31.03.2003

PopAufgewärmte Kälte

Das Revival findet doch statt: Ladytron macht aus Klängen der Achtziger Electroclash
Die achtziger Jahre kennt Daniel Hunt im Grunde nur aus Erzählungen. In Clubs war er zu dieser Zeit natürlich nie, und Musik hat er gehört, aber eben nicht richtig zugehört. An Gary Numans düsteren Elektro-Pop, der damals mit dem fröhlichen Disco-Sound abrechnete, kann er sich nicht erinnern. Und was er heute von ihm kennt, kann er nicht leiden.
Noch weniger erträgt er deshalb die Frage, ob Numans Songs denn Vorbild für die Musik seiner britischen Band Ladytron seien. Gern stöhnt Hunt auch darüber, wie satt er die "Human-League-Vergleiche" habe. Dabei erinnern schon die ersten Takte des neuen Ladytron-Albums "Light & Magic" sehr dringlich an, tja, The Human League. Das waren ebenfalls Genre-Pioniere der Achtziger, die damals mit "Don't You Want Me" einen Super-Hit hatten - und die sich ihr täglich Brot heute auf Greatest-Hits-Tourneen in der Provinz sehr unhip verdienen müssen.
Das lange angekündigte Revival der achtziger Jahre findet nun also tatsächlich statt: In der Mode werden die Schultern breit, die Schnitte asymmetrisch. Im Design werden die Farben greller. Und in der Musik wird Numan als cooler Pionier gefeiert, sein Sound von neuen Bands reanimiert und modernisiert.
In seiner fast ein Vierteljahrhundert währenden Karriere als finster dreinblickender Produzent unterkühlter und düsterer Elektro-Melodien hat Numan so viel Hohn und Abneigung auf sich gezogen wie kaum einer seiner Kollegen. 1979 produzierte er Millionen-Bestseller wie "Are ,Friends' Electric?" oder "Cars", die nicht nur zuverlässig von Journalisten verhöhnt wurden, sondern dem Künstler obendrein Drohbriefe und Beschimpfungen auf der Straße einbrachten.
Das Phänomen, dass Numan nun voll rehabilitiert ist und erstmals in seiner Karriere tatsächlich cool dastehen lässt, hat viele Namen. Der beliebteste ist Electroclash, aber das simple Synthie-Pop trifft die Angelegenheit besser. Die Helden sind halb vergessene Pioniere der voll elektronischen Popmusik, grell geschminkte Stars der achtziger Jahre wie Visage, Ultravox oder eben Numan. Eine junge Generation hat ihre Musik für cool und glamourös befunden und macht sich mit immer größerem Erfolg darüber her.
Ladytron ist wohl die talentierteste Gruppe der Szene, will aber mit dem Rest der Electroclash-Bands nichts zu tun haben. Schon den Begriff Electroclash finden sie "entsetzlich". Während der Aufnahmen zu "Light & Magic" hatte das Quartett aus zwei Frauen und zwei Männern die Hülle einer alten Numan-Platte an die Studiowand gepinnt: "Die sollte uns Warnung sein, niemals so unemotionale Musik wie Numan zu produzieren", sagt Hunt.
Dabei sprühen die Songs, die Ladytron produziert, auch nicht gerade vor guter Laune. Ein Kritiker hat die Band sehr treffend als "Abba auf Methadon" bezeichnet.
Ladytron beherrscht sehr eingängige Melodien, die die Musiker mit diffus modernistischen Texten über verwirrte Sexualität und die Leidenschaft für Männer, die Frauen beim Tennisspielen zuschauen, verzwirbeln. Angemessen spinnert sind auch die Informationen, die sie über sich publizieren. Dazu gehört auch das Märchen, die Ladytron-Frauen Helena Marnie und Mira Aroyo hätten sich während einer Zugreise durch Bulgarien kennen gelernt.
Fest steht, dass die Ladytron-Männer Hunt und Reuben Wu sich vor einigen Jahren beim Studium in Liverpool getroffen haben. Sie benannten ihre Band nach einem alten Roxy-Music-Song und wollten vor allem schön futuristisch daherkommen. Sie besorgten sich betagte Synthesizer beim Trödler und ließen sich frei nach ihren liebsten Science-Fiction-Filmen schnieke Bühnen-Uniformen schneidern. Aber was nach mittelprächtigem Kunststudenten-Amüsement klingt, führte 2001 zum exzellenten Ladytron-Debüt-Album "604": Es klang wie ein verlorenes Elektro-Pop-Meisterwerk der achtziger Jahre.
Ein wenig irritierend ist da nur, dass die Band so tut, als sei sie von der Vergangenheit gänzlich unbeleckt. Dabei hat sich Ladytron auch bei alten House- und HipHop-Nummern ein paar gute Ideen geliehen. Neu ist an ihrer Musik - bei allem Respekt - nichts. Hunts Beteuerung: "Wir möchten nicht, dass unsere Musik irgendwen an irgendwas erinnert", ist leider Unfug. Was die Freude an der schönen Musik der Band nicht schmälern sollte.
