Von GOOS, HAUKE
Sie mussten bis zum letzten Drehtag warten, und sie hatten wenig Zeit: einen Tag nur, gerade mal zwölf Stunden, für eine Szene, die im Buch immerhin fünf Seiten lang war - verdammt wenig Vorbereitung für den ersten gemeinsamen Auftritt in ihrer Karriere. Also setzten sich Dustin Hoffman, 66, und Gene Hackman, 74, mit dem Regisseur zusammen und probten. Sie kürzten, feilten, strichen, bis sie das Gefühl hatten: So geht's. Und dann machten sie die Begegnung zweier Männer auf der Herrentoilette eines Gerichtsgebäudes, knapp vier Minuten Film insgesamt, zum Herzstück der Grisham-Verfilmung "Das Urteil - Jeder ist käuflich" (Kinostart: 29.4.), zum Treffen zweier Giganten, ähnlich der Coffeeshop-Verabredung von Al Pacino und Robert De Niro in "Heat": eine Szene, die alles erklärt und alles zusammenhält und die auf geheimnisvolle Weise das Zentrum des Films bildet.
Sie haben sich 1956 kennen gelernt, am Pasadena Playhouse: Beide sahen nicht unbedingt aus wie jene leading men, mit denen die Studios ihre Träume verkauften, aber sie hielten sich für leidlich begabt und entdeckten bald, dass sie sich ähnlich waren. Als Hackman nach drei Monaten von der Schule flog, wegen Talentlosigkeit, zog er nach New York. Hoffman beendete die Ausbildung und kroch danach in Hackmans Apartment unter - am Anfang schlief er in der Küche, neben der Badewanne. Die beiden schlugen sich als Möbelpacker (Hackman) und Spielzeugverkäufer (Hoffman) durch, bis sie, 1967, ihren Durchbruch feierten: Hackman in "Bonnie und Clyde", Hoffman in "Die Reifeprüfung", wo Hackman ursprünglich die Rolle des Mr. Robinson spielen sollte.
Es folgten Enttäuschungen, Triumphe, Oscars: Hoffman gewann zwei- mal und wurde fünfmal nominiert, Hackman brachte es ebenfalls auf zwei Oscars und auf drei Nominierungen. Sie blieben in Kontakt. Trotzdem dauerte es fast 40 Jahre, bis ihnen jemand eine Rolle im selben Film anbot. Am Ende der "Urteil"-Dreharbeiten, nach ihrer ersten gemeinsamen Dialogszene, saßen die beiden dann noch auf einen Drink beieinander. "Glaubst du eigentlich auch immer noch, nachdem du gerade einen Film fertig gedreht hast, dass dir niemand je wieder einen Job anbieten wird?", wollte Hackman wissen. Hoffman grinste. Es war wie früher. Sie hatten sich kaum verändert.
HAUKE GOOS
KulturSPIEGEL 5/2004
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