28.01.2002

Die große Gier

„Sen to Chihiro“ ist der erfolgreichste nichtamerikanische Film aller Zeiten: Ein kleines Mädchen erlöst Japan vom Fluch des Materialismus.
Für die zehnjährige Chihiro und ihre Eltern hätte es ein fröhlicher Umzug ins neue Eigenheim werden sollen. Doch auf der Autofahrt durch die triste Neubaugegend gerät die Familie von der Straße ab - und findet sich in einer seltsamen, farbenprächtigen Geisterstadt wieder. Schnell entdecken Vater und Mutter köstliche Speisen; es sind Mahlzeiten für die Götter, und Menschen dürfen sie nicht essen. Aber die beiden können nicht widerstehen. Zur Strafe werden sie vor den Augen der entsetzten Tochter in grunzende Schweine verhext.
So schockierend respektlos beginnt ein Zeichentrickfilm, der vor allem eine Klage über den Werteverfall des modernen Japan ist: Gier, Materialismus, Egoismus - all das, was die Konsumkultur Japans ausmacht, ist böse.
Doch nach so einer Moralpredigt hat sich die Nation offenbar gesehnt: Seit vergangenem Sommer zog das moderne Zeichentrickfilm-Märchen "Sen to Chihiro no Kamikakushi" des Star-Regisseurs Hayao Miyazaki, 61, rund 21 Millionen Zuschauer aller Altersstufen in die Kinos. Vom Rest der Welt fast unbemerkt durchbrach der Film die 200-Millionen-Dollar-Grenze. In Japan spielte "Sen to Chihiro" inzwischen 227 Millionen Dollar ein - knapp 10 Millionen mehr als "Titanic" und doppelt so viel wie "Harry Potter". Noch nie hat ein Film so viel Umsatz gemacht, bevor er überhaupt in den USA, dem größten Kinomarkt der Welt, anlief. Für Miyazaki, der sich aus dem Filmgeschäft zurückziehen will, ist das ein grandioser Abschluss seiner Karriere.
"Sen to Chihiro" spiegelt nicht nur die Ängste der Japaner wider, er verheißt auch Hoffnung: Rettung ist möglich, aber sie kann nur noch von der nächsten Generation kommen. Um ihre bornierten Eltern aus der Schweine-Existenz zu befreien, muss Chihiro als Putzhilfe im Badehaus der Geisterstadt anheuern.
Das ist natürlich kein normales Badehaus, sondern eine Art verwunschenes Schloss. Hier gebietet eine böse Hexe, die sich nachts in einen Raubvogel verwandelt und mit gewaltigen Flügelschlägen zu ihren Streifzügen aufbricht. Ihre Badegäste sind Naturgötter. Götter im Badehaus? Ja, im Krisenland Japan haben sich selbst die Götter so mit Schlamm besudelt, dass sie dringend ein reinigendes Bad brauchen.
Für Chihiro beginnt eine harte Schule: Mit ihren Quengeleien wie "Ich will nicht!", mit denen verwöhnte japanische Kinder sonst Eltern und Lehrer nerven, erreicht sie im Hexenhaus gar nichts. Vorbei auch die Zeit, als sie sich auf der Rückbank des elterlichen Autos gelangweilt zwischen zahllosen Einkaufstüten räkeln konnte. Jetzt hilft nur Besinnung auf traditionelle Tugenden: Fleiß, Gehorsam, Ausdauer. Wer nicht spurt, dem raubt die Hexe den Namen - und damit die Persönlichkeit. Auch Chihiro ist schon halb verloren: Die Hexe zaubert ihr ein Schriftzeichen ihres Namens weg. Im Badehaus heißt sie fortan schlicht Sen.
Das Abenteuer führt das Mädchen immer tiefer in den märchenhaften Spuk der Trickfilm-Welt. Und die ist, so zeigt sich nach und nach, schöner als die betonierte Realität des Industrielandes - nämlich so idyllisch, wie Nippon vor langer, langer Zeit tatsächlich mal war: hübsche Holzhäuser, saubere Flüsse. Hier gibt es also genau das, was das Land im Zuge seiner besessenen Modernisierung opferte. Im gezeichneten Märchenland geht es fast so harmonisch zu wie in Japans Themenparks, jenen professionell arrangierten Vergnügungs- und Fluchtwelten am Rande der Großstädte.
