29.07.2002

Marathon-Mann

Der schottische Videokünstler Douglas Gordon zeigt seinen Lieblingswestern. Die Vorführung dauert genauso lange wie die Filmhandlung - fünf Jahre.
Gut möglich, dass Godard an allem schuld ist. Film, hat der französische Regisseur einmal behauptet, sei die Wahrheit, 24-mal in der Sekunde. Das klang philosophisch und irgendwie medienkritisch; Generationen von Filmstudenten wiederholten das Bonmot, ohne sich dabei groß etwas zu denken.
Der schottische Videokünstler Douglas Gordon, 35, kann mit Godard nicht viel anfangen. Die Filme findet er langweilig, aus den meisten ist er vor dem Ende rausgegangen. Es ist eine schöne Ironie, dass ausgerechnet er den Meister eines Tages beim Wort nahm: Was passiert eigentlich, wenn man einen Film Bild für Bild vorführt, ihn gewissermaßen in seine Bestandteile zerlegt?
Alfred Hitchcocks "Psycho" war 1993 Gordons erster großer Streich. 109 Minuten dauert der Film im Kino. Gordon zerdehnte die Projektion auf 24 Stunden. Zwei Bilder pro Sekunde, ungefähr, das Ganze ohne Ton - Zeit genug, sich auf Nebensächlichkeiten zu konzentrieren.
Die Kritiker waren begeistert. Film ist Bewegung. Gordon brachte ihn zum Beinahe-Stillstand. Plötzlich galt er als Konzept-Künstler, sein Name wurde zusammen mit Andy Warhol, Damien Hirst oder Richard Serra genannt.
Gordon findet das lustig. Der Einfall zum "Psycho"-Projekt kam ihm, als er eines Abends, ziemlich betrunken, mit der Einzelbildschaltung seines Videorecorders herauszufinden versuchte, ob Janet Leigh in jener Szene nackt zu sehen ist, in der Anthony Perkins sie durch ein Loch in der Wand im Badezimmer beobachtet. "Zeitlupe", sagt Gordon, "lässt uns Sachen entdecken, die wir nie sehen sollten." Später erhielt er für "24 Hour Psycho" den angesehenen Turner-Preis.
In der Nähe von Oslo beginnt Gordon Anfang August mit den Vorbereitungen für sein ehrgeizigstes Projekt: Auf dem Gelände des norwegischen Telekommunikations-Konzerns Telenor wird er ab September den Western "The Searchers" (deutsch: "Der schwarze Falke") zeigen, Bild für Bild: Auf einer großen Leinwand können Besucher und Angestellte verfolgen, wie John Wayne von seinem Indianer-Hass vorwärts getrieben und beinahe zerstört wird.
John Fords Film erzählt die Geschichte von Ethan Edwards (Wayne), dessen Nichte von Indianern entführt wird und der sich daraufhin auf die Suche nach ihr macht. Fünf Jahre dauert seine Odyssee, fünf Jahre etwa wird auch die Vorführung dauern; das Drama einer Rache in Echtzeit, eine Reflexion über Geduld und übers Warten, die den Zuschauer mit den Filmhelden altern und verzweifeln lässt.
Ursprünglich wollte Gordon den Film im Monument Valley (Utah) vorführen, wo Ford ihn 1955 in Teilen gedreht hatte; weil sich das als undurchführbar erwies, akzeptierte er schließlich das Angebot von Telenor, nach Oslo auszuweichen. "Es ist nicht die Wüste", sagt er in seinem singenden Glasgower Akzent, "aber was soll's."
Jedes Bild des Films wird gut 14 Minuten lang auf der Leinwand sein. Das Insert, das am Anfang Ort und Zeit mitteilt (Texas 1868) ist im Kino fünf Sekunden lang zu sehen; bei Douglas Gordon werden daraus 28 Minuten. Und während im Film weitere 76 Sekunden vergehen, ehe John Wayne von seinem Pferd gestiegen und von seiner Schwägerin begrüßt worden ist ("Welcome home, Ethan"), dauert das Ganze bei Gordon knapp 18 Tage - für einen Filmverrückten einen Großteil des Jahresurlaubs.
