Von WOLF, MARTIN HAGE, VOLKER
VON VOLKER HAGE UND MARTIN WOLF
Sie haben alles überstanden, sogar den Weltuntergang. Die Polkappen abgeschmolzen, Manhattan überflutet; von der Freiheitsstatue sieht man nur noch den erhobenen Arm mit der Fackel. Aus dem Wasser ragen trotzig die Zwillingstürme des World Trade Center - Steven Spielbergs neuer Film "A.I.", seit dem 13. September in den deutschen Kinos, zeigt den Wolkenkratzer als Weltkulturerbe: Etwas, das bleiben wird, komme, was wolle.
"A.I." spielt in einer fernen Zukunft. Es brauchte nur ein paar Stunden, da hatte die Wirklichkeit die Science-Fiction überholt.
Bei dem Versuch zu beschreiben, was sie an diesem 11. September mit ansehen mussten, suchten viele Menschen Zuflucht bei der Fiktion: "Wie im Kino" erschien ihnen die Katastrophe, der Angriff auf Manhattans Südspitze "wie im Film".
Die Verwüstung amerikanischer Großstädte durch Katastrophen, terroristische oder ersatzweise außerirdische Attacken ist ein Standardmotiv in Kinofilmen wie auch Romanen.
Für Drehbuchautoren und Schriftsteller war New York dabei immer schon ein beliebtes Ziel. Mit einem Schlag ließen sich hier gleich zwei Dinge wirksam treffen: die Stadt und ihr Mythos, das Land USA und seine Verheißung, das Konkrete und die Idee. In Manhattans Skyline schienen ewige Menschheitsträume greifbar: bedingungsloser Aufstieg und grenzenloser Reichtum, die Freiheit von Armut und Furcht.
Nur in einem Punkt erweist sich "A.I." als Ausnahme: Fast immer, wenn New York oder andere amerikanische Großstädte in den Visionen von Filmemachern und Schriftstellern zerstört werden, erfolgt die Attacke aus der Luft. Alles Böse kommt in der Regel von oben.
Seit den Attacken vom 11. September wirken viele dieser Phantasieprodukte prophetisch - als seien sie eine einzige große Erzählung aus einem kollektiven Unterbewussten, das sich seit Jahren in permanenter Alarmbereitschaft befand; ein Beleg auch dafür, wie gut die Amerikaner ihre verletzlichen Punkte kannten.
Im ersten Teil von "Stirb langsam - Die Hard" mit Bruce Willis besetzten Gangster 1987 einen Wolkenkratzer in Los Angeles und drohten mit dessen Sprengung - "ein eindrucksvolles Stück Architekturkritik", höhnten damals Kritiker. In der "Die Hard"-Fortsetzung von 1990 manipuliert ein Terrorkommando die Flugsicherung über Washington und bringt eine Maschine zum Absturz. Im dritten Teil ("Stirb langsam - jetzt erst recht", 1995) wird dann Manhattan Opfer eines Bombenattentats. Zusammengenommen und um die Happy Ends gekürzt, ergeben diese Filme eine gruselige Blaupause für den Terroranschlag vom 11. September.
Schon in den dreißiger Jahren ließ Hollywood den riesigen Gorilla King Kong auf dem Empire State Building herumklettern; das Remake von 1976 endet bezeichnenderweise auf dem World Trade Center - wer die Wahl hat, entscheidet sich wohl für das Hochhaus schlechthin.
In John Frankenheimers Thriller "Schwarzer Sonntag" (1976, nach einem Roman von Thomas Harris) schicken sich Terroristen an, von einem Zeppelin aus eine Bombe in ein Sportstadion zu werfen, in dem der Präsident gerade das Endspiel um die US-Football-Meisterschaft verfolgt - da das Spiel live übertragen wird, wäre das ganze Land Zeuge des Verbrechens.
Auch in anderen Thrillern wurden ähnliche Horrorszenarien in den Siebzigern schick: In "Terror gegen New York" von dem britischen Autor Robert Charles tun sich militante Schwarze, Indianer und Puerto-Ricaner zusammen, um in New York ein Kraftwerk zu sprengen. Sie wollen das Uno-Gebäude überfallen und die Freiheitsstatue besetzen.
In den Neunzigern erzählte der Amerikaner Tom Clancy - in seinen beiden Romanen "Das Echo aller Furcht" und "Ehrenschuld", 1991 und 1994 in den USA erschienen - von einem palästinensischen Terrorkommando, das in Denver einen nuklearen Sprengsatz zündet (mit Zehntausenden Toten), und von einem japanischen Selbstmordanschlag mittels eines Jumbojets auf das Kapitol in Washington: Neben dem Präsidenten kommt bei Clancy nahezu die gesamte US-Regierung um.