Doch immer wieder zwingt Miyazaki sein Publikum in den Alltag zurück: Auch am Hexenhaus rauschen Vorortzüge vorbei. Bei der Arbeit trifft Sen auf korrupte Kollegen: Das Personal huldigt einem Monster mit dem symbolträchtigen Namen Kao-nashi ("Ohne Gesicht"), weil es mit Gold um sich wirft. Damit werden die Japaner unangenehm an eigene Ausschweifungen der Seifenblasen-Zeit erinnert, dem Wirtschaftsboom der späten achtziger Jahre: Damals schwelgte das Land im Luxus, berauschte sich am Immobilienboom, an Aktien und Designer-Mode. Doch dann folgte der Absturz in ein Jahrzehnt der Krise, aus der sich die Nation bislang vergebens zu befreien sucht. In "Sen to Chihiro" frisst das gesichtslose Monster alle auf, die dem Fluch des Goldes erliegen. Chihiro aber hat ihre Lektion gelernt: Sie weist die Hand mit dem Gold zurück.
Regisseur Miyazaki sieht aus wie ein gutmütiger Märchenonkel, weiße Haare, grauer Bart. Und er ist tatsächlich ein echter Märchenerzähler: In seinen Filmen geht es häufig um Gut und Böse, um den Verfall von Moral und um die Suche nach Erlösung. In seinem vorherigen Werk "Prinzessin Mononoke" lehnen sich die Naturgeister gegen die Zerstörung der Umwelt durch die Menschen auf. Der Film spielte 1997 Rekordsummen ein; in Deutschland kam er erst im vergangenen Frühjahr ins Kino. Mit solchen strengen, moralischen Ermahnungen ein Massenpublikum zu rühren - das gelingt Miyazaki dank der verführerischen Pracht seines Genres, des Trickfilms.
Kein anderes Medium fesselt die Japaner so wie Trickfilme und Comics. In Nippons visueller Kultur der Zeichen und Symbole genießen Comic-Charaktere fast noch mehr Respekt als lebende Filmstars. Mehr als die Hälfte der Druck-Erzeugnisse des Landes sind Comics - die so genannten Manga, die leichter zu lesen sind als schwierige Schriftzeichen. Auch Erwachsene lesen gern telefonbuchdicke Manga - vom Abenteuerroman bis zum Porno. Comicfiguren finden sich auf T-Shirts, Ess-Stäbchen, auf Hinweisschildern der U-Bahn-Stationen und selbst auf Grabsteinen.
Auch Regisseur Miyazaki hatte einst als Zeichner von Comicfiguren angefangen und sich dann hochgearbeitet. Inzwischen beschäftigt er in seinem Filmstudio Ghibli in Tokio weit mehr als hundert Angestellte. In Kinderbüchern sucht er ständig Stoff für neue Filmphantasien. Kürzlich eröffnete er in der Hauptstadt ein eigenes Museum, das den populären Traumwelten seiner Filme gewidmet ist.
"Sen to Chihiro" hat, natürlich, ein Happy End. Mit ihrer neu gewonnenen Fähigkeit, Freundschaften zu schließen und selbstlos zu lieben, schafft es Chihiro, sich und ihre Eltern vom Hexenspuk zu befreien. Die Familie kehrt zurück ins heutige Japan.
Die tapfere Chihiro ist gereift, nur ihre Eltern tapsen so stumpfsinnig durchs Leben wie zuvor. Aber wenn Chihiro erst mal erwachsen ist - diese Hoffnung gibt Miyazaki seinen Landsleuten -, wird sie Japan ganz bestimmt vor sich selbst retten.
Von WIELAND WAGNER

KulturSPIEGEL 2/2002
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