29.04.2002

Das kollektive Glück

Wenn Amerika seine Helden mit Pathos und Kitsch feiert, schauen die Deutschen verlegen zu. Und sehnen sich nach großen Gefühlen.
Der erste Held, den ich kennen lernte, trug einen karierten Rock. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie er hieß, aber ich weiß noch, wie er aussah: Er war ziemlich klein und schmächtig, hatte O-Beine wie ein Jockey und ein Gesicht, als hätte er sein ganzes Leben bei Wind und Wetter an Bord eines Frachters verbracht. Der Mann war Schotte, etwa 70 Jahre alt. Ich traf ihn Anfang Juni 1994 in der Normandie am "Omaha Beach". Es war der 50. Jahrestag des D-Day, der Landung der Alliierten, und er war zu der Feier mit seinem eigenen kleinen Schützenpanzer angerollt.
"Was für ein kurioser Vogel", dachte ich, "er hat entweder nicht alle Tassen im Schrank, oder er kann nicht aufhören zu kämpfen, was im Prinzip dasselbe bedeutet."
Doch der Mann war weder verrückt noch ein ewiger Krieger, der die deutsche Kapitulation noch immer nicht akzeptiert hatte. Er hatte einfach ein intaktes Erinnerungsvermögen und einen leichten Spleen für geländegängige Fahrzeuge. Nachdem er den kleinen Schützenpanzer vorgeführt hatte, erzählte er uns seine Geschichte.
1944 gehörte er einer britischen Einheit an, die bei der ersten Landungswelle eingesetzt wurde. An Bord des Landungsbootes waren zwölf Soldaten, alle um die 20. Der Bootsführer ließ die Rampe zu früh herunter, die Soldaten sprangen ins Wasser und wurden von ihrer schweren Ausrüstung in die Tiefe gezogen. Alle ertranken - bis auf den Schotten, der es irgendwie schaffte, den Ballast loszuwerden und an Land zu schwimmen. Erst später wurde ihm klar, dass er der einzige Überlebende seiner Gruppe war. Und seitdem lebt er mit der Frage: Warum ich?
An der offiziellen Gedenkfeier nahm der Schotte nicht teil, stattdessen zog er sich seinen Sonntagskilt an, setzte sich in seinen kleinen Schützenpanzer und fuhr an die Stelle, an der er vor 50 Jahren an Land gespült wurde, um für seine toten Kameraden zu beten. Ganz allein.
Er erzählte seine Geschichte mit Würde, aber ohne Pathos, er konnte ja nichts dafür, dass er zufällig überlebt hatte, während die anderen auf Grund einer Panne sterben mussten. Das Einzige, was ihn tröstete, war der Gedanke: "It was not in vain", es war nicht vergeblich, sie waren für die richtige Seite gefallen.
Er selbst hat sich nicht als Held empfunden, für mich war er einer. Ich hatte das Gefühl, mich bei ihm für die Befreiung meiner Eltern bedanken zu müssen, obwohl er kein deutsches KZ betreten hatte. Vor allem aber begriff ich, wie wichtig es ist zu wissen, dass ein Opfer nicht sinnlos war.
Die Kinder der Wehrmachtssoldaten und der Lagerüberlebenden, unter denen ich aufgewachsen war, hatten ein gemeinsames Problem. Die einen nahmen es ihren Eltern übel, dass sie mitgemacht, die anderen, dass sie sich nicht gewehrt hatten. Weil die Väter keine Helden waren, wurden Mythen und Legenden geschaffen: vom Befehlsnotstand auf der einen, vom Widerstand auf der anderen Seite. Und da stand dieser kleine Schotte in seinem albernen Rock vor mir, der um seine toten Kameraden trauern konnte, ohne sich für irgendwas schämen zu müssen. Er hatte es gut.
