Von NEFF, MICHAEL
Für Außenstehende sind wir ein Haufen arroganter, dekadenter, einseitiger Zeitgenossen. Das stimmt leider. Ein buntes Völkchen, das wie ein Heuschreckenschwarm von Vernissage zu Vernissage, von Messe zu Messe zieht und überall Schrecken verbreitet (und leere Kassen hinterlässt). Geld bestimmt den Rhythmus. Macht ist hierbei für viele der eigentliche Indikator - oder auch ein Katalysator. Sie hoffen, dies geschehe ganz im Sinne der hehren Kunst? Weit gefehlt.
Messen sind der ideale Ort, um zu zeigen, wer gerade das Sagen hat. Und Messen gibt es in Europa und den USA ja genügend. Mitte Februar geht es los mit der Arco Madrid, dann Ende des Monats kurz über den Teich zur Armory Show nach New York, die Art Frankfurt im Mai hatte sich vor längerer Zeit eh schon ins Abseits gestellt, im Juni dann das definitive Jahreshighlight - die Art Basel. Im Sommer kehrt ein wenig Ruhe ein, im September muss man los zum Art Forum Berlin, danach schnell zur Fiac in Paris, Ende Oktober reist man zur Art Cologne. Und schließlich geht es, dieses Jahr zum ersten Mal, Anfang Dezember über den Teich zur Art Basel Miami Beach.
Dazwischen gibt es noch verhuschte Messen in Brüssel, Turin, Athen und Stockholm, alle nicht besonders erwähnenswert, aber existent.
Die Arco in Madrid war einst Dritte-Welt-Messe mit Bildern an der Wand anstatt Makramee auf den Tischen und Vorzeigekulturereignis der post-francophilen Ära. Heute ist sie das Lieblingskind der spanischen und südamerikanischen High Society. Auch kam bis vor ein paar Jahren gern der spanische Hochadel vorbei, um sich bei deutschen Galeristinnen etwas genauer über die mitgebrachten Gebirgslandschaften zu informieren.
Es soll Bars in Madrid gegeben haben, die hatten beim Klo einen raffinierten Hinterausgang, so dass, wenn vorn die spanische Polizei reinplatzte, zwar all der Koks wegflog, aber der Besitzer des jeweiligen Häufchens flott durch die Hintertür in die Nachbarkneipe wechseln konnte. Heute hat sich das alles geändert. Der Dealer liefert frei Haus per Motorroller, unterscheidet sich vom Kunstvölkchen in keinster Weise - noch ein Küsschen auf die Wange rechts und links, und schon ist er wieder weg.
Anschließend fliegt man nach New York, auch da gibt es eine Kunstmesse. Der Himmel weiß, wozu, ist doch in in der Stadt jeden Tag Kunstmarkt. Der Normalmensch lacht sich halbtot, wenn der Kunstmensch mit Manolo-Blahnik-Stilettos über die löchrigen Straßen humpelt, das Chloé-Kleid sieht aus wie aus der Obdachlosen-Ausstattungsboutique, die Handtasche von Gucci mit Bambusgriff tut auf der Schulter höllisch weh. So bewaffnet geht es dann zur Galerie Mary Boone, den Maler Greg Bogin anschauen. Die Vernissage ist am Freitag, Dienstag darauf: alles verkauft. So kann es gehen.
Aber wir wollen ja eigentlich auf die Messe. "At the piers", wie der New Yorker sagt. Um die Verwirrung noch zu komplettieren: Es gibt die Armory Show Downtown (at the piers) und eine Art Show Uptown (Park Avenue). Downtown ist "more fun", aber die Kunst Horror, Uptown gibt es schlechte Galerien, aber dafür teilweise weniger Horror - und die größten Blumenbuketts der Welt. *
Downtown: Stellwände wie in der Sparkasse von Osnabrück. In jedem Messestand hängt eine Grafik von Ed Rusha. In allen Farben und Größen. Der amerikanische Horst Janssen. Die zwei (getrennt liegenden) Messehallen sind so konzipiert, dass sämtliche hippen Galerien der Welt (sofern sie zugelassen sind) sich um den Mittelgang groupieren. Das heißt, sie flankieren die großen Stände in der Mitte, bilden also sozusagen die Peripherie. Im vergangenen Jahr war noch Andrea Rosen mit dabei, ebenfalls, wie Matthew Marks, Gründungsmitglied der Messe.
Rosens Stand sah aus wie eine Lounge aus den Fünfzigern für die Schauspielerin Jane Wyman, nur ohne Rock Hudson - dafür Matthew Marks als Nachbarn; der kann zum Glück auch rocken. Galerie Neu aus Berlin ist inzwischen nicht mehr ganz so neu und besticht durch aristokratisches Zuspätkommen.
