21.02.2004

Irritiert? Provoziert? Stimuliert?

Die Schriftstellerin Juli Zeh über die Pornografisierung der Kunst

Weil meinem Freund F. die Werbefotos der neuen "Lulu" im Hamburger Thalia Theater so gut gefallen, lade ich ihn zur Premiere ein. Auf den Bildern sitzt die Hauptdarstellerin Fritzi Haberlandt mit hochgerutschtem Kleid und gespreizten Beinen auf der Rückbank einer Limousine. Und hiermit wären wir auch schon beim Kern des Problems.

Neulich erst konnten wir den TV-Star Günther Kaufmann in Johann Kresniks Inszenierung der "Zehn Gebote" halbnackt auf dem Altar der Bremer Friedenskirche sowie bei einer Sexsimulation mit seiner Kollegin Frederike Pöschel auf einem Autodach bewundern. Bei Christoph Schlingensief findet Pornografie zwar ausschließlich "im Kopf des Betrachters statt"; nichtsdestotrotz lässt sich in seinem neuen Stück "Attabambi-Pornoland" ein junger Mann auf einer Leinwand von zwei Ungarinnen masturbieren, und zwar bis zum bitteren Ende.

Wird auch auf der Thalia-Bühne gesprochen, geschrien und natürlich gepoppt werden? Bitte noch etwas drastischer. Das ist hier kein Volkshochschulseminar für Blümchensex.

Später sitzen wir in meinem Wohnzimmer bei Kamillentee und leiser Musik und unterhalten uns über Pornografie in der Kultur. Bis F. mir schließlich an die Titten greift und seinen Schwanz in meinen Mund schiebt.

"Nein!", protestiert F., "das macht er gar nicht."

"Natürlich nicht", sage ich, "es geht auch nicht darum, es zu machen. Man muss es nur hinschreiben. Abmalen. Nachspielen. Fotografieren."

"Wenn das so ist", sagt F., "machen wir eine Versuchsanordnung. Rezeptionsästhetische Feldforschung." Während ich im Sessel sitze und aus meiner Tasse schlürfe, wirft F. sich in Pose. "Ficken", rezitiert er. "Pimpern. Schwanz, Möse, Möpse. Hintern, ich meine: Arsch, und, äh ..." Er überlegt einen Moment. "Penis!" Freudestrahlend breitet er die Arme aus.

"Na, wie war ich? Kommt's dir?"

"Nein", sage ich. "Was soll kommen?"

"Das ist eben die Frage!" F. ist Feuer und Flamme. "Bist du geschockt?"

"Nein."

"Verwirrt? Provoziert? Stimuliert?"

"Nein."

"Was bist du dann?"

Ganz einfach. Wenn F. nicht so lustig aussähe, wäre ich vor allem zweierlei: peinlich berührt und zu Tode gelangweilt.

"Eine wichtige Erkenntnis!", frohlockt F. "Du bist 30 Jahre alt, ledig und kinderlos und damit repräsentativ für die Altersgruppe. Und du langweilst dich bei Pornografie."

Kein Wunder. Ich habe ein entspanntes Sexleben und einen Internet-Zugang. Seit zwei Jahrzehnten lehren mich die Medien, dass sexuelle Tabuisierungen ein Zeichen mangelnder Lebensqualität sind, dass ich trotzdem im Bett keine rhythmische Sportgymnastik aufführen muss, wenn ich nicht will, und dass somit, kurz gesagt, alles geht und nichts muss.

Aber warum soll ich mich dann von Fritzi Haberlandts gespreizten Beinen ins Thalia Theater locken lassen? Muss ich Sisley-Pullover tragen, bloß weil in der Werbung dafür halbnackte Jugendliche nachts im Gebüsch miteinander vögeln? Modemagazine abonnieren, die aussehen wie Pornohefte? Warum soll ich Ölbilder aufhängen mit Penissen drauf, Bücher lesen, in denen, wie in Louise Welshs "Dunkelkammer", die Werktätigkeit von Schließmuskeln analysiert wird, oder routinierten Erotikathleten ("Bild": "Film-Diva in Wahrheit ein Pornostar") bei ihren Rotlicht- und Leopardenfell-Nummern zuschauen, wie in Fatih Akins gerade bei der Berlinale mit einem Goldenen Bären gekrönten Film "Gegen die Wand"? Wozu diese Rushhour im Geschlechtsverkehr?