Gordon selbst hat von der verlangsamten Projektion höchstens ein paar Filmminuten gesehen. Er hat keine Zeit mehr, seit er mit der Entdeckung der Langsamkeit berühmt wurde.
Die Tür zu seiner Londoner Hotel-Suite öffnet er im Bademantel, unrasiert. Am Vormittag war er mit seiner Freundin noch in Glasgow, am Tag zuvor sind sie von New York herüber- geflogen. Demnächst geht es nach Texas, dazwischen immer wieder Los Angeles, Denver, Sacramento - je extremer er seine Projekte verlangsamt, desto stärker wird sein eigenes Leben beschleunigt.
In Oslo wird der Film ohne Pause gezeigt, Tag und Nacht, sommers wie winters. Einwände, wegen der Helligkeit sei im Sommer kaum etwas zu erkennen, wischt Gordon lässig beiseite: Da sich ohnehin nicht viel bewegt, werden die Leute kaum etwas verpassen, sagt er.
Im September des vergangenen Jahres hat Gordon Ausschnitte des gedehnten Films in der Mojave-Wüste östlich von Los Angeles vorgeführt. Als sie die Leinwand aufgebaut hatten, nahe der Ortschaft Twentynine Palms, entdeckten sie, dass es, kaum zwei Meilen entfernt, ein Autokino gibt. Sie überredeten den Besitzer, den Film an jenem Abend in normaler Geschwindigkeit zu zeigen.
Für Gordon war es der erste Besuch in einem Autokino. Die Vorführung begann, als über der Wüste die Sonne unterging. Sie saßen auf ihren Autos, tranken Bier und genossen den Film; danach fuhren sie nach Twentynine Palms und sahen Szenen aus demselben Film in extremer Zeitlupe. Ein bizarres Erlebnis, sagt Gordon, verwandt jenem tranceähnlichen Zustand zwischen Träumen und Wachen.
Gordon beschäftigt sich seit Jahren mit der Wechselwirkung von Leben und Kunst, von Fiktion und Wirklichkeit. Was bedeutet es, wenn Filme, Bücher oder Musikstücke zu einem Teil unseres Lebens werden, mit unseren realen Erfahrungen verschmelzen?
Wie Anfang Juli, irgendwo in Downtown Manhattan. Er war mit einer Journalistin zum Interview verabredet, in einem kleinen Restaurant ganz in der Nähe von Little Italy, "Scorsese-Land", wie Gordon bewundernd hinzufügt, und weil er vier Wochen zuvor Vater geworden war, hatte er seinen kleinen Sohn dabei.
Plötzlich ging die Tür auf, und Harvey Keitel kam herein, Held aus Scorsese-Filmen wie "Hexenkessel" oder "Taxi Driver". Als Keitel das Lokal wenig später wieder verließ, blieb er an Gordons Tisch stehen, betrachtete das Baby auf Gordons Schoß eine Weile und sagte dann: "Du bist aber ein hübscher Bursche. Alles Gute, mein Kleiner, und viel Glück." Gordon konnte sein Glück kaum fassen. "Der ,Bad Lieutenant' selbst hat gesagt, du bist in Ordnung", flüsterte er seinem Sohn ins Ohr. Dann rief er seine Eltern in Glasgow an. Seine Mutter war am Apparat.
"Harvey Keitel hat gerade unser Baby gesegnet", rief er.
"Das ist sehr gut, mein Junge."
"Weißt du überhaupt, wer Harvey Keitel ist?"
"Nein", antwortete sie.
Gordon liebt solche Momente, in denen Kino und Wirklichkeit sich überlappen.
Vor Jahren hat er herausgefunden, dass man in Hitchcocks Film "Das Fenster zum Hof" ein paar Sekunden lang die Adresse jenes Hauses erkennen kann, in dem James Stewart glaubt, einen Mord beobachtet zu haben.
Lars Thorwald heißt der Mann, der seine Frau getötet, zerteilt und in einem Koffer aus der Wohnung getragen haben soll. Also schrieb Gordon ihm einen Brief. "Was haben Sie mit ihr gemacht?", wollte er von Thorwald wissen.
Der Brief kam ungeöffnet zurück.
Von GOOS, HAUKE

KulturSPIEGEL 8/2002
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