30.03.2002

THEATERSchneller kichern

Die Dramatikerin Felicia Zeller sucht die Provinz - und findet sie unter anderem in Berlin.
Nur einmal war Felicia Zeller langsam. Das war vor zwei Wochen am Telefon, als ein Mann sich mit "Ulrich Plenzdorf" vorstellte und erklärte, warum ihr Stück "Bier für Frauen" das Zeug zum Kultfilm hätte. 20 Minuten dauerte es, bis Zeller, 31, in den Hörer brüllte: "Sie meinen, Sie sind der berühmte Ulrich Plenzdorf?!"
Ansonsten ist Felicia Zeller schnell. Beim Sprechen sogar so schnell, dass man ihr überhaupt nur folgen kann, weil sie ihren Redefluss immer wieder mit Gekicher unterbricht. Die Figuren ihrer Dramen - acht, von denen fünf in den vergangenen zwölf Monaten uraufgeführt wurden - sind da ganz anders: Bis zu fünf Minuten kann es dauern, bis einer einen Satz zu Ende gebracht hat - und es fehlt immer noch das Subjekt, Prädikat oder Objekt. Sprechen bedeutet in diesen Texten akustisches Mäandern um Auslassungen. Was die gebürtige Stuttgarterin jedoch sehr rhythmisch komponiert. "Libretto für 8 Einzelkämpfer und 1 Schaf" lautet der Untertitel ihres jüngsten Werks "Triumph der Provinz". Da geht die Sonne auf, da geht die Sonne unter, und "alles ist möglich. Jeder kann so einzigartig sein wie alle andern auch". In 39 kurzen, superkomischen Szenen zeigen Menschen zwischen 20 und 40, was vom Leben übrig blieb.
Provinz, sagt Zeller, sei kein Ort, sondern eine Haltung. Kritiklosigkeit gepaart mit Eitelkeit fände man in der Hauptstadt genauso. Weshalb die ehemalige Filmstudentin, die unter dem Pseudonym Lotio F. auch als Medienkünstlerin arbeitet, vor einem Jahr aus dem Baden-Württembergischen nach Berlin zog, erklärt sie ganz einfach: "Das war purer Sextourismus." Und kichert schon wieder. CHRISTIANE KÜHL
Uraufführung "Triumph der Provinz" am 11.4. im Theaterhaus Jena, Tel. 03641/88 69 44.

KulturSPIEGEL 4/2002
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