DER SPIEGEL



Mit 17 hat man noch Träume

Nebel im Gehirn

Der russische Autor Wladimir Kaminer, 34, über Moskauer Hippies, Dichtung und Wahrheit und seine Begegnung mit Mathias Rust

kulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Kaminer: Wir hatten nur ein Ziel damals, Mitte der achtziger Jahre: der Winter-Einberufung in die sowjetische Armee zu entkommen. Alles Mögliche haben wir versucht, um unsere Untauglichkeit vorzutäuschen. Am erfolgreichsten sei Gehirnerschütterung, hörten wir. Also besorgten wir Löffel, Kopfkissen und Joints.

kulturSPIEGEL: Wieso das?

Kaminer: Mit dem Löffel drosch mir ein Freund so lange auf den Kopf, bis sich eine Beule bildete, dann schlug er mich mit voller Kraft mit dem Kissen um, damit ich ein bisschen angeschlagen und zerzaust wirke.

kulturSPIEGEL: Und die Joints?

Kaminer: Wir glaubten damals, Joints verursachen Nebel im Gehirn - und der wäre dann am Röntgenbild erkennbar. Die Ärzte lachten uns aus. Im Winter 1986 war das Krankenhaus voll von Simulanten. Sie zogen mich ein, ich war sehr traurig.

kulturSPIEGEL: Was wäre die Alternative zur Armee gewesen?

Kaminer: Weiter im Theater zu jobben und in Moskaus erster Hippie-Kommune zu leben - zu zwölft in vier Zimmern. Diejenigen, die Arbeit hatten, finanzierten uns Künstler. Wir hörten Punk-Rock, reisten per Anhalter durchs Land.

kulturSPIEGEL: Hört sich glücklich an, Ihre Jugend.

Kaminer: Sie war wundervoll. Ich könnte stundenlang darüber erzählen. Doch zu Hause in Berlin habe ich Redeverbot. Meine russische Ehefrau Olga kann die alten Geschichten nicht mehr hören.

kulturSPIEGEL: Sind Sie immer noch ein Hippie?

Kaminer: Ein bisschen Spieß- bürger ist dazugekommen. Komfort ist wichtig, eine Wohnung am Prenzlauer Berg, ein weiches Bett. Wenn ich aber Erzählungen von Westlern über ihre Jugend höre, wundere ich mich. Da galt es schon als rebellisch, die von Mutter geschmierte Stulle in den Papierkorb im Pausenhof zu werfen.

kulturSPIEGEL: Was haben Sie der "Generation Golf" voraus?

Kaminer: Eigentlich gar nichts. Ich verfüge nur über das Wissen, wie zerbrechlich die Welt ist. Immerhin erlebe ich nach der Sowjetunion und der Wende jetzt bereits meine dritte Welt.

kulturSPIEGEL: Haben Sie Sehnsucht nach Moskau?

Kaminer: Meine beiden Kinder wachsen in Berlin auf, Russland ist nur noch eine billige Kopie von Amerika, Deutschland ist so viel aufregender. Dieses Jahr war ich schon in über hundert Städten, Quedlinburg, Mölln, Bad Wimpfen - jetzt kann ich wieder viel erzählen.

kulturSPIEGEL: Damit verdienen Sie schließlich Ihr Geld.

Kaminer: Ja, wenn's klappt.

kulturSPIEGEL: Ihre Jugenderinnerungen erscheinen jetzt als Buch. Und vor der "Russendisko" im "Kaffee Burger", Ihren Tanzabenden zu russischer Rockmusik, stehen die Deutschen Schlange.

Kaminer: Ich kann nicht klagen.

kulturSPIEGEL: Ärgert es Sie, dass Ihre Leser nie wissen, ob Kaminer all das wirklich erlebt oder es sich ausgedacht hat?

Kaminer: Ich habe gelernt, dass ich nicht alle meine Erlebnisse aufschreiben darf, manche wirken zu unglaubwürdig. Mein neues Buch aber ist zu fast 95 Prozent wahr.

kulturSPIEGEL: Eines dieser Erlebnisse: Der junge Soldat Kaminer begegnet Mathias Rust.

Kaminer: Das war allerdings unglaublich. Rust flog in seiner Cessna über unsere Kaserne. Später verkaufte er Schuhe im Gum am Roten Platz. Die Deutschen halten ihn für einen Volltrottel. Mich fasziniert er. Ich war schon in Wedel, habe seine Eltern gesehen. Neulich, las ich, wurde er verurteilt, weil er für seine indische Freundin einen Kaschmirpullover geklaut hat. Irre! Kaschmir für eine Inderin.

kulturSPIEGEL: Lust, Rust zu treffen?

Kaminer: Mal sehen, ob ich mich traue. Schließlich ist er unberechenbar. Dann aber würde ich ihn in die "Russendisko" schleppen und fragen, was man mich immer fragt: "Sag mal, Mathias, wie ist das eigentlich bei dir mit der Wahrheit und wie mit der Fiktion?"

INTERVIEW: FIONA EHLERS


KulturSPIEGEL 8/2001
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