26.07.2004

Er liebt mich, er liebt mich nicht

Frauenbücher sind Frauensache. Was passiert, wenn ein Mann sie liest? Ein Selbstversuch von Harald Martenstein.
Es gibt eine Menge Bücher, die von Frauen geschrieben wurden. Daneben gibt es Bücher, die Frauen speziell für andere Frauen schreiben oder die hauptsächlich von Frauen gekauft werden. Das eine heißt bei den Experten "Literatur", das andere heißt "Frauenliteratur".
Worum geht es eigentlich in der Frauenliteratur? Erstaunlicherweise geht es fast ausschließlich um Männer. Hauptproblem und Lebensthema der Frau scheint immer noch der Mann zu sein, vor allem der Mann für länger, zum Heiraten und Kinderkriegen. Dieser Bursche ist einfach nicht da. Seit den Tagen von Hedwig Courths-Mahler sind die Dinge kein bisschen einfacher geworden. Jedenfalls nicht in der Frauenliteratur.
Wenn man sich mit dem männlichen Blick Frauenbücher durchliest, fällt auf, dass zwar sehr viele gut aussehende Männer darin auftauchen, aber der Sex fast völlig fehlt. Die Frau in der Frauenliteratur hat einen ausgeprägten Partner-, aber nur einen relativ schwachen Paarungswunsch, zumindest in Deutschland. Zum Beweis ein Vergleich. Mit folgenden Worten beschreibt die junge Italienerin Melissa Panarello (in "Mit geschlossenen Augen") die erste Begegnung mit einem Mann, den die weibliche Hauptfigur sympathisch findet: "Ich wartete in der Toilette auf ihn; als er kam, riss er mir das T-Shirt vom Leib. Dann schob er mein kurzes Faltenröckchen hoch und drang in mich ein, während ich an der Wand lehnte und seine Wonne in meinen Eingeweiden verspürte."
Nun die in etwa gleiche Szene, diesmal beschrieben von Kristin Rübesamen in "Später, Baby" und leicht gekürzt: "Sie stand auf, ging an der verlegen grinsenden Kellnerkulisse vorbei zur Damentoilette. Auf dem Rückweg lief sie Artus direkt in die Arme. Er zog sie fest an sich heran und fing an sie zu küssen. Er sagte leise: ,Komm mit zu mir.' Sie schüttelte den Kopf. ,Nein, ich muss nach Hause.'" Das sind, selbst bei so einem banalen Vorgang wie einem Toilettenbesuch, bei der deutschen Autorin sofort völlig andere Akzentuierungen. Womöglich ist "Mit geschlossenen Augen" auch gar kein Frauenbuch.
Hauptfigur von "Später, Baby": eine langbeinige Enddreißigerin mit High Heels. Hauptfiguren in der Frauenliteratur sehen häufig so aus. Wer ein ungewöhnliches, verstörendes Frauenbuch schreiben möchte, sollte sich unbedingt eine kurzbeinige Heldin mit Birkenstock-Schlappen einfallen lassen!
Die ökonomisch krisenhaften Veränderungen der Welt gehen allerdings auch an der Frauenliteratur nicht spurlos vorüber. Das langbeinige "Baby" wird von der Modezeitschrift, für die es als Korrespondentin in New York arbeitet, entlassen. Sie geht nach Berlin. Außerdem ist sie - untypisch! - verheiratet und hat eine zehnjährige Tochter. Mit der Tochter kann sie ungefähr so wenig anfangen wie mein Sohn mit seinem Goldhamster, von ihrem Mann lebte sie bis zu ihrer Entlassung getrennt. Sie sucht auf dem Männermarkt etwas Neues, während sie gleichzeitig mit der Erfahrung eines dramatischen sozialen Abstiegs kämpft: "Lebenslänglich Dr. Oetker und Jacobs Kaffee lautete ihr Urteil."
"Später, Baby" ist interessant, weil der Roman zeigt, dass auch die Eroberung von Ehemann und Kind - normalerweise der erlösende Endpunkt in der Frauenliteratur - den Heldinnen nur zeitweise Linderung verschafft. Nach einer Weile geht alles wieder von vorn los. Als Mann denkt man: Der Dämon, der diese Romanheldinnen so unbehaust macht, ist womöglich gar nicht die Männerlosigkeit, sondern ihr Narzissmus. Die lieben sich selbst mit so viel Leidenschaft, wo soll denn da in ihrer Seele ein Plätzchen für mich sein?
