Ich weiß nicht, wer ich bin und wer ich war
Klaus Kinski spielte viele Rollen, und er spielte sie gut: Schauspieler, Egomane, Genie. Nun stellt sich heraus: Er war sogar ein Dichter. VON FIONA EHLERS
Wer die Nummer von Peter Geyer in Berlin wählt und den Anrufbeantworter dranhat, hört eine atemberaubende Stimme. Hell und bettelnd wie die von einem Kind. Kraftvoll und exaltiert wie von einem Mann, der die Worte lebt. "Ich will dich kennen, Unbekannter", sagt die Stimme, "du tief in meine Seele greifender, mein Leben wie ein Sturm durchschweifender, du unfassbarer mir Verwandter. Ich will dich kennen - und dir dienen." Es ist die Stimme von Klaus Kinski.
In jener Nacht im April vor zwei Jahren war Geyers Telefon besetzt, mehrere Stunden lang. Der Dokumentarfilmer klickte sich im Internet durch 800 Einträge bei Fireball, Stichwort Loriot. Plötzlich stieß er auf die Seite eines Münchner Auktionshauses. Unter dem Vermerk "Konvolut Nr. 192" las er: "Kinski, K., Schauspieler (1926 bis 1991). Sammlung von Manuskripten und Erinnerungsstücken aus dem Besitz einer Jugendfreundin, ca. 1948-56. Erstens: Eigenhändige Gouache, sitzender Frauenakt in Blau vor grünem Hintergrund. Zweitens: Leid-Licht. Eigenhändiges Manuskript zu einem Gedichtzyklus. (...) Fünftens: Typoskript ohne Ortsdatum, Oktober 1952, 66 Bl., rote Schrift auf gelbgetöntem Papier; Titelbl.: Kinski. Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen."
Es traf Geyer wie ein Schlag. Gewiss, er hatte Respekt vor Kinskis genialischem Talent - deshalb auch der seit zwölf Jahren unveränderte Spruch auf seinem Anrufbeantworter. Aber die Leidensfähigkeit für Kinskis Lebensdramen, die Skandale, die Schmierenfilme, ging ihm ab. Er war Kinski nie begegnet, und er war keiner dieser Fans, die Bewunderung mit Seelenverwandtschaft verwechseln.
Trotzdem beschloss Geyer, alles zu bieten, was ihm möglich sein würde. Er hatte eine Mission, eine "Bürgerpflicht" - Kinskis Gedichte, von denen keiner wusste, dass sie existierten, retten für die Nachwelt, vor dem Verschwinden im Safe profilneurotischer Sammler.
Am 27. April 1999, zwei Wochen nach seinem nächtlichen Fund, fuhr Geyer mit einem Freund nach München, vorsichtshalber eine Nacht zu früh. Müde und nervös saß er am nächsten Morgen im halb leeren Auktionshaus, rauchte Zigaretten und bestellte Kaffee. Es war die erste Auktion seines Lebens, er war der Bieter mit der Nummer 232.
Das Mindestgebot lag bei 2000 Mark. "Dafür setzt sich kein Kujau hin", redete sich Geyer in Sicherheit und hob die rechte Hand, ungeübt und viel zu früh. Er erhielt den Zuschlag, es hatte nur einen Gegenbieter gegeben. Kinskis unentdeckte Gedichte gehörten ihm - für 3500 Mark.
An der Ausgabestelle überreichte man Geyer eine Auktionsurkunde und einen Pappkarton. Auf der Fahrt zurück blätterte er mit zittrigen Händen durch die losen Seiten. Eine schöne Handschrift, schwungvolle, riesige Lettern, ein bisschen Sütterlin mit viel Kinski; verwegene Jugendfotos mit zärtlichen Widmungen: "Ich habe dich nicht vergessen, dein K.". Zu Hause tippte er die Gedichte in seinen Computer. Stets bemüht, mit Vernunft und Kenntnis den frühen Kinski heraufzubeschwören. Bemüht auch, einen klaren Kopf zu behalten, trotz der Wucht und Wut in den Zeilen, trotz des spätexpressionistischen Ekels, der derben Sex-Szenen, der rasierklingenscharfen Worte. Die Zweifel an der Echtheit der Gedichte ließen nach. Jetzt wollte er Kinskis Erben um die Urheberrechte bitten und einen Verlag für den Gedichtband suchen.
