DER SPIEGEL



Film

Der schnellste Film der Welt

Von WELLERSHOFF, MARIANNE

Er drehte wüste Musikvideos für Madonna, Robbie Williams und Christina Aguilera. Nun legt der Schwede Jonas Åkerlund sein Hollywood-Debüt "Spun" vor: eine rasante Geschichte über die Droge Speed.

Glaubt man Will De Los Santos, dann ist die Sache so gelaufen: Creighton Vero, ein nicht besonders erfolgreicher Autor und Maler, reiste 1996 von Kalifornien nach Portland in Oregon. Er wollte dort mit seinem Freund Santos einen Dokumentarfilm über Methamphetamin drehen. Crystal Meth, Crank oder Speed, wie die Droge auch genannt wird, ist ein extrem effektives illegales Aufputschmittel.

Erst nach einiger Zeit bemerkten die beiden, dass die Speed-Junkies zwar redeten und redeten und redeten und dabei das Gefühl vermittelten, ganz großartige Dinge von sich zu geben - aber in Wahrheit nichts zu sagen hatten. Santos hatte sich derart begeistert mit dem Thema beschäftigt, dass er irgendwann methamphetaminabhängig geworden war und sich selbst in eine Entzugsklinik einlieferte.

Schließlich kamen die beiden auf die Idee, aus einer Geschichte, die Santos tatsächlich passiert war, ein Drehbuch für einen Kinofilm zu machen: Drei Tage lang hatte er mal einen Mann herumgefahren, der sich "The Cook" nannte und in mobilen Labors Methamphetamin herstellte. Der Drogenkoch hatte ihn mit Speed bezahlt.

So erzählt Santos jedenfalls die Geschichte, aber man muss seinen Erzählungen nicht unbedingt glauben. Für sie gilt das Motto, das nun im Vorspann seines Films "Spun", der Mickey Rourke wieder in einer Hauptrolle zeigt, steht: basierend auf Wahrheit und Lügen.

Doch wie es weiterging, steht fest: In Los Angeles drückte Santos das Skript einem Filmproduzenten in die Hand, der, wie in Kalifornien üblich, gerade draußen vor dem Bürogebäude stand, um eine Zigarette zu rauchen. Dieser wiederum gab es seinem Partner Chris Hanley weiter, der so kontroverse Filme wie "American Psycho" produziert hatte. Und Hanley schickte Jonas Åkerlund das Skript.

Hanley kannte die spektakulären Musikvideos des Schweden. Vor allem wohl den Grammy-gekrönten Clip zu Madonnas "Ray of Light" und den zu "Smack My Bitch up" der britischen Band The Prodigy. Das Prodigy-Video zeigt einen extrem schnell geschnittenen wüsten Trip durch Kneipen und Striplokale, der mit ziemlich wildem Sex endet.

Åkerlund, 37, arbeitete damals daran, eine große schwedische Zirkusshow, die er konzipiert hatte, auf Tour in die USA zu schicken. Auf dem Schreibtisch seiner Stockholmer Produktionsfirma stapelten sich zu dieser Zeit die Drehbücher und die Regie-Angebote. Das Zirkusprojekt scheiterte, und so entschied sich Åkerlund für "Spun" - "weil es ein glaubwürdiger Stoff war und es um ein wichtiges Thema ging". Schließlich gab es in den 17 Jahren, in denen er mehr als 350 Musikvideos und Werbefilme gedreht hat, "Drogen um mich herum", wie Åkerlund es ausdrückt- auch wenn er selbst "nie ein Junkie" gewesen sei und Drogen bei den Dreharbeiten von Anfang seiner Karriere an strikt verboten habe.

"Spun" erzählt eine simple Geschichte: Der junge Ross (Jason Schwartzman) will sich Speed besorgen. Er fährt zu seinem Dealer, der, weil gerade auf Entzug, zwischen Angst und Aggression oszilliert. In dem völlig verwüsteten Haus sind die Freundin des Dealers, ein Speed- und Computerspiel-Junkie, beide ebenfalls auf Entzug, und Nikki (Brittany Murphy), die Freundin des Drogenkochs.

Ross fährt Nikki zum "Cook" (Mickey Rourke), der in einem von Chemikaliendämpfen verpesteten Motelzimmer aus Grippemitteln und anderen Zutaten Methamphetamin kocht. Mal Nikki, mal den Koch herumzufahren, das ist für die nächsten drei Tage Ross' Job. Zwischendurch hat er Sex mit einer Stripperin, die er mit Handschellen an sein Bett fesselt und dann dort vergisst ("Ich habe kein Mädchen für drei Tage gefesselt", sagt Santos, "ich meine, in Wahrheit habe ich keine Handschellen benutzt. Ich habe Bettlakenstreifen und Klebeband genommen."). Das Crystal Meth, das Ross sich in immer kürzeren Abständen in die Nase zieht, hält ihn wach - und macht ihn immer hektischer, konfuser, wütender und schließlich unberechenbar. Das ist nicht gerade viel Handlung für 100 Minuten. Aber statt Handlung gibt es in "Spun" Schnitte, und zwar genau 5345 - genug für einen Eintrag ins "Guinness Buch der Rekorde". So wie die Gedanken auf Speed hin und her rasen, so springen und jagen sich die Bilder, von der Tür auf das Gesicht, auf die Türklinke, auf die Hand, den Türrahmen, das Gesicht. Bei jedem Schnitt kracht, wummst, rumst es.