New York ist immer lustig, wenn man die Amerikaner begreift. Wenn man sie nicht begreift, sollte man lieber zu Hause bleiben. Eigentlich gilt das für die ganze Kunstwelt.
Für Amerikaner ist die Kunst letztendlich vergleichbar mit der Erfindung der Glühbirne oder mit einem leckeren Steak. Kunst hat hier nichts mit Avantgarde zu tun, sondern ist ein natürlicher Teil des Ganzen. Du bist Tankwart, Buchhalter, Bankdirektor oder Künstler, egal, it's all the same. Alle haben als verbindendes Element den Pioniergeist im Kopf. Der Amerikaner musste für sein Land alles neu erfinden oder das, was aus der Alten Welt kam, zumindest verbessern und erweitern. So ist das auch mit der Kunst. Andy Warhol konnte nur in New York erfunden werden. Die Zeit war reif dafür.
Next Stop Frankfurt. Zur Messe kann man eigentlich nur sagen: Die erste war die beste, aber leider nicht die letzte. Hier gibt es, findigen Geografen im Art-Frankfurt-Team sei Dank, Orte, die kein Mensch je zuvor gesehen hat - inklusive Galerien aus demselben Nichts.
Lieber weiter zum Höhepunkt. Die Art Basel. Nirgendwo sonst auf der Welt wird bessere Kunst für besseres Geld an bessere Menschen verkauft.
Dass die beiden alten Damen aus "Arsen und Spitzenhäubchen" während der Drehpausen auf der Messe einen kleinen Imbiss im ersten Stock unterhalten, muss dringend erwähnt werden. Ansonsten jedes Jahr das gleiche Ritual: der opulente Stand von Gagosian, New York, Risotto bei Chez Donati auf der Terrasse, Shoppen in der Edelboutique Trois Pommes, Wienerli essen, im Trois Rois wohnen (mit Terrasse oder mindestens Zimmer mit Rheinblick). Den Gemischtwarenladen des Herrn Anthony d'Offay, der in diesem Jahr in Rente gegangen ist, werden wir auf der Art Basel noch lange vermissen. Nie waren sich Gerhard Richter und Willem de Kooning (räumlich) so nahe wie bei ihm.
Im September, nach verdienter Sommerpause, nach Berlin - zum Art Forum. Auch hier gibt es außerhalb der Messe Gründe, eine Reise in die Hauptstadt zu unternehmen. Zum Beispiel ist die allseits beliebte Paris Bar zu erwähnen. Sie ist nicht nur Treffpunkt ausgehungerter verbesserungsfähiger Architekten oder schwuler Bankdirektoren, nein, Galeristen findet man hier während der Messe zuhauf. Oftmals mit Sammlern im Schlepptau, die den Genuss der Paris Bars (mittlerweile mit Filiale nebenan) meistens gar nicht zu schätzen wissen. Die Lieblingstische sind die ersten drei rechts, oder mittig links. Wer hinten durch muss, hat meistens verloren.
Zurück zur Messe. Es gibt zwei Hallen, die sich dem Besucher serpentinenartig erschließen. Zurechtfinden kann man sich nicht. Einmal von einem Galeristen in den Stand entführt und wieder (ohne Bild) ausgespuckt, hat man keine Chance, auf den rechten Pfad zurückzukehren.
Sollte es sich bei diesen temporären Entführern um die Spezies weiblicher Galeristen aus Frankfurt oder New York handeln, hat man gleich verloren: Rufen Sie per Handy Ihren Nachlassverwalter an, sagen Sie Ihren Kindern noch Lebewohl und lassen Sie den Redeschwall über sich ergehen - der Herztod ist nicht mehr fern. Auch wenn diese Galeristinnen gute Kunst führen: Sie zeigen, wie nah doch das Gewerbe am psychiatrischen Abgrund gebaut ist.
Die Berliner Galerien trumpfen auf einer innerstädtischen Messe natürlich auf. Contemporary Fine Arts im wahrsten Sinne des Wortes. Dass man sich manchmal die Mauer zurückwünscht, ist normal, dass manche Galerien auf der falschen Seite dann eben Pech hätten, wäre Glück.
Die Berliner Messe macht Spaß, kaufkräftige Klientel ist dort allerdings nicht zu erwarten, die Berliner selbst haben andere Sorgen. Die haben 30 Jahre lang aus Kreuzberg visuellen Schund geliefert bekommen, das muss man erst mal verdauen. Das dauert sicher noch mal 30 Jahre.
Manch einer kann aber so lange nicht warten, macht eine zweite Galerie (neben Köln) in Berlin auf (bei uns "Dependance" genannt) und will somit den Nagel auf den Kopf treffen.
