29.03.2004

LITERATURNeue Bücher

Belletristik
Sibylle Berg: "Ende gut". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 336 S.; 19,90 Euro. %
Etwa in der Mitte des Buches hat die Autorin eine Pause eingebaut. Man könne sich jetzt einen Kaffee kochen. Den braucht man auch. Denn wie immer, wenn Sibylle Berg schreibt, tut sie es gnadenlos und treffsicher. Früher oder später erwischt sie einen immer, analysiert klug und klar Träume, Triebe und Ängste, die leise Hölle des Alltags oder die große, laute, die sich Gegenwart nennt. Diesem Aufbau folgt auch ihr neuer Roman. Er beginnt mit dem Frust der Heldin, einer Frau "so um die vierzig", die noch nie jemanden wirklich geliebt und sich das Weinen längst abgewöhnt hat. So weit ist alles noch amüsant, Gesellschaftssatire auf hohem Niveau. Doch dann bricht die wahre Hölle los. Was eben noch schön sicher im Bildschirm des Fernsehers gebannt war, ist plötzlich direkt vor der sauber gekehrten deutschen Haustür angelangt: Terroranschläge, Seuchen, Aufstände, Flutkatastrophen. Alles da, alles sehr realistisch. Allerdings hält der Titel, was er verspricht: Am Ende wird etwas gut, für Bergsche Verhältnisse geradezu romantisch. SILJA UKENA
Rujana Jeger: "Darkroom". Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. C. H. Beck, München; 160 Seiten; 17,90 Euro.%
Am Anfang steht ein Vergleich: "Das Leben ist wie ein Darkroom, sagt Kristijan. Du weißt nie, wer dich wie fickt und wen du wie fickst. Aber es ist zu aufregend, als dass du einfach so rausgehen könntest." In Zagreb geboren, lebt die Protagonistin Morana längst in München. Sie erinnert sich in kurzen, schlaglichtartigen Sequenzen an ihre Jugend in Jugoslawien, als sie sich eingeklemmt fühlte zwischen Tradition, westlicher Popkultur und Hedonismus: an ihre Hippie-Eltern, die sich an Nudisten-Stränden sonnten, an Jasmina, die Heroin schnupfte, aber zur Beichte ging. Einmal hörte Moranas Kumpel Kristijan beim Orgasmus plötzlich Raketen: Der Krieg hatte begonnen, und er sollte auch Moranas Familie zersprengen. TOBIAS HABERL
Erri De Luca: "Ich bin da". Rowohlt Verlag, Reinbek; 128 Seiten; 14,90 Euro. %
Dies ist ein Buch über einen Bumerang und über die Liebe. "Zum Geburtstag hat Papa mir ein gebogenes Stück Holz geschenkt, es heißt Bumerang. Ich halte es in der Hand, ohne zu fragen, es versetzt mir einen kleinen Stromschlag, ein Kitzeln." An diesem 13. Geburtstag ändert sich vieles im Leben des Ich-Erzählers. Er geht nicht länger zur Schule, sondern beginnt eine Lehre bei dem Schreinermeister Errico, der immer sagt: "Der Tag ist ein Biss, er ist kurz, machen wir uns an die Arbeit." Und Maria tritt in sein Leben. Maria, die mit ihrem Lächeln Stöße ganz tief in seinem Inneren auslösen kann. Der italienische Autor Erri De Luca hat einen Roman voll berückend schöner Sätze über das Erwachsenwerden geschrieben und darüber, dass man im Leben üben muss - für das Bumerangwerfen genauso wie für die Liebe. CLAUDIA VOIGT
Lyrik
Albert Ostermaier: "Solarplexus". Suhrkamp, Frankfurt/M.; 136 S.; 20,80 Euro. %
Falls es in der neueren Lyrik eine Rückkehr der Formen gibt, zeigt Albert Ostermaier, 36, ihr souverän die kalte Schulter. Auch in seinem fünften Gedichtband "Solarplexus" lädt er die Verse lieber rhetorisch als rhythmisch auf. "ich verdiene es nicht unglücklich zu sein", ruft er als angry young man mittleren Alters, um wenig später ein cooles urbanes Ich zu kultivieren. Locker eingestreute Zitate von Lessing bis Konfuzius weisen ihn als Gebildeten aus, doch die Geliebte besingt er mit so ungefilterter Inbrunst, dass man sich auch gleich frisch verliebt fühlt: "dich bei mir zu wissen heisst nichts fürchten zu müssen". Bei so viel titelgemäßer Bauchmassage sieht man Ostermaier gern einige verkopfte Langgedichte nach, die ein wenig an endlose Gitarrensoli der siebziger Jahre erinnern. STEFFEN JACOBS
Sachbuch
Werner Fuld: "Die Bildungs-Lüge". Argon Verlag, Berlin; 304 Seiten; 19,90 Euro. %
Wir befinden uns im Jahre 2004 n. Chr. Ganz Deutschland ist von Pisa-verängstigten Bildungshubern besetzt. Ganz Deutschland? Nein. Ein kühner Kämpe sagt jetzt der "Kulturheuchelei" den Kampf an. Faktenwissen sei Blödsinn, poltert der wortgewandte Werner Fuld; lieber sollten Schüler "Persönlichkeit" und die "Fähigkeit zur Unterscheidung" lernen, vor allem aber, "sich im Diskurs der Zeit bewegen zu können". Altgriechisch? Zeitverschwendung. Mathematik? "Ein Spiel von Verrückten für Verrückte". Geschichte? "Ein Konstrukt der Historiker". Der "Faust"? "Primitiv im Aufbau und reaktionär in der Aussage". Fulds Mülltonne ist geräumig. Seltsam nur, dass bei seinem Rundumschlag dauernd Namen wie Adorno, Condillac oder Heraklit fallen. Sollten seine Leser die etwa kennen? Wenn Fuld das wirklich hofft, dann taugt seine durchgedrehte Anti-Schwanitz-Tirade immerhin als Selbsttest: Wer die meisten Denkfehler findet, hat gewonnen. JOHANNES SALTZWEDEL
Comic
Neil Gaiman: "Sandman - Das Erwachen". Verlag Thomas Tilsner, Bad Tölz; 184 Seiten; 20 Euro. %
Ein Gott ist tot. Der Sandman, gottgleiches Wesen und Herr der Träume, ist gestorben. Verwandte, Freunde, Feinde und Weggefährten versammeln sich zur Totenwache in den Traumsphären und tauschen Erinnerungen aus. Und auf Erden schreibt William Shakespeare sein letztes Stück. Im Abschlussband des fulminanten Sandman-Zyklus beweist der englische Autor Neil Gaiman wieder eindrucksvoll sein Talent als Geschichtenerzähler; klug und höchst unterhaltsam verbindet er Mythologie, Kultur, Pop und Alltag. Die Saga ist eine Ausnahmeerscheinung im Comic-Genre - im vergangenen Jahr gelangte Gaiman damit sogar auf die Bestsellerliste der "New York Times". Zeitgleich mit dem letzten Band der Serie startet der Verlag auch die längst fällige Neuauflage der ersten Folgen, mit dem Sonderband "Death - Preis des Lebens" erscheint gleich zu Beginn ein Juwel der Serie. JÖRG BÖCKEM

KulturSPIEGEL 4/2004
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