28.01.2002

LiteraturAlex Capus

Präzise und liebevoll beschreibt er provinzlerische Bockbeinigkeit, verpasstes Glück und das Aufbrechen verborgener Sehnsüchte.
Mit 16 Jahren las er Salinger, mit 18 Thomas Mann, mit 20 Hemingway. Dann Gogol, Turgenjew, Tolstoi, Tschechow - Alex Capus hat den typischen Bildungsweg eines empfindsamen Literaturschwärmers hinter sich. Große Gesten, große Gefühle, die Sehnsucht nach Welterklärung. Später studierte er Philosophie, die Metaphysik der Sitten, das Sein und das Nichts. Bis ihm seine Professorin sagte, dass er mit der Wissenschaft nicht glücklich werde, wenn er nicht mehr Leidenschaft für den Begriff aufbrächte. "Sie hatte Recht: Ich mag die Menschen lieber als Begriffe."
Statt nach theoretischer Erkenntnis über das Leben zu suchen, konzentriert sich der Schweizer Schriftsteller Alex Capus, 40, seitdem auf die Beobachtung von Alltäglichem.
Der Ort für seine literarischen Expeditionen ist Olten an der Aare. 17000 Einwohner, die Kinder können zu Fuß zur Schule, und der Wald ist an keiner Stelle weiter als fünf Gehminuten entfernt. Hier findet und erfindet er seine Figuren. Präzise beobachtet er provinzlerische Bockbeinigkeit, verpasstes Glück und das Aufbrechen verborgener Sehnsüchte. Er tut dies mit Liebe, ohne je Verrat zu begehen an seinen Helden. Und wenn es zu eng wird, "wenn ich mit meiner Frau ins Kino will, bin ich in einer halben Stunde in Basel".
Dort stößt er Mitte der achtziger Jahre im Archiv der Universitätsbibliothek auch auf jene Begebenheit, aus der "ungezählte Versionen" später sein dritter Roman wird: "Fast ein bisschen Frühling", die "wahre Geschichte der Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte, die im Winter 1933/34 den Seeweg von Wuppertal nach Indien suchten". Um Hitlers Deutschland zu entkommen, überfallen die Freunde eine Bank und erschießen aus Versehen den Filialleiter. Doch ihre Flucht endet in Basel. Da nämlich verliebt sich Waldemar im Kaufhaus Globus unsterblich in das Fräulein aus der Schallplattenabteilung. Jeden Tag kaufen die beiden bei Dorly Schupp eine Tango-Platte. Bis das Duo pleite ist und ein weiterer Bankraub nötig wird. In fetten Lettern verbreiteten sich die Zeitungen über das Drama und benutzten es als Beweis für den (natürlich miserablen) Zustand der Gesellschaft.
Capus liest und ist "tief bewegt". Und wütend über dies geschriebene Geschrei von Menschen, die nur den Gesetzesbruch sehen und blind sind für ungleich größere Verbrechen, die ein Hitler vor aller Augen schamlos begehen kann. "Gibt es", so schreibt er später, "wirklich nichts sonst zu sagen über diese beiden?" Doch. Gibt es. Und in manchen Passagen, den gelungensten, da scheint sogar die Erkenntnis des großen Ganzen durch. Dessen, was der Mensch ist und war und wohl immer bleiben wird: der ärgste Feind seiner selbst.
Residenz Verlag, Salzburg; 176 Seiten; 17,90 Euro.
Von SILJA UKENA

KulturSPIEGEL 2/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


KulturSPIEGEL 2/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 00:46

Heftige Vibrationen an Bord Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf

  • Video "Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf" Video 00:46
    Heftige Vibrationen an Bord: Air-Asia-Pilot fordert Passagiere zum Beten auf
  • Video "Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: Er scheint die Nerven verloren zu haben" Video 01:20
    Reaktionen auf Rede von Martin Schulz: "Er scheint die Nerven verloren zu haben"
  • Video "Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel" Video 00:36
    Video zeigt Unfall in US-Freizeitpark: 14-Jährige stürzt aus Gondel
  • Video "Amateurvideo zeigt Schiffsunglück: Ausflugsschiff sinkt auf Stausee" Video 00:55
    Amateurvideo zeigt Schiffsunglück: Ausflugsschiff sinkt auf Stausee
  • Video "Neues Drohnenvideo aus Aleppo: Leben in der Trümmerwüste" Video 01:31
    Neues Drohnenvideo aus Aleppo: Leben in der Trümmerwüste
  • Video "US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert" Video 01:01
    US-Fahndungsvideo: Streit zwischen Autofahrer und Biker eskaliert
  • Video "Gerhard Schröder auf SPD-Parteitag: Ich wundere mich schon..." Video 02:31
    Gerhard Schröder auf SPD-Parteitag: "Ich wundere mich schon..."
  • Video "Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten" Video 02:48
    Webvideos der Woche: Gerade noch zu retten
  • Video "Filmstarts der Woche: Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster" Video 07:00
    Filmstarts der Woche: Mark Wahlberg gegen die Roboterautomonster
  • Video "London evakuiert Hochhäuser: Das ist total übertrieben" Video 01:34
    London evakuiert Hochhäuser: "Das ist total übertrieben"
  • Video "OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an" Video 00:43
    OOCL Hong Kong: Weltgrößtes Containerschiff läuft größten britischen Hafen an
  • Video "Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte" Video 02:04
    Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte
  • Video "Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten" Video 02:45
    Chronik des Brexits: Wie sich die Briten gleich drei Mal verzockten
  • Video "Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?" Video 01:08
    Mysteriöses Phänomen: Würden Sie in diesem Fluss schwimmen?
  • Video "Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt" Video 01:06
    Revolutionäre Technik: Ein Aufzug, der ganz ohne Seil auskommt