DER SPIEGEL



MIT 17 HAT MAN NOCH TRÄUME

Ich war ein ziemlicher Spinner

Von BÖCKEM, JÖRG

Der norwegische a-ha-Sänger Morten Harket, 43, über kindliche Begeisterung für Blaskapellen, Wehrdienst und ungesunde Popularität

KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Morten Harket: Und ob. Damals sind die Dinge in meinem Kopf regelrecht explodiert. Ich hatte gerade angefangen, in einer Band zu singen, und erkannt, dass ich gut war. Ich war mir sicher, dass ich ein Star werden würde. Keine Ahnung, warum, aber so war das. Es war unglaublich aufregend.

Wann hatten Sie die Musik entdeckt?

Als Dreijähriger. Meine Eltern nahmen mich mit zu einem Umzug, bei dem eine Blaskapelle spielte. Der Kapellmeister nahm mich auf seine Schultern, er hatte wohl noch nie ein so kleines Kind vor Begeisterung so durchdrehen sehen. Schließlich habe ich ihm vor Aufregung in den Nacken gepinkelt.

Ein Jahr später begannen Sie, Klavier zu lernen.

Richtig. Ich dachte mir selbst kleine Lieder aus und versuchte nachzuspielen, was ich hörte. Als ich sechs war, schickten meine Eltern mich dann zu einer Klavierlehrerin. In dem Moment starb meine Liebe zur Musik.

Warum?

Weil ich es nicht ertragen konnte, von jemandem belehrt zu werden. Da ich meine Eltern nicht verletzen wollte, ging ich trotzdem hin. Aber ich lernte damals nie, Noten zu lesen.

Wann entdeckten Sie die Popmusik?

Ziemlich spät. Ich hatte lange überhaupt kein Interesse mehr an Musik. Ich sammelte Schmetterlinge und züchtete Orchideen. Als ich 15 war, brachte mein Cousin eine Uriah-Heep-Platte mit. So etwas hatte ich noch nie gehört, elektrische Gitarren waren mir völlig unbekannt. Ich beschloss, eine Rock-Band zu gründen, und dachte, ich wäre der Erste in Norwegen, der auf diese Idee kommt.

Was hat Sie motiviert: Geld, Frauen?

Nichts davon. Die schiere Energie der Musik hat mich begeistert. Ich war ein ziemlicher Spinner. Ich lief stundenlang durch die Gegend und hing Tagträumen nach. Spielte Musik im Kopf oder konstruierte gewaltige Gedankengebilde. Mehr war der Plan, eine Band zu gründen, anfangs auch nicht.

Was hat Sie dazu gebracht, dann doch aktiv zu werden?

Irgendwann fiel mir auf, dass andere Mütter sich seit Jahren über mich lustig machten. Das hat meiner Mutter sehr wehgetan. Damals fing ich an, die Dinge, die ich tat, ernst zu nehmen.

Mit 19 Jahren beschlossen Sie dann, Priester zu werden.

Nicht ganz, obwohl ich sehr religiös erzogen wurde. Als ich zum Militärdienst einberufen wurde, hätte ich meine langen Haare abschneiden müssen. Da fing ich lieber an, Religion zu studieren. Am Ende habe ich auf die Haare verzichtet und den Militärdienst abgeleistet.

Wieso?

Eigentlich wollte ich aus ethischen Gründen verweigern. Weil niemand das Recht hat zu töten. Doch ich gelangte zu der Überzeugung, dass es meine Pflicht war, den Wehrdienst zu leisten. Weil Demokratie verteidigungsfähig sein muss.

Wann fingen Sie Ihre Karriere als Profi-Musiker an?

Kurz darauf. Ich begann erst noch ein Studium der Naturwissenschaften, merkte aber nach einem Jahr, dass ich nichts gelernt hatte. In meinem Kopf war nur noch Platz für die Musik. Also schmiss ich das Studium.

A-ha wurde die erfolgreichste norwegischen Band aller Zeiten. Waren Sie darauf vorbereitet?

Nein. Im Gegenteil, ich bin sehr empfänglich dafür, welche Erwartungen andere an mich stellen. Das war sehr verstörend für mich. Ich wollte allen entgegenkommen, und es gab so viele, die etwas von mir wollten. Schließlich war ich emotional ausgelaugt und musste mich aus dem Trubel zurückziehen.

Hätte dieser Rummel den jungen Morten abgeschreckt?

Wohl nicht. Obwohl er eigentlich jeden ängstigen müsste. Dieses Ausmaß von Popularität ist sehr ungesund für Seele und Geist. Aber der Junge hätte akzeptiert, dass er lernen muss, damit umzugehen. INTERVIEW: JÖRG BÖCKEM

CD a-ha Live: "How Can I Sleep with Your Voice in My Head" (WEA/Warner).


KulturSPIEGEL 5/2003
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