"Die haben es gut, warum können wir es nicht so gut haben?", fragte ich mich, als ich zum ersten Mal das Norman Rockwell Museum in Stockbridge/Massachusetts besuchte. Rockwell, 1894 in New York geboren, hatte in dieser Bilderbuch-Kleinstadt in Neuengland 25 Jahre gelebt und gearbeitet, er war ein amerikanischer Patriot, und so malte er auch: 322 Titelseiten für "The Saturday Evening Post", Hunderte von Motiven für Kalender, Plakate und Anzeigen. Lange als "Illustrator" gering geschätzt, gilt Rockwell inzwischen als Erfinder der "demokratischen Historienmalerei", seine "Pictures for the American People" wurden kürzlich im New Yorker Guggenheim-Museum gezeigt. Es sind zum größten Teil Bilder aus dem amerikanischen Hinterland, die das gesunde, das gute, das anständige Amerika zeigen.
Rockwell porträtierte die Helden des Alltags, den Polizisten, den Hausarzt, den Nikolaus, er hielt die Schönheit des Banalen in idyllischen Szenen fest. Sein wohl berühmtestes Bild zeigt eine Familie beim Thanksgiving-Essen, der Mittelpunkt der Feier und des Bildes ist ein großer Truthahn, über den sich gleich alle hermachen werden.
Rockwell nahm aber auch Stellung. Nach den Unruhen um die Aufhebung der Rassentrennung an Schulen in New Orleans malte er ein schwarzes Mädchen, das von vier Marshals zum Unterricht eskortiert wird. Ein Blick genügt, und man erfährt alles über den weißen Mob und seine Opfer. Rockwells Bilder, sagen die Kritiker heute, sind "comfort food" für die Seelen, also das visuelle Ergänzungsstück zu Chips und Donuts, die auf den psychischen Apparat des Menschen beruhigend wirken.
Warum gibt es keinen deutschen Norman Rockwell? Weil gezeichnete Momentaufnahmen aus dem Hunsrück und der Pfalz nicht so anmutig wären wie Bilder aus Neuengland? Oder weil deutsche Künstler mit Anspruch die Wirklichkeit nicht einfach wiedergeben, sondern sie vor allem kritisch penetrieren möchten? Wie der Polit-Grafiker Klaus Staeck: Seine Arbeiten müssen übersetzt werden, die Bilder Rockwells erklären sich selbst.
Es ist wie im Kino. In deutschen Filmen wird von Gefühlen geredet, in amerikanischen werden sie vorgeführt. Bis sich auch der letzte Zuschauer verzweifelt fragt: Was haben die, das wir nicht haben?
Den Mut zur großen Geste, die Liebe zum fröhlichen Kitsch und eine ungebrochene Haltung zum Heldentum. Das ist es, was uns abgeht, und das wir deswegen den Amerikanern zum Vorwurf machen.
Die Art, wie die Amerikaner ihren Patriotismus inszenieren, wird in Deutschland als primitiver Nationalismus empfunden. Der Umstand, dass ein deutscher Politiker mit Hilfe einer Postkartenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft eine Landtagswahl gewinnen konnte, während jedes Kind, das in den USA geboren wird, automatisch einen US-Pass bekommt, bleibt auf die Meinung ohne Einfluss. Es reicht schon, dass die Amerikaner zu jedem Anlass ihre Fahne schwenken, beim Baseballspiel der New York Yankees gegen die Boston Red Sox wie beim Gedenkgottesdienst für die Opfer der Anschläge vom 11. September.
Auf so eine Idee kämen in Deutschland höchstens durchgeknallte Rechtsradikale. Nur: In den USA ist auch das Verbrennen der US-Flagge als Ausdruck der Meinungsfreiheit von der Verfassung geschützt; die Fahne ist nicht nur ein Symbol der nationalen Einheit, sie gehört auch jedem Amerikaner ganz privat, der darüber entscheidet, was er mit ihr macht.
Deswegen gibt es Unterhosen, Bikinis und Sweatshirts im Fahnendesign, Badetücher, Mützen, Schals, Schuhe, Handtaschen, Fußmatten, Weihnachtskugeln und Hundecapes mit Streifen und Sternen darauf. Wäre ein vergleichbarer Umgang mit der deutschen Fahne vorstellbar?