Doch auch andere haben den Achtziger-Klang sehr hübsch aufgefrischt: So gelang dem kanadischem DJ Tiga ein Überraschungscoup mit seiner exzellenten Neubearbeitung des unsäglichen Achtziger-Jahre-Hits "Sunglasses at Night". Der EMI-Konzern ließ es sich angeblich einen Millionenbetrag kosten, das Debüt-Album der exzentrischen New Yorker Elektro-Pop-Avantgardisten Fischerspooner wieder zu veröffentlichen. Und das britische Girlie-Trio Sugababes landete im vergangenen Frühjahr einen massiven Hit mit "Freak Like Me", einer quasi Cover-Version des Numan-Klassikers "Are ,Friends' Electric?".
Dazu laufen Platten, die noch vor gar nicht langer Zeit als Sondermüll der Popgeschichte galten, auf einmal in coolen Läden von München bis Manhattan. Im Londoner "Nag Nag Nag"-Club zum Beispiel tanzen Horden schöner Menschen gut gelaunt in wiederentdeckten Geschmacklosigkeiten wie fingerlosen rosa Handschuhen oder Skibrillen zu alten und neuen Elektro-Hits von Yazoo, A Flock of Seagulls und Toktok vs. Soffy O. Auf fiesen weißen Ledersofas drängelt sich dazu Szene-Prominenz von Björk bis Boy George. Selbst Kim Wilde tauchte aus der Versenkung auf. Der Chef des Ladens, der sich Jonny Slut nennt, gibt sich angesichts des großen Erfolges cool: "Das ist doch kein Wunder. Wir haben nur nach London transferiert, was in New York und Berlin schon lange gut läuft", sagt er.
Wo und wann das Phänomen Electroclash seinen Anfang hatte, darüber gibt es zwei Theorien. Die eine besagt, es begann vor einigen Jahren mit der Aufwertung Numans, als sich der sehr erfolgreiche Düster-Rock-Kasper Marilyn Manson als Numan-Fan outete und dessen alte Hits bei Konzerten nachspielte. Dem folgten prominente Numan-Verehrer wie die Cobain-Witwe Courtney Love, Damon Albarn von der Brit-Pop Band Blur und der amerikanische Songwriter-Kauz Beck. Zuletzt verneigten sich Pop-Größen wie die Briten Basement Jaxx, die Numan sampelten, bis zu den Sugababes.
Vielleicht beginnt die Geschichte aber auch in Deutschland, genauer gesagt in München, wo Helmut Geier, der sich DJ Hell nennt, seinen Geschäften nachgeht. Er ist in den letzten Jahren als Plattenaufleger und Betreiber der hippen Plattenfirma International DeeJay Gigolo Records - die einige Szene-Standards wie Tiga und Fischerspooner groß gemacht hat - in den Metropolen der Welt zu Ruhm gekommen und gilt als einer der großen Kreativen der Electroclash-Szene.
Das Modernste an dieser Retro-Bewegung ist ohnehin die Internationalität. Denn die Hauptdarsteller des Electroclash reduzieren sich nicht, wie früher im Musikgeschäft üblich, auf Engländer und Amerikaner. Sie kommen aus Berlin (Toktok), Montreal (Tiga) und sogar aus Grenoble (Miss Kittin). Überhaupt ist es die elektronische Popmusik, die die historische Pop-Dominanz aus Großbritannien und Amerika vorläufig außer Kraft gesetzt hat. Was mal in Kontinental-Europa mit Kraftwerk, Giorgio Moroder und Jean Michel Jarre in den siebziger Jahren seinen Anfang nahm, hat sich spätestens seit Techno sehr erfolgreich global verbreitet.
Aber abgemeldet sind die Briten im aktuellen Elektro-Pop deshalb noch lange nicht. Bands wie Baxendale und natürlich Ladytron veröffentlichten sehr eingängige Alben, was in einer Szene, die sich vor allem über Singles definiert, etwas Besonderes ist. Darauf legt auch Ladytron-Boss und Songwriter Hunt großen Wert: "Wir sind eine Band, nicht bloß ein Laptop. Wir schreiben Lieder."
Die Jungen grenzen sich von der Vergangenheit ab, die Älteren distanzieren sich von der Gegenwart. Numan hat abgelehnt, in einer BBC-Dokumentation zum Thema Electroclash aufzutreten - und rät dem Nachwuchs, sich etwas Neues einfallen zu lassen: "Diese Sehnsucht, die Vergangenheit im Popgeschäft immer wieder auferstehen zu lassen, war mir schon immer ein Rätsel."
Aber vielleicht ist das ja auch alles nur eine Frage des Alters: "Ich bin über 40 und damit definitiv zu alt für allen Electroclash."
Diskografie: Gary Numan: "Exposure - The Best of Gary Numan 1977-2002" (Universal); Ladytron: "Light & Magic" (Eastwest/Warner); Tiga: "DJ-Kicks" (!K7/Zomba); Toktok vs. Soffy O.: ohne Titel (Eastwest/Warner); Fischerspooner: "#1" (Capitol/EMI); Miss Kittin & The Hacker: "First Album" (International DeeJay Gigolo/Efa); Diverse: "Reproductions - Songs of The Human League" (March Records/Import), Baxendale: "You Will Have Your Revenge" (Lowsley Sound/ Import); Diverse: "Electroclash" (Ministry of Sound/Intergroove); Felix da Housecat: "Kittenz and thee Glitz" (WEA/Warner).
Von CHRISTOPH DALLACH FOTO: BENNO KRAEHAHN

KulturSPIEGEL 4/2003
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