28.10.2002

Dr. Goldfinger

Er erfand Gangsta-Rap, G-Funk und Eminem: Dr. Dre ist der Übervater des HipHop.
In Videoclips hält es Dr. Dre wie Alfred Hitchcock in seinen Filmen: Gern geistert er durchs Bild - als mürrisch dreinblickender Kerl im Auto in Eminems "Without Me", als bulliger Typ auf dem Sofa in Truth Hurts' aktuellem Hit "Addictive" zum Beispiel. Auch in den Clips von Eve, Mary J. Blige taucht er auf, nicht aufdringlich, aber doch deutlich präsent. Das ist einerseits ein lustiges Suchspiel, andererseits aber auch eine Demonstration von Macht, ein Hinweis darauf, wer hinter den Kulissen wirklich die Strippen zieht.
Andre Young, 37, der sich Dr. Dre nennt, ist der wohl einflussreichste und auch einer der erfolgreichsten Musiker, Produzenten und Rapper der jüngeren Pop-Geschichte. Er hat entscheidenden Anteil daran, dass HipHop zum globalen Bestseller wurde, weil er den Beats, die er programmiert, Melodien, Inhalte und Glamour zufügt. Er hat die Genres Gangsta-Rap und G-Funk quasi erfunden, neben eigenen Hits einen Rapper nach dem anderen in die Charts geführt und HipHop auch für weiße Vorstädter attraktiv gemacht. Er hat das Wunder vollbracht, den weißen Eigenbrötler Marshall Mathers alias Eminem zum Weltstar zu befördern. Und noch mehr Superlative hat er zu verantworten: Dr. Dre hat im Jahr 2000 mit Eminem, Ice Cube und Snoop Dogg die spektakulärste HipHop-Tournee aller Zeiten auf die Beine gestellt. Er hat vier Grammys und zahlreiche Preise kassiert und bei all dem natürlich großartig verdient. Nur U2 machte im vergangenen Jahr ähnliche Gewinne.
Wie es sich für so einen Großmeister gehört, ist er zurzeit wieder mit mehreren Projekten im Rennen: Für seine eigene Plattenfirma Aftermath hat er seiner aktuellen Entdeckung, der Soul-Newcomerin Truth Hurts, den Hit "Addictive" verschafft. Dabei veredelte er Melodie und Rhythmus mit fernöstlichen Klängen so geschickt, dass daraus glatt wieder ein Trend werden könnte. In den USA und in Deutschland kam das Stück auf Platz 9 der Charts. An die neuen Alben von Eve und Xzibit hat er Hand angelegt, und für die neue Episode des Hollywood-Hits "Austin Powers" hat Dr. Dre die alte Rolling-Stones-Nummer "Miss You" für die Tanzflächen der Gegenwart aufpoliert. Noch mehr neues Dre-Liedgut ist auf dem Soundtrack zu "8 Mile", dem semi-autobiografischen Eminem-Film, zu bestaunen.
Hits am laufenden Band von einem Mann, der im Frühjahr in einem seiner raren Interviews seinen Teil-Rückzug aus dem Geschäft in Aussicht stellte: Das für 2003 angekündigte HipHop-Musical "Detox" solle seine letzte Arbeit "an der Frontline" werden, also die wahrscheinlich finale Platte, die er unter eigenem Namen herausbringt. Danach will sich der Meister in die ruhige Abgeschlossenheit seines Studios zurückziehen und eine neue Lebensphase beginnen: "In meinem Alter kann ich mich nicht mehr wie ein Teenager artikulieren. Wovon sollten dann meine Texte handeln?", fragt der Künstler, der mit Ehefrau und drei Kindern in einem Palast in der Nähe von Los Angeles residiert.
Dr. Dre hat es vom schlechtesten ins beste Viertel geschafft. Geboren wurde er 1965 in Compton, einem Stadtteil von Los Angeles, der Ende des vergangenen Jahrhunderts zum berüchtigten sozialen Schlachtfeld verkam. Hier, einige Kilometer von Venice Beach entfernt, war ein düsteres Gegenuniversum zum fröhlichen Kalifornien der Beach Boys entstanden.
Wer es auf legalem Weg aus dem Ghetto nach Bel Air oder Beverly Hills schaffen wollte, hatte, damals wie heute, am ehesten mit Sport oder Pop eine Chance. Der kleine Andre entdeckte früh seine Faszination für Musik. "Das kam von meiner Mutter, die abends, wenn sie geschafft von der Arbeit nach Hause kam, die Musik aufdrehte, bevor sie das Licht anmachte."
Und wenn Mamis Freundinnen zu Besuch kamen, gab der Vierjährige den DJ: "Ich bin sogar mit Kopfhörern ins Bett gegangen."
Als Teenager entdeckte er den HipHop und verwandelte sich in Dr. Dre, eine Hommage an sein Basketball-Idol Julius "Dr J" Erving. HipHop war in den frühen Achtzigern eine neue Sprache, ein neues Pop-Genre: Es ging nicht mehr allein um die Wirren der Liebe, sondern die Texte beschrieben den Wahnsinn des Alltags wie Gewalt, Armut und Hass - weshalb HipHop später auch das "CNN" der Afroamerikaner genannt wurde.
Als Mitglied der legendären N.W.A (Niggaz With Attitude) wurde Dr. Dre 1988 mit Ice Cube, Eazy-E, DJ Yella und MC Ren und ihrem Album "Straight Outta Compton" berühmt und noch berüchtigter. Die Gruppe hatte eine rüde, aber brillant inszenierte Bestandsaufnahme aus dem Ghetto vorgelegt, die Amerika so irritierte wie faszinierte und so aufmischte, wie man es seit Elvis' Hüftschwung nicht mehr erlebt hatte.