Selbst F., den ich nur aus rhetorischen Gründen erfunden habe, weiß keine Antwort.

Die Pornografisierung der Künste, meinen manche Macher, sei nichts als ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten in Werbung, Web und Weltpresse. Die Werber hingegen behaupten, eine gesteigerte Nachfrage zu bedienen, die auch in Literatur und Theater zum Ausdruck komme. So spiegelt einer den anderen, und in der Mitte befindet sich ... nichts?

Dogmatisch heißt es mancherorts, ungeschminkter Sex sei künstlerisch unverwertbar. Sein Abbild könne nichts anderes transportieren als Erregung, Ekel oder Schmerz. Direkte körperliche Reaktionen also, die viel mit Schlüsselreiz und Triebreflex zu tun haben, dafür wenig mit Kunstrezeption. Anders gesagt: Wer vögelt, hat nichts zu erzählen. Es sei denn, die Hauptfigur rutscht dabei auf einem vollen Kondom aus oder fällt aus dem Bett. Ha, ha.

Stimmt nicht, meint F., es gebe Gegenbeweise. Und das nicht nur bei Henry Miller. Auch Bücher wie der gerade erschienene Roman "Strategie" des jungen Briten Adam Thirlwell machten Sex zu einem Schauplatz, statt zur Oberflächenbemalung einer leeren Kiste, und so werde die schönste Sache der Welt erträglich, stellenweise sogar zum literarischen Genuss. Jenseits der Gähn- und Überdrussgrenze bestehe noch Hoffnung, dass das, was wir heute Pornografie nennen, zum Träger von Geheimnissen, Bedeutungen, von irgendetwas über sich selbst Hinausweisendem mutieren kann.

Einverstanden - weitermachen. Aber nicht vergessen, von Zeit zu Zeit ins pralle Leben zu greifen, denn wo man's packt, ist's ...

"Genau", unterbricht F., "wie steht es damit?"

Man liest, das Lotterleben halte Einzug in die Reihenhäuser. Partnertausch, Pornogucken und Peepshow seien für Bausparversicherte längst nicht mehr tabu. Im Gegenteil werde die Ausschweifung zur Neuform des Spießertums, als Anpassung nämlich, Massenmimikry in der allgegenwärtigen Spaß- und Erlebniskultur. Billiger als Extremsport ist Sex allemal, und vielleicht verspricht er den letztmöglichen Kick nach erfolgreicher Durchnudelung sämtlicher Fun-Techniken.

Überraschend ist nur, dass Trendscouts heute aufgeregt durch die Schlüssellöcher eines zügellosen Zeitgeistes spähen, während sie vor wenigen Jahren noch die Wiedergeburt der Prüderie besangen. Man sei wieder monogam, lautete die damalige Diagnose, die Jüngsten und Knackigsten unter uns gingen unberührt in die Ehe und wählten zu allem Überfluss CDU. Freiwillig.

In Wahrheit, weiß F., sind unsere schnellen Zeiten gar nicht so schnell.

Es liege vielmehr am medial flackernden MTV-Blick auf Moden und Mentalitäten. Immer schon gehe der eine lieber in die Kirche, der andere ins Bordell und der Dritte beides abwechselnd. Gleichzeitig sorge die kontinuierliche Liberalisierung dafür, dass alle drei es nicht mehr ganz so heimlich tun.

"Im moralischen System des modernen, flexiblen, mobilen und globalen Menschen wird kein Platz mehr sein für Moralismus", schrieb neulich der Sexualforscher Günter Amendt in der "Tageszeitung". So what?

