24.06.2002

Manga Chutney

Comics waren immer Männersache. Bis japanische Manga auf den Markt kamen. Nun verlangen auch Mädchen nach den Bildergeschichten über Sex, Gewalt und Romantik.
Bei ihrem erstem Besuch in der japanischen Bilderwelt hatte sie sich noch verirrt. Das war vor vier Jahren, Birthe Claußen war damals zwölf Jahre alt, und ihr erstes japanisches Comic las sie noch, wie sie es gewohnt war, von vorn nach hinten und von links nach rechts. Aber das war ein Fehler. Denn "Dragon Ball", die Geschichte eines kleinen Jungen, der sich auf der Suche nach sieben magischen Drachenkugeln durch die Welt kämpft, amouröse Abenteuer erlebt und erwachsen wird, war der erste Manga, wie japanische Comics genannt werden, der auch hier im authentischen Layout erschien. Das heißt, er musste entgegen allen deutschen Gewohnheiten von hinten nach vorn und von rechts nach links gelesen werden.
Obwohl sie also nichts begriff, war Birthe begeistert. "Solche Zeichnungen hatte ich noch nie gesehen", sagt die Hamburgerin, "die Bilder waren rasant, die Figuren niedlich und die Geschichte schien wirr, aber sehr lustig zu sein." Heute stapeln sich in Birthes Schränken die gesamten 42 Bände der Serie, neben Hunderten anderer Manga, die die Schülerin mittlerweile gesammelt hat. An den Wänden ihres Mädchenzimmers hängen selbst gemalte Porträts ihrer liebsten Comic-Helden. "Dragon Ball" ist bis heute mit einer Gesamtauflage von mehr als sechs Millionen in Deutschland ein Bestseller der Szene - der auch verfilmt wurde und nach "Wetten, dass ...?" die derzeit beliebteste Abendsendung bei 3- bis 13-Jährigen ist.
Der Comic sorgte dafür, dass der ewige Geheimtipp Manga in Deutschland zum Massenphänomen wurde. Mittlerweile erscheinen jeden Monat rund 50 verschiedene Serien, einzelne Titel erreichen Auflagen von 200000 Stück und haben selbst altgediente Comic-Veteranen wie Superman und Spider-Man längst überflügelt. Beim Hamburger Carlsen Verlag, der Heimat von "Tim und Struppi" und "Gaston", machen die Bildergeschichten aus Fernost mittlerweile den größten Teil des Comic-Umsatzes aus. "Das ist ein dramatischer Umbruch", sagt Carlsen-Verlagsleiter Joachim Kaps, "mit den Manga haben wir endlich wieder einen wachsenden Markt und erreichen ganz neue Zielgruppen."
Mädchen wie Birthe und ihre Freundin Marie-Christine zum Beispiel, die ihr Taschengeld für Manga-Serien ausgeben. Zum ersten Mal brechen Mädchen damit mit Macht in die traditionelle Jungsdomäne der Comics ein, einzelne Serien werden sogar mehrheitlich von Mädchen konsumiert. Und dabei beschränken sie sich nicht klischeegerecht auf niedliche Tier- und Romanzencomics, sondern begeistern sich auch für bluttriefende Action und drastische Sexdarstellungen. Birthes aktueller Favorit ist "Berserk", eine Serie, die auf jeder Seite hält, was ihr Titel verspricht. "Manga sind einfach vielschichtiger als herkömmliche Comics, das gilt auch für Sex- und Gewaltdarstellungen", sagt sie, ",Berserk' ist ziemlich brutal, aber eigentlich sehr romantisch." Ihre Freundin Marie-Christine begeistert sich nicht nur für die Exotik der japanischen Fantasy- und Alltagswelten. Sie ist besonders fasziniert von der Mehrdeutigkeit der Manga-Charaktere: Oft ist weder das Geschlecht der Comic-Helden klar, noch sind sie eindeutig gut oder böse. Der männliche Held ihrer Lieblingsserie "Ranma 1/2" etwa verwandelt sich in ein Mädchen, wenn er mit kaltem Wasser in Berührung kommt.
Die beiden Freundinnen sind mit ihrer Begeisterung nicht allein. "Fast alle Manga-Fans, die ich kenne, sind Mädchen", sagt Marie-Christine, die neben den Comics auch japanische Trickfilm-DVDs sammelt. Der besondere Erfolg bei der weiblichen Zielgruppe lässt sich auch dadurch erklären, dass zum ersten Mal in der Geschichte des Comic Frauen als Produzenten eine tragende Rolle spielen - auf dem amerikanischen und europäischen Markt nahezu undenkbar. Manga werden in Japan in der Regel von Zeichenstudios produziert, Clamp, eines der erfolgreichsten und angesehensten weltweit, wird nur von Frauen geführt. Neben den fein ziselierten Zeichnungen glä nzt das Studio mit einer stimmigen Verbindung von Action, Sex, Alltagsdramen, Fantasy, Witz, Charme und aufwendiger psychologischer Charakter-Entwicklung.