"Fuck tha Police" hieß der kontrovers plakative Hit des Werkes. Ein Slogan, der sich prima auf Hauswände sprühen ließ und den Beteiligten einen Riesenhit sowie den Beschwerdebrief eines FBI-Mitarbeiters einbrachte: "Das war die perfekte PR. Wir dachten nur: Klasse, wen können wir denn als Nächstes provozieren?", erinnert sich Dr. Dre.
Er gilt seitdem als Erfinder des so genannten Gangsta-Rap - der aggressivsten Variante des HipHop. Wichtiger aber ist, dass er wohl für sich in Anspruch nehmen kann, die kruden Beats zu den Verbalattacken so geschickt aufgepeppt zu haben, dass sie weltweit Hitparaden kompatibel wurden. Dieses Konzept perfektionierte er 1992 mit seinem ersten Solo-Album "The Chronic". Da wurden die Beats zu den gewohnt wüst-obszönen Texten deutlich geschmeidiger. G-Funk taufte man das Resultat: ein weit und breit kopierter Sound, zu dem sich auch Jungs von Hongkong bis Hannover enorm lässig fühlten.
Spätestens seit dieser Erfindung gilt Dr. Dre als einer der wichtigsten Pop-Produzenten der Gegenwart. Dabei ist der Mann, den der amerikanische "Rolling Stone" auf eine Stufe mit Legenden wie Phil Spector und Quincy Jones stellt, kein besonders guter Instrumentalist. "Als ich mir mal eine Trompete gekauft hatte, fingen alle an, sich zu verstecken", sagt er. Auch als Rapper ist Dr. Dre nicht gerade ein Ausnahmetalent.
Seine Begabung liegt in seinem Instinkt. Wer talentiert ist, wie man einen Song zum Glänzen bringt und überhaupt, wie das alles klingen muss - Dr. Dre spürt es. Seine Arena ist das Studio. Dort lässt er Musiker und Techniker so lange mit Stimme und Sounds kämpfen, bis er hört, was er sich vorstellt. So kann eine Aufnahme-Session schon mal 56 Stunden am Stück dauern. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Chef nicht: "Wenn ich wollte, könnte ich einen Dreijährigen zum Star machen. Gott hat mir diese Gabe verliehen."
Dieses Geschenk lässt er sich auch mit 250 000 Dollar pro Song vergolden. Was aber noch lange nicht bedeutet, dass er auch jede der zahlreichen Anfragen akzeptiert. Die Liste der Abgewiesenen soll so exklusiv wie lang sein: Madonna, Michael Jackson und so weiter. Solche Gerüchte helfen dem Image.
Jedenfalls ist klar, dass Dr. Dre gern mit Unbekannten arbeitet. So wie mit Snoop Doggy Dogg, der ein Kumpel seines kleinen Stiefbruders Warren G war. Oder eben mit Eminem. "Ich wusste nicht mal, dass der weiß ist, als ich sein Demo hörte", erzählt Dr. Dre, "und als ich ihn dann zum ersten Mal traf, sah er in seinem quietschgelben Trainingsanzug aus wie eine Banane."
Sicher, es gab vorher ein paar weiße Jungs, die mit HipHop Erfolg hatten, aber das waren meist kurzlebige Witzfiguren wie Vanilla Ice. Für Eminem musste Dr. Dre sich deshalb etwas ausdenken, das einzigartig und schockierend war und auch noch authentisch wirkte - also genau das Rezept, mit dem er N.W.A in die Schlagzeilen brachte. Und so wurde Eminem präsentiert als brillant keifendes, irres Genie, unauffällig von Doktor Andre mit makellosen Beats und Melodien versorgt.
Natürlich hat das alles außer Geld und Prominenz auch eine Menge Ärger gebracht. Mit Anwälten hatte Dr. Dre mindestens so viel zu tun wie mit Musikern: weil er in einem Nachtclub eine unliebsame Fernsehmoderatorin verprügelte, einem Produzenten den Kiefer brach oder sich ein Handgemenge mit einem Polizisten lieferte. Mit Beinschüssen ist Dr. Dre insgesamt glimpflich davongekommen - im Gegensatz zu den im Ost-Westküsten-Rapperkrieg ermordeten Idolen wie The Notorious B.I.G. oder 2Pac.
Allerdings wurde er zu Knast und Hausarrest verurteilt. Aber ohne die Zeit im Gefängnis, behauptet Dr. Dre, wäre er wohl nie zur Besinnung gekommen.
Geblieben sind die rüden Texte. Auf seinem letzten Album "2001" heißen Frauen immer noch "Bitches" und müssen "gefickt" werden. Kritik an solcher Haltung und Wortwahl versteht er nur bedingt. Sicher sei das oft kontrovers, aber eben auch lustig gemeint, sagt er. Seine Platten müsse man als "Dark Comedy" verstehen, so wie den Tarantino-Film "Pulp Fiction".
Nachdem er in der Musikindustrie eigentlich keinen Superlativ mehr erreichen kann, will Dr. Dre jetzt in Hollywood mitmischen. Aber da hat der Champion jüngst, ganz ungewohnt, Niederlagen einstecken müssen. Seinen Auftritt im Denzel-Washington-Thriller "Training Day" hat kaum jemand bemerkt. Die Komödie "The Wash", in der er mit Snoop Dogg die Hauptrollen übernahm und den Soundtrack beisteuerte, war ein ziemlicher Reinfall.
Aber das spornt ihn natürlich erst recht an: "Was Tarantino kann, kann ich schon lange" - das Großmaul zu geben, gehört eben zum echten Rapper. Aber bis zum ersten Oscar wird er sich weiterhin mit Video-Auftritten begnügen müssen.
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 11/2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


