29.10.2001

KunstRichard Billingham

Eigentlich waren die Fotos nur Vorlagen für seine Gemälde. Doch dann stellten Galerien die schonungslosen Familienbilder aus.
Erschreckend sind die Fotos: vermüllte Zimmer, darin ein kranker, abgemagerter Alkoholiker. Oder eine Frau, blass, ungesund fleischig, tätowiert, die grauen Haare strähnig ohne Frisur. Die Bilder dokumentieren, ohne zu diffamieren, wohl deshalb hängen sie heute in Galerien und Museen.
Aufgenommen hat sie der Brite Richard Billingham, und über den Erfolg seiner Fotos ist er immer noch überrascht: In diesem Jahr wurde er als einer von vier Künstlern für den angesehenen und mit 20000 Pfund dotierten Turner-Preis nominiert. Schon allein, dass er Künstler geworden ist, klingt wie ein Märchen. Eines vom traurigen Jungen mit trostloser Kindheit in der miesesten Ecke von Birmingham, der es geschafft hat, ganz allein.
Billingham hat sich nicht wie ein Sozialforscher in einem fremden Milieu umgesehen - die Fotos, die ihn berühmt gemacht haben, zeigen seine eigene Familie. Vater Ray, Mutter Liz und den Bruder Jason, der es auch zu nichts gebracht hat.
Die Jugend von Richard war trostlos. Als er zehn war, verlor sein Vater den Job, weil er trank. Und damit hörte er nie mehr auf. "Ich war als Kind nicht unglücklich", sagt Billingham, aber isoliert, ein Einzelgänger wider Willen. "Weil ich ja niemanden mit nach Hause nehmen konnte."
Damals, als Schüler, hat er zu zeichnen begonnen und davon geträumt, Maler zu werden. Nach dem Schulabschluss schrieb er sich in Birmingham am Kunst-College ein. Billingham begann, seine Familie zu fotografieren, um die Bilder anschließend abzumalen. Doch zu seiner Überraschung begeisterte sich sein Lehrer so gar nicht für die Gemälde, dafür aber umso mehr für die Fotos. Und zeigte sie gleich einem Bildredakteur des "Sunday Telegraph Magazine". Der bot an, ein Buch daraus zu machen. Natürlich war Billingham damit einverstanden.
"Ray is'n Witz" heißt der Bildband und öffnete Billingham alle Türen. Der Erfolgsgalerist Anthony Reynolds zeigte seine Fotos, der Megasammler Saatchi kaufte, und Billingham bekam 1996 einen Fotopreis. Da war er gerade 25 und jobbte noch für zehn Mark Stundenlohn im Supermarkt Kwik Save. "Ich dachte, es ist einfach nur Glück."
Den Job hat Billingham dann doch bald aufgegeben, denn bei Ausstellungen wie "Sensation" verglich er seine Arbeit mit der seiner Kollegen. "Ich war nicht schlechter als irgendwer anderes", sagt er und zögert, "ich muss doch ein bisschen Talent haben." Das beweist er gerade mit neuen Fotos: Landschaftsaufnahmen aus Pakistan. Seine Familie fotografiert er im Moment nicht mehr, aber einen alten Traum hat er wieder in Angriff genommen: "Im November werde ich wieder zu malen beginnen." Ingeborg Wiensowski
Ausstellung siehe London.

KulturSPIEGEL 11/2001
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