DER SPIEGEL



Königin der Nacht

Von DALLACH, CHRISTOPH

Sie trägt Schwarz, versteckt sich hinter einer Sonnenbrille und gibt sich gern mysteriös: Die amerikanische Entertainerin Aaliyah wird als Soulstar gefeiert und als Hollywood-Hoffnung gehandelt.

VON CHRISTOPH DALLACH

Hingestreckt wie Nofretete in Jeans und Sneakers thront Aaliyah auf einem Sofa in einem palastartigen Pariser Hotel, und dass es hinter ihrer Sonnenbrille finster ist, liegt einerseits daran, dass ihre Augen fast geschlossen sind, weil die Künstlerin matt ist von all den Journalisten, die hier im Minutentakt vorsprechen. Andererseits muss sie nachdenken über den Menschenfresser Hannibal Lecter. Genauer gesagt darüber, ob es ein Problem ist, ihrem Lieblingsschauspieler, dem Shakespeare-Profi Anthony Hopkins, beim Zubereiten eines menschlichen Hirns, so wie im Hollywood-Hit "Hannibal", zuzuschauen. Jody Foster fand das bekanntlich eklig und sagte ab.

Aaliyah hätte sich da weniger angestellt. Sicher, Hirn zu essen ist verdammt fies, erst recht, wenn der Mensch, zu dem es gehört, noch lebt, aber hätte man ihr eine Rolle in dem Film angeboten, sie hätte sie angenommen: "Ich grusele mich nun mal gern, und Blut stört mich nicht. Meine Lieblingsfarbe ist Schwarz, und ich habe mich schon immer zur düsteren Seite des Lebens hingezogen gefühlt", sagt Aaliyah und klappt die Sonnenbrille hoch und wieder runter. Zu kurz, um zu erkennen, ob sich dahinter Abgründe auftun oder nur grauer Nebel wabert.

Auf jeden Fall wurde Aaliyah Dana Haughton, 22, erfolgreiche Soulsängerin und Hollywood-Nachwuchs-Hoffnung, vom britischen Fachblatt "New Musical Express" gerade in einer Titelgeschichte zur "Königin des düsteren R'n'B" gekrönt. Eine Ehre, die ihr vielleicht zuteil wurde, weil sie sich im Videoclip zu ihrer neuen Single "We Need a Resolution" mit Schlangen auf dem Boden wälzt, vielleicht aber auch, weil sie häufig erwähnt, dass Horrorfilme ihr gute Laune machen und sie sich nun mal vom "Dunklen" angezogen fühle. Was nun aber genau das Dunkle ist - das bleibt im Dunkeln: "Ich bin mit dieser Leidenschaft geboren, kann sie aber nicht erklären. Vielleicht bin ich einfach nur eine sehr komplexe Persönlichkeit."

Weil sie gern mal diffus daherredet, wird Aaliyah immer wieder als mysteriös beschrieben. Weil sie aber außerdem noch jung ist und schon zwei brillante R'n'B-Alben veröffentlicht hat, die sich millionenfach verkauften, und eine Hauptrolle im Hollywood-Hit "Romeo Must Die" spielte, gilt sie als Star mit großem Potenzial. Auch ihr neues Album, schlicht "Aaliyah" (Virgin/EMI) betitelt, ist hervorragend gelungen, eine spartanische, also modern produzierte Elektro-Soul-Platte.

Allem Ruhm zum Trotz ist Aaliyah als Star nicht greifbar: kein Pin- up-Girl wie Lil' Kim, keine Glamour-Queen wie Mary J. Blige und auch keine Old-School-Soul-Queen wie Lauryn Hill. Aaliyah ist ein cooles Phantom geblieben. Eine von diesen amerikanischen Lichtgestalten, denen ein Genre zu wenig ist und die gar nicht wissen wohin mit all ihren Talenten. Und sie hat durchaus das Zeug zu einer Karriere, wie sie Jennifer Lopez geschafft hat, der es gelang, die US-Kino- und Pop-Charts gleichzeitig anzuführen. Deshalb sieht sich Aaliyah weder als Pop-Sängerin noch als Hollywood-Sternchen, sondern als "Performer" und "Entertainer". Passt immer.

Weder geheimnisvoll noch düster ist Aaliyahs Vergangenheit. Zur Welt gekommen ist sie in Brooklyn, New York, und zog noch als Kind mit ihren Eltern nach Detroit, wo sie in einem schönen großen Haus in einer Middleclass-Gegend mit vielen Bäumen und dem netten Namen Sherwood Forest aufwuchs. Natürlich trällerte sie im Kirchenchor oder vor dem Schlafzimmerspiegel in Bürstenmikrofone die Hits von Whitney Houston und Michael Jackson. Als sie mit sieben in einem Schulmusical auftrat, soll der Geist des Showgeschäfts in sie gefahren sein, sagt sie.