KulturSPIEGEL 11/2002
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:58

Nach Unfall Demolierte Zugspitzbahn-Gondel geborgen

  • Video "Plastik im Meer: Schiff soll Müll in Treibstoff verwandeln" Video 01:27
    Plastik im Meer: Schiff soll Müll in Treibstoff verwandeln
  • Video "Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?" Video 00:59
    Ungewöhnliches Rennen: Wer gewinnt?
  • Video "Britischer Alpenüberquerer: Wie Hannibal, nur auf einem Hüpfball" Video 01:10
    Britischer Alpenüberquerer: Wie Hannibal, nur auf einem Hüpfball
  • Video "Ultimate Fighter McGregor feiert Comeback: Bin im Kriegszustand" Video 02:52
    Ultimate Fighter McGregor feiert Comeback: "Bin im Kriegszustand"
  • Video "Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus" Video 00:00
    Moorbrand in Meppen: Landkreis Emsland ruft Katastrophenfall aus
  • Video "Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste" Video 00:35
    Über 300 Meter lang: Riesiges Spinnennetz an griechischer Küste
  • Video "Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche" Video 01:15
    Mordfall Peggy: Verdächtiger gesteht Transport der Leiche
  • Video "Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland" Video 01:46
    Vor laufender Kamera: Riesiger Gletscher-Abbruch in Grönland
  • Video "Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger" Video 00:45
    Amateurvideo: Missglückte Bergungsaktion mit Bagger
  • Video "Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin" Video 00:49
    Staatschef am Drücker: Scharfschütze Putin
  • Video "Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer" Video 01:47
    Zahlen zum Kontrolltag: So gefährlich ist das Handy am Steuer
  • Video "Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: Was ist denn technisch hier los?" Video 01:57
    Merkels Tonprobleme bei Gipfel-PK: "Was ist denn technisch hier los?"
  • Video "Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway" Video 00:34
    Skurriler Unfall: Haus blockiert Highway
  • Video "Zu geringer Kabinendruck: Flugpassagiere bluten aus Nasen und Ohren" Video 01:07
    Zu geringer Kabinendruck: Flugpassagiere bluten aus Nasen und Ohren
  • Video "Er war's, er war's: Nahles sieht Schuld für Maaßen-Debakel bei Seehofer" Video 01:36
    Er war's, er war's: Nahles sieht Schuld für Maaßen-Debakel bei Seehofer
  • Video "Nach Unfall: Demolierte Zugspitzbahn-Gondel geborgen" Video 01:58
    Nach Unfall: Demolierte Zugspitzbahn-Gondel geborgen