Welt verklagt? Alle umgelegt?
Wäre Pelham ein wirklich kluger Geschäftsmann, könnte er all diese Dinge für sich nutzen: Er könnte aus der Krise einen Sieg machen, indem er lässig bliebe und Naidoo ganz souverän aus seinem Vertrag entließe. Er könnte Applaus einheimsen und das Bild des Schlägers ersetzen durch das des weisen Paten.
Nur agiert Pelham wie einer, der sich von der Welt verfolgt fühlt. Er regiert seine Firma, als müsse sie sich immer noch gegen die Popindustrie behaupten, gegen den "Feind" also - dabei ist 3p längst selbst ein Teil der Popindustrie. Für den Mann, der deutschsprachigen HipHop mit guten Ideen marktfähig gemacht hat, ist das Geschäft ein Krieg.
Und zum Teil stimmt das ja auch: Natürlich geht es in der Popwelt um Intrigen und Erpressungen, um gebrochene Versprechen und um den neuen Marktwert von Produkten, die gestern noch billig zu haben waren, wie bei Naidoo, der jetzt von allen umworben wird - doch wird dieser Krieg von ausgebildeten Management-Typen in Anzügen und bei Mittagslunches mit Prosecco geführt.
Was Pelham nicht versteht, ist, dass im Pop allein das Image zählt: Auszusehen wie ein Paranoiker, das geht in Ordnung, das lässt sich vielleicht auch ganz gut verkaufen - ein Paranoiker zu sein hingegen nicht, das ist eher lächerlich und sorgt dafür, dass man aus dem Kriegsspiel ausgeschlossen wird, weil man allen auf die Nerven geht.
Die anderen wissen das inzwischen: Sabrina Setlur, die nicht mehr in Kapuzenpullis und Turnschuhen herumläuft, sondern in Kleidchen und Stilettos, weil sie das Geld dazu hat und an Beckers Seite nicht mehr die Sozialbau-Sängerin mimen muss; und auch Naidoo, der nicht einsieht, warum er sich an Pelham binden soll, wenn er bald mehr Platten verkauft als alle anderen 3p-Künstler zusammen - so wie George Michael sich damals erfolgreich gegen Sony wehrte.
Sie alle werden erwachsen und durchschauen das Spiel - nur Pelham bleibt das quengelnde Kind, das ehrlicher Künstler und Konzernchef zugleich sein will und am Ende, was man ihm nicht wünschen will, in beiden Disziplinen versagt.
Es ist rührend anzusehen, wenn Pelham in den Plattenkisten seines Musikzimmers wühlt und Besuchern Lieder vorspielt von den Rappern, die er so verehrt, von Grandmaster Flash oder Xzibit: Seine Augen leuchten, und ein bisschen macht es den Eindruck als sehne Pelham sich zurück nach der Zeit, als er nicht diesen ganzen Müll vor sich hatte, um den er sich jetzt kümmern muss.
Damals war er nicht Moses Pelham, der Pate: Nur Moses P. - den Nachnamen hatte er auf den Anfangsbuchstaben reduziert. "Ich war ein kleiner Träumer damals", sagt Pelham, "noch kein Profi." Aber irgendwie steht Pelhams ganzes Leben im Zeichen des P, vielleicht ist er sogar ein Buchstabenmystiker, der gezwungen ist, sich den Gesetzen des P zu beugen: P steht für Power, Pacino, Pate, Prozess, Paranoia, Proll, Pop und eben auch für Peinlichkeit - dabei gibt es noch andere Buchstaben, A wie Aussöhnung und K wie Kompromiss.
Aber Pelham macht denselben Fehler, den Michael Corleone machte: Er hat an der Macht gerochen, und weil er diesen Duft nun nicht mehr aus der Nase bekommt, will er verzweifelt zusammenhalten, was auseinander driftet - aus Angst vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit. Im "Paten" lässt Michael Corleone den schwachen Fredo irgendwann umbringen. Aber es ist am Ende natürlich Michael, der daran zu Grunde geht.
Von MARC FISCHER

KulturSPIEGEL 3/2001
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