Åkerlund war mal Schlagzeuger einer Metal-Band, die in London Erfolge feierte. Daran erinnern auch seine langen schwarzen Haare. Er hat bloß das Drumset gegen den Schneidetisch eingetauscht. In "Spun" wie in seinen Clips geht es um den superschnellen Rhythmus aus Bild, Musik und Soundeffekt, und so ist man beim Abspann des Films so erledigt wie nach einem Metal-Konzert. Oder wie nach heftigem Speed-Konsum.

"Im Schneideraum fühle ich mich lebendig", sagt Åkerlund. Im Schneideraum der schwedischen Filmproduktionsfirma Mekano begann 1986 seine Karriere. Damals arbeitete man mit VHS, und bei diesem Verfahren ist er, der neuen digitalen Technologie zum Trotz, geblieben. "Wenn ich eine Handschrift habe", sagt Åkerlund, "dann ist es der Schnitt."

Das stimmt. Aber es trifft die Sache nicht ganz. Es gibt auch viele Motive, die in seinen Musikclips oder seinen Werbespots und in "Spun" auftauchen: Stripclubs (in Madonnas "Music"-Video), Drogenkonsum ("Try, Try, Try" von den Smashing Pumpkins), Ekel erregende Tiere, die aus dem Mund kriechen, Schlangen, die sich um Körper winden ("Come Undone" von Robbie Williams und in der Smirnoff-Werbung). Diese drastischen Bilder haben Åkerlund den Spitznamen "the vomit guy" eingebracht, zu Deutsch etwa: der Kotzbrocken.

Der Regisseur selbst ist ein ruhiger, 1,95 Meter großer Mann, der konzentriert und systematisch seine Arbeit durchdenkt und plant. In fünf Tagen hatte er ein Storyboard für "Spun" entwickelt, so dass schon vor Drehbeginn jede Einstellung festgelegt war.

Es blieb ihm auch gar nichts anderes übrig, denn von den 2,8 Millionen Dollar, die "Spun" kostete, waren nur 800000 für die Produktion vorgesehen - der Rest ging an die Darsteller. Dabei verpulvert Åkerlund für ein vierminütiges Musikvideo schon eine halbe bis eine Million Dollar. Die Dreharbeiten musste er in drei Wochen durchziehen.

Aber nicht nur deshalb sei die Arbeit an dem Film "das Schlimmste, was ich je erlebt habe", gewesen, sagt Åkerlund: "unorganisiert, unprofessionell, unpünktlich, Lügen, Diebstahl, mieses Essen". Offensichtlich hatten einige in Hollywood gedacht, den Regie-Neuling könne man leicht tyrannisieren - und dabei übersehen, dass Åkerlund schon ewig im Filmgeschäft ist. Mehrmals musste er die Produzenten damit erpressen, alles sofort abzubrechen - auch wenn er das niemals vorhatte. Dass er mit seinem eingeschworenen schwedischen Team, mit dem er seit Jahren Clips dreht, an "Spun" arbeitete, rettete das Projekt.

Nach Abschluss von "Spun", sagt Åkerlund, "waren wir alle pleite und haben uns vorgenommen, das nächste Jahr höllisch zu arbeiten". Als wäre er nicht sowieso ein Workaholic. Er pendelt im Zwei-Wochen-Takt zwischen den USA, wo er arbeitet, und Stockholm, wo seine beiden Kinder und seine Freundin leben. In den vergangenen 18 Monaten drehte er unter anderem Clips für die Telefonfirma Virgin Mobile USA, für Christina Aguilera, Robbie Williams, Lenny Kravitz, Blondie, Ozzy Osbourne und Madonna.

Von seinem Madonna-Video zu "American Life" gibt es allerdings nur eine einzige Kopie des "Director's Cut", wie Åkerlund es nennt. Und die liegt auf seinem Schreibtisch. Denn Madonna zog wegen des Irak-Kriegs Ende März den Clip zurück, in dem sie in Militärkleidung ein Chaos bei einer Modenschau auslöst und am Ende eine Handgranate wirft. "Madonna hatte Angst, sie könnte zu viel Aufmerksamkeit bekommen", so Åkerlund, "dabei ist das doch der Grund, aus dem man Videos dreht: Aufmerksamkeit erregen und Platten verkaufen."

Ein wenig erschöpft und traurig klingt er, als er anfügt: "Das Geschäft ist hart." Aber andererseits: Wenn das Musikvideo-Business so schwierig ist, kann er genauso gut Kinofilme drehen. Er habe "Lust auf einen neuen Film", sagt Åkerlund.

Vielleicht entspricht der ja seinem neuesten Lebensgefühl: der Entdeckung der Langsamkeit. Åkerlund hat seine große Produktionsfirma, die rund 40 Mitarbeiter und 15 Regisseure beschäftigte, aufgelöst und eine neue gegründet: mit vier Mitarbeitern. Irgendwann ist eben auch für den schnellsten Regisseur der Welt das Tempo zu hoch.

"Spun" (mit Jason Schwartzman, Brittany Murphy, Mickey Rourke, John Leguizamo, Mena Suvari, Deborah Harry) wird am 2. und 4.7. auf dem Münchner Filmfest gezeigt und läuft am 7.8. in den deutschen Kinos an.VON MARIANNE WELLERSHOFF


KulturSPIEGEL 7/2003
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