Die Darstellungen von Sex und Erotik sind nicht nur beinahe allgegenwärtig, sie sind auch enorm facettenreich. Die Bandbreite reicht bei Manga für Schulkinder von gelupften Röcken, die den Blick auf Mädchenslips erlauben, bis zu Duschszenen; Manga für Ältere zeigen Sado-Maso, Inzest und Nekrophilie oder auch Monster, die mit mutierten Tentakeln Schulmädchen penetrieren. Auch homoerotische Momente finden sich oft. Selbst in "Sailor Moon", einem klassischen Comic für kleine Mädchen, verlieben sich die jungen Heldinnen ineinander und tauschen heiße Küsse aus. Genauso beliebt bei den weiblichen Leserinnen sind Manga, die homoerotische Beziehungen zwischen Männern thematisieren. Wie zum Beispiel die Serie "Zetsuai", die von einem erfolgreichen Popsänger erzählt, der dem männlichen Objekt seiner Begierde obsessiv nachstellt und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt. "Mädchen in diesem Alter wissen oft noch nicht allzu viel über Jungs", erklärt der Manga-Zeichner Asuka Rei, "sie fühlen sich da ein wenig verängstigt. Aber eine Liebesgeschichte zwischen zwei Jungs können sie genießen, ohne nervös zu werden, weil sie nichts mit ihrem Leben und ihrer Sexualität zu tun hat." Nebenbei schätzen Mädchen wie Marie-Christine und Birthe aber auch schön gezeichnete Jungskörper.
Die Bildgeschichten als solche und darin die explizite Darstellung von Pornografie haben in Japan Tradition. Im 19. Jahrhundert bezeichnete Meister Katsushika Hokusai seine Sammlung von Holzschnitten, die humoristische Alltagsszenen zeigten, als "man-ga", eine Zusammensetzung der Schriftzeichen für "impulsiv" und "Bild". Heute sind Manga schon lange selbstverständlicher und unverzichtbarer Bestandteil der japanischen Alltagskultur. Längst hat die expressive Bildsprache der Manga auch den Westen infiziert - Videospiele, TV-Serien, Werbespots, Mode und zeitgenössische Kunst (wie ab 27. Juni bei der Ausstellung "Coloriage" in der Pariser Fondation Cartier zu sehen).
Sex spielte von Anfang an eine tragende Rolle in japanischen Bildern. Schon im 18. Jahrhundert erfreuten sich so genannte Shunga, erotische Holzschnitte mit expliziten Sexdarstellungen, großer Beliebtheit, in denen die Körper der Menschen meist nur unbedeutende Anhängsel enormer Genitalien waren. Heutzutage produziert die repressive Leistungsgesellschaft des modernen Japan große Begeisterung für alle Spielarten der Sexualität. Für westliche Leser absonderlich anmutende Vorgänge erklären sich auch aus der Gesetzgebung - so war Homosexualität in Japan meist nicht gesetzlich verboten und lange nicht gesellschaftlich geächtet. Die Darstellung von Schamhaaren ist dagegen untersagt, ebenso dürfen Genitalien von Erwachsenen nicht naturalistisch gezeichnet werden - die von Kindern und Phantasiegestalten dagegen schon. Das erklärt die zahllosen Geschichten, in denen Monster ihre Tentakel in Schulmädchen versenken. Die Darstellung der Sexualität wird auch gern mit philosophischen und psychologischen Elementen verwoben, mit den zeitlos modernen Fragen nach Macht und Abhängigkeit, Identität und Intimität.
Und das ist es, was Mädchen wie Birthe und Marie-Christine fasziniert. "Wer sich auf die Geschichten einlässt, wird mehrere Ebenen entdecken", sagt Marie-Christine, "es geht auch immer um Themen wie Freundschaft und die Probleme des Erwachsenwerdens."
Und wenn die beiden erwachsen sind, dann wartet schon die nächste Manga-Kategorie auf sie: die so genannten Lady Comics, in denen es um Affären zwischen Arbeitskollegen geht und um die heimlichen Eskapaden von Hausfrauen.
Von DALLACH, JÖRG BÖCKEM UND CHRISTOPH

KulturSPIEGEL 7/2002
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