"Wir sollten zwei Phänomene trennen", wende ich altklug ein.

Auf der einen Seite praktiziert, konsumiert oder ignoriert eine unaufgeregte Gesellschaft unter der Maxime "Jeder, wie er will" ihre wachsenden sexuellen Möglichkeiten, vorsichtig enthemmt von der fortschreitenden Salonfähigkeit geschlechtlicher Angelegenheiten. Aus dieser sanften Samstagnachmittag-Bewegung gehen Bücher, Theaterstücke und Bilder hervor, die erste künstlerische Schritte wagen auf pornografischem Parkett.

Auf der anderen Seite postuliert ein hysterischer Kunst- und Literaturmarkt das totale Fallen aller Hüllen und Hemmungen, erklärt "Schwanz und Fotze" zum neuen Sprachmaterial und Geschlechtsteile beiderlei Art zum innovativen Bildgut. Einige Künstler behaupten aus Gewohnheit, es handele sich dabei um einen politischen Akt. Andere geben wenigstens zu, dass es vor allem darum geht, die letzte, nicht erneuerbare Reserve eines wertvollen Rohstoffs auszubeuten: das Öl der Originalität. Sex sells, denkt der Markt mit Seitenblick auf leere Theaterkassen, übervolle Büchertische und das jahreszeitenübergreifende Sommerloch der Inhalte und Ideen. Und macht nach, was die Werbung seit Ewigkeiten vormacht: Mit Hintern, Brust und Keule kann man sogar Rentenversicherungen verkaufen. Warum also nicht Gar-Nichts? Wenn die barbusigen Nivea-Tanten keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken, erfindet man eben etwas Deftigeres. Skandal!, ruft die Presse bei jeder Dame in Lederstrapsen; Uuuuaaaah, macht der Konsument. Auch in den deutschen Theaterhäusern kommt das Publikum trotz schockierend lauter Musik und abspritzenden Leinwand-Jünglingen nicht aus dem Gähnen heraus.

Jetzt bekommt F. rote Backen wie ein "Bravo"-Leser auf der Dr.-Sommer-Seite: "Wir haben eine These!" Sollte es der so genannten breiten Masse gelungen sein, die von Berufs wegen progressive und provokative Kunstszene stillschweigend zu überholen? Kann es sein, dass Klaus im Reihenhaus gemütlich seinem wie immer gearteten Vergnügen frönt, während die Künstler wie cholerische Kinder mit den Füßen stampfen und "Ficken! Ficken! Shoppen und Ficken!" brüllen, bis jeder Zuhörer genervt die Augen verdreht: "Ganz ruhig, bist ja ein böser Junge, ach, was für böse Wörter du kennst!"? Scheint so.

Oder, mit den Worten eines Freenet-Users gesprochen, der die "War Tatort zu scharf?"-Debatte der "Bild"-Zeitung kommentiert: "Fünfzehn Sekunden Teenager-Sex um 20:40 Uhr - wieder einmal übt sich der öffentliche Diskurs im Aufputschen von Fragen, die keiner gestellt hat. Gibt es nichts Dringenderes?"

F. lächelt selig. Selten enden Theaterdiskussionen mit einem Sieg der Wirklichkeit über die Kunst. Ich lächele zurück. Der Tee ist ausgetrunken.

"Genug geredet", sage ich. "Let's do it!" Aber F., mein fiktiver Philosoph, erschrickt zu Tode und verblasst.

"Lulu". Premiere am 28.2. im Thalia Theater, Hamburg, Tel. 040/32 81 44 44; "Attabambi-Pornoland - Die Reise durchs Schwein". Pfauen, Zürich, noch bis 12.4., Tel. 0041/1/258 77 77. Lesungen von Adam Thirlwell: 10.3. München, 11.3. Leipzig, 12.3. Hamburg, 15.3. Berlin, 16.3. Zürich, 17.3. Köln.


KulturSPIEGEL 3/2004
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