Mittwoch, 10. Februar 2010

DER SPIEGEL


29.03.2004

Bildungsreise Nach den Terroranschlägen wählte Spanien eine neue Regierung und eine neue Zukunft. Der KulturSPIEGEL stellt die Künstlergeneration vor, die das Land prägen wird.

JAVIER BAULUZ, FOTOGRAF

Von ZUBER, HELENE

DER PULITZER-PREISTRÄGER BEGANN ALS TELLERWÄSCHER. ER FOTOGRAFIERT, WO ANDERE WEGSEHEN: ELEND, KRANKHEIT, TOD.

Das Foto zeigt einen Mann und eine Frau in Badekleidung, sie sitzen unter einem geblümten Sonnenschirm am Strand, neben ihnen eine Kühlbox mit Bierdosen. Sie schauen gebannt auf etwas, das nur wenige Meter vor ihnen im Sand liegt: die aufgetriebene Leiche eines farbigen Mannes.

Das Foto vom grausam gebrochenen Bade-Idyll am Strand von Zahara ist typisch für Javier Bauluz, 44. Der spanische Fotograf erzählt die Geschichten derjenigen, die keine Stimme haben: Boatpeople, die über die Meerenge von Gibraltar geschleust werden und das Paradies Europa oft nicht lebend erreichen; Schicksale von Kriegsflüchtlingen in Nicaragua, in Bosnien oder im Gaza-Streifen.

Eigentlich wollte der blonde Asturianer mit den wasserblauen Augen Psychologe werden. Doch dann reiste er per Autostopp nach London, um Englisch zu lernen. Stattdessen lernte Bauluz vor allem Italienisch; es war die Sprache seiner Kollegen, Underdogs wie er, mit denen er Teller wusch und Toiletten putzte. Anfang der Achtziger war sein Heimatland noch kein EU-Mitglied. "Für die Briten war Spanien damals wie Afrika." Mit einer geliehenen Kamera knipste Bauluz, was er zufällig sah: britische Polizisten, die im Hyde Park auf Studenten einknüppelten. Als er die Abzüge vom Entwickeln holte, war ihm klar: Die Fotos "gehen ins Herz und in den Kopf, nicht auf den Magen".

Bauluz will, dass die Leute sehen, was sie nicht sehen möchten, er will sie aufscheuchen. Wie mit dem Foto aus Ruanda, für das er 1995 den Pulitzer-Preis bekam: Ein ausgemergelter Säugling sucht in den Kleidern der toten Mutter nach ihren Brüsten. Tausende Menschen mussten damals an Cholera sterben, bis die Erste Welt, aufgeweckt durch Fotos von Bauluz und seinen Kollegen, endlich Hilfsgüter und Ärzte schickte.

Nach dem Massaker von Madrid ging Bauluz auf die Demonstrationen in der katalonischen Hauptstadt Barcelona. Er hatte jetzt junge Leute vor seiner Kamera, die Spruchbänder trugen: "Nein zum Terrorismus, nein zum Krieg, nein zur Manipulation".

Weil die konservative Regierung die Öffentlichkeit zu manipulieren versuchte, "mit einem Staatsstreich der Desinformation", so Bauluz, habe das spanische Volk rebelliert und "unseren Pinocchio" aus dem Amt getrieben.

(www.javierbauluz.blogspot.com)

FOTOKUNST

Auf zeitgenössische Reportagefotografie hat sich die spanische Zeitschrift "Matador" spezialisiert. Artdirektor Fernando Gutiérrez, auch verantwortlich für das Benetton-Magazin "Colors", entwickelte das einmal im Jahr erscheinende Themenheft. "Matador" widmet sich in jeder Ausgabe einem Buchstaben des Alphabets. Bisher sind Hefte erschienen von A wie Arte bis E wie Extravagancia. Bleibt "Matador" so ambitioniert wie bisher, wird es Ausgaben geben bis zum Jahr 2022.

JAVIER BAULUZ EMPFIEHLT DIE SCHRIFTSTELLERIN JUANA SALABERT: "DIESE AUTORIN ÜBERRASCHT MICH. SIE BESCHÄFTIGT SICH MIT NEUERER SPANISCHER GESCHICHTE - EIN THEMA, ÜBER DAS WIR HIER VIEL ZU WENIG WISSEN. SALABERTS SÄTZE SIND VOLLER FAKTEN, ANSPIELUNGEN UND GEFÜHLE."



KulturSPIEGEL 4/2004
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