Die Fiac in Paris dagegen lebt vom Glanz vergangener Zeiten. Ein Turm aus Eisen schafft nun mal leider keine Kunstwelt. Vielleicht wäre nach all den vielen architektonischen Meisterleistungen in der Stadt eine Architekturmesse angebrachter. So flaniert der gebildete Franzose in schweres YSL-Parfum gehüllt durch die Hallen und bleibt dann und wann gern mit seinem Miyake-Hemdchen an einem allzu spitzen Gemälde von Bernard Buffet hängen. Nach Paris reist man immer noch der Liebe wegen, oder haben Sie mal gehört, Paris der Kunst wegen? Eben.
Es folgt die alteingesessene Art Cologne Ende Oktober. Viele hören noch den Fastkrieg zwischen Köln und Berlin nachklingen, wurde doch das Art Forum Berlin vor ein paar Jahren von Abtrünnigen als Trotzreaktion auf die extrem lange Ausstelldauer in Köln gegründet.
Man war damals fast zwei Wochen in Köln zugange (mit Auf- und Abbau), so lange hält man sich ja nicht mal in der eigenen Stadt einen Liebhaber. Als nur noch der Berliner zum Art Forum erschien, kam allerdings das wahre Ausmaß des Dramas ans Tageslicht. Ostzone bleibt Ostzone.
Die Trutzburg Art Cologne steht immer noch. Allerdings: So viel Raufasertapete wie auf der Art Cologne wird nirgendwo auf der Welt verklebt. Die Raufaser müsste in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden. Auf der anderen Seite ist sie auch wieder sehr entlarvend. Da hängt kunterbunt nahezu alles auf der Messe, was Rang und Namen hat, auf der Raufaser. Selbst vor Dan Flavin wird da nicht Halt gemacht. Warum auch?
Auf der Kölner Messe gab es zum ersten Mal eine Straße der jungen Galerien oder Galerien mit jungen Künstlern, die förderungswürdig erscheinen. Dass dies die Straße der Erfolglosen war, wurde schon beim ersten Blick klar. Betrieb herrschte nur, weil alle auf dem Weg zum Klo dort durchmarschieren mussten.
Oben im ersten Stock knallt man nach Verlassen der Rolltreppe fast immer entweder auf einen Barry-Flanagan-Hasen von Hans Mayer, Düsseldorf. Oder man wird von einer Louise-Bourgeois-Skulptur überrollt.
Dazwischen stehen die neuesten Kreationen des modernen Möbeldesigns. Philippe Starck für Arme. Unsereins mit seinen Prada- und (seit Hedi Slimanes Antritt) Dior-Klamotten wird nun von starken Schweißausbrüchen gequält, weil schon von weitem Fahnemanns Gemischtwarenladen droht.
Leo Koenig aus New York hat es ebenfalls schon nach oben geschafft, vermutlich auf Grund einer kurzweiligen Ehe mit der Galerie Michael Janssen. Dafür muss er nun aber jeden Tag die leuchtenden Neonarbeiten von Maurizio Nannucci vom Stand nebenan ertragen. Das sind die Schattenseiten des Erfolgs.
Weiter geht es zu Michael Werner aus Köln. Da wächst jetzt langsam die Brücke zusammen zwischen dem ehemaligen Enfant terrible Markus Lüpertz und Paul Klee und Hans Arp. Sehr geschickt. Seine Messestände in Basel zeichnen sich durch erlesene Perlen der Kunstgeschichte aus, in Köln wird daraus dann eine Auslese.
Dann zu Ropac, der seit geraumer Zeit eine Art Eiger-Nordwand auf seinem Messestand installieren lässt, damit Imi Knoebel sich in aller Ruhe ausbreiten kann. Im klassisch gestalteten, geometrischen Foyer hängt der Knoebel für den kleineren Geldbeutel, der aber eigentlich nicht so gern in der Galerie gesehen wird.
Auf dem Nachhauseweg schaut man noch kurz bei den Damen Magers/Sprüth/Grässlin vorbei. Bärbel Grässlin ist durch eine neue Standnachbarschaft gestraft, Ursula Krinzinger mit mehr Katalogen auf den Tischen als beim Buchhändler Walther König im ganzen Laden. An der Wand des Standes hängen Fotos von Rudolf Schwarzkogler, an sich selbst herumnestelnd, wie immer. Grässlin trägt es mit Fassung und in Jil Sander.
Schräg gegenüber bei Sprüth/Magers werden Zettel ausgetauscht. Gursky-Fotos zu verkaufen scheint schwieriger zu sein, als sie zu sammeln.
Ich fahre wieder zurück und werde aus meiner Galerie die größte und beste der Welt machen. Mindestens. Und das mit viel Spaß!
Art Cologne, 30.10.-3.11., Tel. 0221/821 32 15, www.artcologne.de
KulturSPIEGEL 11/2002
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