Von GOOS, HAUKE
Deutschland ist, von Westafrika aus gesehen, ein gelobtes Land. Breite, saubere Straßen, teure Autos, Arbeit für alle - in Ghana träumen so viele den Traum vom Glück in der fernen Fremde, dass die Auswanderer dort "Hamburger" genannt werden. Weil der Filmemacher Fritz Baumann, 52, das Land von früheren Dreharbeiten kannte, beschloss er, einen Kino-Film über die Migranten und ihre deutsche Sehnsucht zu drehen; "Anansi - Der Traum von Europa" (Kino-Start: 23. Januar) erzählt die Geschichte einer Wanderschaft. Von Accra, der ghanaischen Hauptstadt, geht es per Schiff an die mauretanische Küste, von dort zu Fuß weiter nach Marokko, von wo Schlepper die Gruppe bei Nacht schließlich mit einem Boot an die spanische Küste übersetzen. Baumann, der überwiegend Dokumentarfilme macht, folgte beim Drehen der Route der Illegalen. Seinen Schauspielern erging es dabei häufig nicht anders als den Auswanderern: In Marokko wurden sie für echte Migranten gehalten und in einer Drehpause von ein paar Jungen mit Steinen beworfen, in Süd-Spanien wurden sie wiederholt angezeigt, laufend kontrollierte die Polizei ihre Pässe.
Der Grund, warum viele Afrikaner diese Strapazen auf sich nehmen, ist einfach: Sie träumen davon, in Deutschland ihr Glück zu machen - und davon, in Würde zurückzukehren in ihre Heimat, möglichst mit einem alten Mercedes. Was sie wirklich erlebt haben, verschweigen sie. "Wer will schon berichten", sagt Baumann, "dass er in einem Sexshop den Samen des weißen Mannes aufwischen musste?"
Während der Dreharbeiten lernte Baumann schnell, dass die Wirklichkeit häufig noch härter ist als die Geschichten, die er erzählt. In Ghana traf er einen Mann, der sich mit seinem Bruder auf einem Schiff in einem Spind versteckte, Rücken an Rücken. Tagelang aßen und tranken die beiden kaum etwas, aus Angst, der Geruch ihrer Fäkalien könnte sie verraten. Als der Mann sich nach einer Woche traute, seinen Bruder anzusprechen, war der seit drei Tagen tot.
KulturSPIEGEL 1/2003
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