Es führt ein direkter Weg von den Stränden der Normandie zu Ground Zero in New York. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der erste Film gedreht wird, dessen Helden die "Heroes" vom 11. September sein werden, die ihre Leben riskierten, um andere zu retten. Nach deutschen Maßstäben wird es sicher ein kitschiges Werk werden, denn Heldentum ist in Deutschland suspekt, spätestens seit die Nazis den Volkstrauertag zum "Heldengedenktag" umbenannten.
Dennoch gibt es ein Bedürfnis nach Heldenverehrung, nach staatlichem Pathos und nach großen Gefühlen. Weil es aber ein unterdrücktes Verlangen ist, fallen die Inszenierungen so kläglich aus. Öffentliche Gelöbnisse von Bundeswehrrekruten werden von Flitzern gestört, die ihre Einlagen für einen Beitrag zur Abrüstung halten. Für die fünf Besatzungsmitglieder eines in Hamburg abgestürzten Rettungshubschraubers gab es eine Totenfeier mit viel Pomp, die noch feierlicher und pompöser ausgefallen wäre, wenn nicht zugleich bekannt geworden wäre, dass der Pilot die Maschine betrunken geflogen war.
Die Entdeckung der "Wilhelm Gustloff" durch Günter Grass mehr als 50 Jahre nach dem Untergang des Schiffes war eine verspätete Katastrophe, kaum dazu angetan, neue Heldenmythen zu produzieren. Es reichte gerade für die Erkenntnis, dass man die Leiden der Vertriebenen nicht vergessen und auch um die deutschen Opfer des Krieges trauern müsse - was niemand je bestritten hatte.
Angesichts der deutschen Geschichte können sich Gefühle wie Trauer und Mitgefühl nur vor dem Hintergrund von Naturkatastrophen in Unschuld entfalten. Optimal ist eine Flut im Oderbruch, bei der junge Männer vom Technischen Hilfswerk Dämme aus Sandsäcken bauen. Es sind Helden, wie wir sie gern haben: unbewaffnet und im Einsatz gegen Urgewalten, also ideologisch einwandfrei. Deutsche Anti-Terror-Kämpfer in Afghanistan fallen dagegen in eine andere Kategorie: Politisch bedenklich, denn sie stören den multikulturellen Dialog und drehen an der Schraube der Gewalt. Wem ein Naturdesaster zu banal und ein bewaffneter Einsatz zu gefährlich ist, der richtet seine Sehnsüchte nach Olympia. Eine Goldmedaille im Rennrodeln oder Kajakfahren kann auch kollektive Glücksgefühle auslösen.
Es gibt freilich eine Disziplin, in der wir unschlagbar sind, den Amis und dem Rest der Welt weit überlegen: in der Philosophie des Banalen. Ein Satz von Dr. Motte, dem Erfinder der Love Parade, ein Statement von Boris Becker, eine Bemerkung von Michael Schumacher, und wir denken nicht mehr daran, dass wir in der Normandie geschlagen wurden, dass wir keinen Norman Rockwell haben und die deutsche Fahne neben der amerikanischen aussieht wie ein Topflappen neben einem Objekt von Roy Lichtenstein.
"Nach der Ironie kommt das Pathos", hat uns Harald Schmidt vor einiger Zeit versprochen. Dann kam Verona Feldbusch und setzte noch eins drauf. "Von der Zukunft erwarte ich", sagte sie auf RTL, "dass sie so wird, wie sie bis jetzt war."
Von HENRYK M. BRODER

KulturSPIEGEL 5/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


  • Vor 20 Jahren in Berlin: Der Niedergang des Wedding
  • Webvideos der Woche: Festhalten bitte, wir starten durch!
  • Nasa-Sonde zeichnet Geräusche auf: So klingt der Mars
  • Faszinierende Bilder: Das Geheimnis der leuchtenden Delfine