Dass ein einzelner Drahtzieher gleich mehrere Flugzeugentführer überreden könne, ihr Leben zu opfern, sei in einem Roman schlicht nicht glaubwürdig, sagte Clancy unmittelbar nach dem Anschlag, eine solche Geschichte für Thrillerautoren wie ihn undenkbar. "Die Leute hätten gesagt, ich sei verrückt geworden."
Sehr viel stärker in kollektiver Erinnerung (schlicht durch die Macht des Visuellen) sind die Kinoalpträume etwa aus Hollywoods Apokalypse-Märchen "Deep Impact" und "Armageddon" (beide 1998): Tödliche Einschläge in Hochhausfassaden, fliehende Menschen in den Straßen amerikanischer Großstädte, Trümmer, die vom Himmel fallen, die alles zerstörende Macht des Feuers - in beiden Werken waren Himmelskörper auf Kollisionskurs mit der Erde, die nicht nur New York zu verwüsten drohten.
In Roland Emmerichs "Independence Day" (1996) schieben sich fliegende Untertassen wie riesige Gewitterwolken in den Himmel über New York und Washington - der Präsident höchstselbst schießt hier die Bösen in Grund und Boden. Zuvor haben die Außerirdischen per Vernichtungsstrahl freilich sowohl das Kapitol als auch das Weiße Haus abgefackelt.
Wie sensibel diese Entwürfe die amerikanische Seele treffen, zeigt die Reaktion der US-Fernsehsender am Wochenende nach der Katastrophe: Fox strich "Independence Day" aus dem Programm, die ABC setzte die Ausstrahlung des Thrillers "Project: Peacemaker" ab, in dem Terroristen in New York einen atomaren Sprengkörper zünden wollen.
In Hollywood werden zurzeit gleich mehrere Filme geändert, umgeschrieben oder neu gedreht, die im Katastrophengenre eigentlich nur Business as usual betrieben: "Nosebleed" etwa, mit Jackie Chan, in dem Terroristen die Freiheitsstatue sprengen wollten, oder "Men in Black 2", der am World Trade Center enden sollte. "Collateral Damage", der neue Thriller mit Arnold Schwarzenegger, wurde gleich ganz "auf unbegrenzte Zeit" verschoben. Schwarzenegger als Racheengel, der die Täter eines Bombenanschlags jagd, bei dem seine Frau ums Leben kam. Was jahrzehntelang den Thrill ausmachte, gilt plötzlich als Tabu.
Probleme anderer Art hat die Produktionsfirma des Films "Spider-Man", der im Mai kommenden Jahres auch in die deutschen Kinos kommen soll. Der Trailer für den Film zeigt, wie der Titelheld eine Verbrecherbande fängt - mit einem Netz, das er zwischen den Türmen des World Trade Center aufgespannt hat.
Die prophetische Qualität gerade jüngerer Kinoproduktionen ist nun fast unheimlich: In "Einsame Entscheidung" aus dem Jahr 1996 etwa wollen Terroristen eine voll besetzte Boeing 747 als Kamikazeflieger mit Giftgas an Bord über Washington zur Explosion bringen. In letzter Sekunde gelingt es Kurt Russell, mit einer Spezialeinheit über eine gerade neu entwickelte Luftschleuse in die Maschine einzudringen und die Attacke abzuwehren.
Edward Zwicks "The Siege" (Ausnahmezustand, 1998) ist wohl die düsterste Vision, die Hollywood im Zusammenhang mit der Tragödie vom Dienstag zu bieten hat. Dort ist es erneut Bruce Willis, der nach einer Serie von Selbstmordattentaten arabischer Terroristen die Ordnung wiederherstellt - indem er alle arabischen New Yorker in einem Stadion internieren lässt. Willis spielt einen General, der im Namen Amerikas foltert und blutige Rache nimmt. Nicht nur die Angreifer kennen keine moralischen Grenzen mehr, sondern auch die Angegriffenen.
"Im Rückblick schien es eine merkwürdige Art zu sein, einen Krieg zu beginnen", lautet - gespenstisch aktuell - der erste Satz in Clancys Roman "Ehrenschuld". Am Ende des Romans ist der amerikanische Präsident tot, ein neuer schon vereidigt. Noch ist das Feuer auf dem Hügel des Kapitols zu sehen, als die TV-Kameras schon auf die ersten Worte des Nachfolgers warten. Eines wisse er ganz sicher, sagt der: "Amerika zu zerstören ist viel schwieriger, als Menschen umzubringen."
KulturSPIEGEL 10/2001
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