Blieb nur noch die Sache mit der "Jugendfreundin". Vom Auktionshaus bekam Geyer die Telefonnummer einer Frau P., Haushaltsauflöserin aus Regensburg. Sie sei enttäuscht, sagte Frau P., wie wenig Geld rumgekommen sei. Gedanken über ein öffentliches Interesse an den Dokumenten machte sie sich keine. Die ehemalige Besitzerin, erzählte sie, war die Ehefrau eines angesehenen Arztes und jahrelang Kinskis heimliche Geliebte. Kurz vor deren Ableben, daran erinnerte sich Frau P. genau, sollten all die Liebesbriefe, die Kinski seiner Geliebten geschickt hatte, verschwinden. Ständig sei die Toilette verstopft gewesen. Am Telefon, so Frau P., wolle sie jetzt nichts mehr sagen. Ob Geyer nicht ein Treffen zum Tee mit der schönen Nastassja organisieren könne? Man würde sich sicher gut verstehen.
Geyer entschied, Frau P. nicht zu treffen. "Mittlerweile hatte ich schon einiges für Kinski getan", sagt er. "Diesen Opfergang wollte ich mir ersparen."
Ein Jahr nach der Münchner Auktion klingelte bei Thomas Harlan in Paris das Telefon. Einen Anrufbeantworter hat der Filmemacher und Schriftsteller nicht. Aber Erinnerungen.
Der Verleger von Eichborn erzählte Harlan, 72 Jahre alt, von einem Buchprojekt. Es seien Gedichte von Klaus Kinski aufgetaucht, bei ihm liege schon das fertige Layout. Ob er nicht mal draufschauen möge, eine Einleitung wäre schön. Schließlich sei Harlan jahrelang einer der engsten Freunde Kinskis gewesen.
Harlan war skeptisch. Bis zu dem Tag, als er die Gedichte aus dem Briefkasten holte. "Ein bedeutender Fund", merkte er schnell. "Unfassbar, diese Beherrschung der Sprache, die apokalyptischen Projektionen eines Überempfindsamen", viel sensibler als das, was heute von Kinski geblieben sei. Eine Fälschung? Ausgeschlossen. Denn langsam, mit jedem weiteren Vers, kamen Harlans Erinnerungen, kamen die Bilder von damals zurück. Und die Geschichte der Gedichte.
Ein Zimmer im Grand Hôtel des Balcons, in der Pariser Rue Casimir-Delavigne sei es gewesen. Schummerlicht, verwüstete Betten. Kinski und er, beide Mitte zwanzig, hatten es für wenig Geld gemietet. Kinski war in Begleitung einer 16-jährigen Norwegerin. Er nannte sie Bergell, nach dem schweizerischen Tal, das er so liebte. Sie war herzkrank, ein zartes Wesen mit dunklem, langem Haar, mit weißer, fast durchsichtiger Haut. Eine ätherische Erscheinung, sagt Harlan, ein bisschen der jungen Jane Birkin ähnlich.
Kinski schrieb Tag und Nacht, meist per Hand, meist auf dem Bett liegend und rezitierte die Zeilen mit seiner unnachahmlichen Stimme, brüllte, schrie. Harlan war sein einziger Leser und lieh ihm seine Reiseschreibmaschine für die Abschriften. Vielleicht schrieb Kinski Bergell zuliebe, deutet Harlan die verschwommenen Bilder in seinem Kopf. Als Beweis einer Liebe zwischen zwei Menschen, die keine gemeinsame Sprache hatten.
Es war die Zeit des Koreakriegs, Stalin lag im Sterben, die Amerikaner jagten die Kommunisten, Deutschland war noch beherrscht von den alten Verbrecher-Vätern. Es sei ein "Zustand der Dauerglut" gewesen, "alles war wie Fieber damals", sagt Harlan, Sohn des von den Nazis gefeierten "Jud Süß"-Regisseurs Veit Harlan. Es hätte viele Gründe gegeben, nach vorn zu schauen. Nachts tranken Kinski, Bergell und er Coca-Cola aus Tassen und gaben Messerspitzen voll Nescafé hinzu - damit sie länger durchhielten.
Nach zwei rauschhaften Wochen trug Kinski zwei Stapel Manuskripte zum Buchbinder. Dann verschwand die kranke Geliebte. Sie nahm eines der beiden Manuskripte mit, vielleicht als Talisman. Nie sah einer der Männer sie wieder.
