Von ROELCKE, ECKHARD
Menschen hasten presto zur Arbeit, die Maschinen bestimmen ostinato das Tempo. Die Stadt pulst con fuoco, erst am späten Abend lässt die Dynamik decrescendo nach. 1927 hat Walter Ruttmann mit seinem Film "Berlin: Die Sinfonie der Großstadt" einen Tag in der Metropole dokumentiert und rhythmisch virtuos montiert. Der Streifen mit Musik von Edmund Meisel ist ein Klassiker der Stummfilmzeit. Wenn jetzt der Dokumentarfilmer Thomas Schadt eine neue "Sinfonie einer Großstadt" komponiert, greift er die Idee des Films auf, liefert jedoch kein Ruttmann-Remake. Ein Jahr lang ist Schadt mit seiner Arriflex-Kamera durch das neue Berlin gezogen und hat Bilder und Bewegungen der Stadt schwarzweiß auf Zelluloid gebannt. Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst, in der Neutöner-Szene wohlbekannt, liefern den anspruchsvollen Sound zum Streifen. Wohlig klingen wird's wohl nicht. Die beiden Komponisten schrecken auch vor trivialen oder schrägen Klängen und elektronischen Effekten nicht zurück. Bei der Uraufführung in der Berliner Staatsoper am 10. April interpretieren das SWR-Sinfonierorchester Baden-Baden und Freiburg und der Dirigent Roland Kluttig die neuen Klänge in alter Stummfilmmanier live. Oehring ist gut im Geschäft und wird wenig später am anderen Ende der Republik ein weiteres Opus präsentieren. Im Theater Aachen inszeniert Claus Guth sein Musiktheater "BlauWaldDorf". Oehring, der Sohn gehörloser Eltern, experimentiert in diesem Werk mit Gebärdensprachen, Gesten und Klangbildern. Das Opus basiert auf der Geschichte der kleinen Meerjungfrau aus dem Märchen von Hans Christian Andersen. In ihrer Liebe zum Prinzen opfert die wundersame Wasserfrau ihren Fischschwanz und ihre Stimme.
"Sinfonie einer Großstadt", Uraufführung in der Berliner Staatsoper am 10.4., Tel. 030/20 35 45 55; "BlauWaldDorf", Uraufführung am 27.4. im Theater Aachen, Tel. 0241/478 42 44.
KulturSPIEGEL 4/2002
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