Fortan träumte sie von Plattenverträgen, Kinoleinwänden und Las Vegas: "Sobald die Schule aus war, raste ich nach Hause in der Hoffnung, eine Platten- oder Filmfirma könnte mir auf den Anrufbeantworter gesprochen haben." Aaliyahs große Chance kam, als sie es mit zehn als Kandidatin in die amerikanische TV-Show "Star Search" schaffte, einen Talentwettbewerb, in dem immerhin schon Destiny's Child, Britney Spears und Christina Aguilera debütierten. Ihre Großmutter schneiderte ihr ein weißes Kleid samt Boleroweste; darin sang sie den Jazz-Standard "My Funny Valentine". Sie verlor. "In dem Alter denkst du, dass alles vorbei ist, der Schmerz ist unglaublich, aber du lernst sehr früh, mit Niederlagen professionell umzugehen."

Zum Glück gab es da noch Onkel Barry. Der war mal mit dem Soulstar Gladys Knight verheiratet, hat fabelhafte Verbindungen ins Showuniversum und betreut Aaliyah seit ihrem neunten Lebensjahr. Und als dieser Onkel seine Plattenfirma Blackground aufmachte, bekam die Nichte natürlich sofort einen Vertrag. Da war sie 14. Und weil ihr Onkel auch R. Kelly managte, den großen, jungen Soulstar der neunziger Jahre, produzierte und schrieb dieser Aaliyahs Debüt "Age Ain't Nothing But a Number". Ein glänzender Start, alles wunderbar. Eigentlich.

Doch dann nahm ihre Karriere zum ersten und einzigen Mal eine bizarre Wendung: Gerüchte behaupteten, dass Produzent und Sängerin heimlich geheiratet hätten. Also: Verführung einer Minderjährigen. Ein Skandal, den alle Beteiligten bis heute abstreiten, obwohl das US-Magazin "Vibe" eine Kopie der Heiratsurkunde abdruckte.

Seitdem sorgt die Familie dafür, dass Aaliyahs Privatleben im Dunkeln bleibt: Onkel Barry als Labelboss, Mutter Diane und Vater Michael als Manager und ihr Bruder und ein Cousin für alles, was sonst noch so anfällt. Die Mutter soll es auch gewesen sein, die ihrer Tochter riet, sich künftig mysteriös zu geben: Seit ihrem zweiten Album "One in a Million" zeigt sie sich schweigsam, das Gesicht durch riesige Sonnenbrillen und viel Haar verdunkelt. Wenn sie im Studio singt, müssen alle Lichter aus sein, nur am Mischpult darf ein Licht glimmen. "So können die Techniker arbeiten, mich aber nicht sehen." Schuld sei ihre Schüchternheit, sagt sie.

Bei Konzerten vor Publikum singen aber kann sie. Und es stört sie auch nicht, sich vor einer Filmkamera in Szene zu setzen. Weil sie dafür in einen anderen Charakter schlüpfe, gebe sie "nichts von sich preis".

Die Rolle in dem Action-Spektakel "Romeo Must Die" übernahm sie auch, weil es eines der wenigen Angebote war, das nichts mit Singen zu tun hatten. Der Film, mit der aus Hongkong importierten Kampfmaschine Jet Li, war ein Hit und brachte Aaliyah sogar einige erstaunlich respektvolle Kritiken.

Gerade hat sie die Hauptrolle in der Verfilmung des Vampir-Bestsellers "The Queen of The Damned" gespielt. Vampire, die Dämonen der Dunkelheit, findet sie natürlich Klasse: "Ich bin eine wirklich böse Vampir-Königin. Ich töte, ich trinke Blut, und ich bin sagenhaft sexy", sagt sie und grinst.

Obendrein hat sie noch für diverse Hollywood-Großproduktionen vorgesprochen und wäre fast einer der "3 Engel für Charlie" geworden. Stattdessen darf sie nun bei den beiden Fortsetzungen des Science-Fiction-Blockbusters "Matrix" mitwirken.

Eine kleine Rolle nur, aber immerhin. Vorher will sie sich ein paar Tage in ihrem New Yorker Appartement einschließen, um ein wenig zur Ruhe zu kommen, natürlich in absoluter Dunkelheit. "Ich habe phantastische Rollos."


KulturSPIEGEL 8/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

KulturSPIEGEL 8/2001

Titelbild

Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

Königin der Nacht

TOP



TOP