Harlan und Kinski planten jetzt eine Reise nach Israel. In Marseille wollten sie sich auf einen der Einwandererdampfer nach Haifa einschiffen. Um vielleicht einen Dokumentarfilm zu drehen, über zwei Deutsche in dem neuen, alten Land. Sie räumten das Hotelzimmer, packten das Manuskript und alles, was sie auf ihrer Reise nicht benötigten, in einen braunen Koffer aus Schlangenleder-Imitat. Harlan bat seinen Pariser Freund Alain Schlumberger, den Koffer bei sich unterzustellen. In ein paar Wochen seien er und Kinski wieder zurück und würden ihn abholen.
"Es muss wohl Nachlässigkeit gewesen sein, jugendlicher Leichtsinn", sagt Harlan, "wir taten es nie."
15 Jahre später erinnert Schlumberger Harlan, der damals gerade im Streit mit Kinski war, an sein Versprechen. 15 weitere Jahre, es war Mitte der Achtziger, ein zweites Mal. Er hätte den Koffer bereits verliehen. An zwei Mädchen, beide mit Namen Françoise. Kinski, darüber dachten weder Schlumberger noch Harlan nach, war längst "Aguirre", "Nosferatu", "Fitzcarraldo" - ein Weltstar.
Als sich Kinski und Harlan zum letzten Mal trafen, sprachen sie nicht von alten Zeiten. Es ging um "Kinski Paganini", sein größenwahnsinniges Filmprojekt, um seine Geldsorgen und die Wut auf die Welt. Harlans letzter Freundschaftsdienst: Am Nachmittag vor Kinskis Tod in Lagunitas, Kalifornien, übersetzte er die von Kinski gefaxten Schimpftiraden an eine französische Fotoagentur, von der er sich betrogen fühlte, so "schön gemein, wie es ging".
Den Koffer sah Harlan erst 1993 wieder. Da war Kinski bereits zwei Jahre tot. Harlan und Schlumberger übergaben ihn der Vietnamesin Minhoi, Kinskis dritter Ehefrau und Mutter von Nanhoi, Kinskis einzigem Sohn. Im Koffer: alte Fotos, Briefe, Andenken. Das Manuskript von "Fieber" war verschwunden. Nur noch das Deckblatt lag da. Das erkannte Harlan sofort.
Als Geyer in Berlin von Harlans Erinnerungen an die Zeit in Paris hörte, glaubte er, dass es so hätte gewesen sein können. Vielleicht, weil sie so nach Kinski klangen. Vor allem aber, weil sie voller Rätsel sind. Hatten die beiden Mädchen mit Namen Françoise das Manuskript gestohlen? Hatte es noch eine Abschrift gegeben? Wie kam die Regensburger Geliebte an die Texte? Was wurde aus Bergell? Und: Passten seine Blätter in den Umschlag aus dem Koffer?
Die Wahrheit bleibt im Dunkeln. Die wiedergefundenen Gedichte aber werden gelesen werden, von Kinski-Bewunderern und den Genervten. Weil sie einiges sagen können über Kinski, der im kommenden Oktober 75 Jahre alt geworden wäre. Dass Kraft manchmal größer sein kann als Sinn. Oder dass es neben dem fabuliersüchtigen Egomanen, der sich in seinen Memoiren stets eine grausame Kindheit herbeisehnte, auch einen anderen Kinski gab: den empfindsamen Liebenden, der das Kommende sieht, apokalyptisch zwar, aber auch hoffend.
"Kinski kann nicht sterben", sagt Geyer. Das weiß auch der Schauspieler, der die Gedichte jetzt auf die Bühne bringen wird. Sein Problem wird nicht die Echtheit der Lyrik sein. Es wird die Herausforderung sein, Kinski zu lesen mit der Stimme von Ben Becker.
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"Klaus Kinski. Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen". Hrsg. von Peter Geyer. Mit einem Vorwort von Thomas Harlan, Eichborn Verlag, Frankfurt/M.; 128 Seiten; 49,80 Mark. Erscheint am 5.6.
Ausstellungen: "Ich, Kinski". Deutsches Filmmuseum, Frankfurt/M., 24.10.2001-3.2.2002; "Klaus Kinski - Ich bin so wie ich bin". Deutsches Theatermuseum München, 22.6.- 2.9.; weitere Stationen: Mannheim, Berlin, Düsseldorf, Hannover.
KulturSPIEGEL 6/2001
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