"Später, Baby", der erste Roman einer früher in New York, jetzt in Berlin lebenden Journalistin und Yoga-Lehrerin, ist flott geschrieben, an einigen Stellen fast ein bisschen nachdenklich ("Sie musste irgendwie herausfinden, was richtig und was falsch war."). Eine Bekannte sagte: "Um so richtig erfolgreich zu werden, ist das Buch nicht flach genug." Das war eine Anspielung auf Ildikó von Kürthy, die "Stern"-Redakteurin und Auflagen-Queen der deutschen Frauenliteratur, die ihre Romane auch mal ihrem Friseur widmet. Die Heldinnen heißen "Puppe", wenn sie in der Küche in den Pinienkernen Maden finden, ergibt das schon drei Romanseiten. Bei Ildikó von Kürthy sagt jeder Satz: "Schau mal, wie hübsch und putzig ich bin!" Gleichzeitig haben sich die Heldinnen von den Männern mit Goldkettchen die Machopose abgeschaut, sie sagen "Hi, Darling" und "Bye, Honey", der Tag "beginnt mit einer Hand voll Aspirin und einem letzten Glas Champagner".
Am 24. September kommt "Blaue Wunder" heraus, der neue Kürthy-Roman, mit einer Frau, die nach Hamburg zieht, in die Wohnung eines schwulen Friseurs - der schwule Freund, ein Archetyp der modernen Frauenliteratur - und sich bei einem Autounfall in den Unfallgegner verliebt, um den sie natürlich kämpfen muss. Die Entscheidungsszene findet, wie schon in "Herzsprung", auf einer Party statt, dort, wo Aspirin und Champagner einander gute Nacht sagen.
An die Seite des Frauenromans ist schwesterlich das Frauensachbuch getreten, das sich ebenfalls dem Themenkreis "Mann" widmet. Am klarsten drückt zurzeit dieses Anliegen Rachel Greenwald aus: "Männerbeschaffungsmarketing. Mit der Harvard-Methode den Richtigen finden. Für Frauen ab 35". Das in den USA sehr erfolgreiche Werk basiert auf der Idee, dass man mit einer klugen Werbekampagne auch für schwierigste Produkte einen Abnehmer finden kann, warum also nicht für die Frau über 35? Männerbeschaffungsmarketing unterscheidet die "herkömmliche Denkweise" der erfolglosen Männerjägerin vom "fokussierten Denken" des Profis. Herkömmlich: "Ich gehe ins Fitnessstudio, wenn nicht zu viele Leute da sind." Fokussiert: "Ich gehe dann in den Club, wenn am meisten los ist. Ich trainiere mit den Hanteln (dort tummeln sich die Männer)." Und wenn einer angebissen hat? "Unter keinen Umständen sollten Sie mit ihm zusammenziehen. Dadurch würden Sie eine mögliche Hochzeit eher verzögern." Lass ihn zappeln, rieten schon die Urgroßmütter unseren Omas.
In der Werbung für Frauenliteratur wird oft auf das Vorbild der amerikanischen Fernsehserien "Ally McBeal" und "Sex and the City" verwiesen. Reich, erfolgreich, sexy und einsam, ist das die deutsche Frau? Katja Kullmann, 34, ehemalige "FAZ"-Mitarbeiterin, hat über ihresgleichen das Buch "Generation Ally" geschrieben, sozusagen die weibliche Antwort auf "Generation Golf". Das Problem der "Generation Ally" besteht darin, dass zwar Frauen häufig bereit sind, sich in männliche Macho-Karriere-Lifestyle-Monster zu verlieben, diese Bereitschaft umgekehrt bei Männern aber weit weniger vorhanden ist. Wir Männer dulden keine Karrieremonster neben uns. Darüber könnte man auch mal ein ernstes Buch schreiben.
Genau das hat Katja Kullmann jetzt gemacht. Die Erzählung "Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad" ist trotz des sich unter der Last seiner Adjektive duckenden Titels besser als die übliche Frauenliteratur, weil nicht nur Klischees darin vorkommen, sondern richtige Gefühle. Die Hauptfigur, Simone, Kosmetikerin, ein Mädchen vom Land, kommt in die Stadt, arbeitet in einem Schönheitssalon und verliebt sich in einen Kunden. Er, ein schnöseliger Feuilletonredakteur, ahnt nichts. Ihm zuliebe fängt sie an, sich heimlich zu bilden. Sie nähern sich an: "Er wurde schöner, sie klüger." Aber das will er gar nicht. "Ihm war es lieber, wenn sie die Klappe hielt."
Dann geschieht eine Katastrophe: Er wird entlassen. Diese Entlassung ist deutlich dem Ende der "Berliner Seiten" der "FAZ" nachgebildet - damals wurden in Berlin überraschend etliche junge, begabte Autoren auf die Straße gesetzt, Menschen, die sich bis dahin sicher waren, dass ihr Leben eine einzige Party sein würde. Auch Frauen waren darunter.
Über das Ende der "Berliner Seiten" wird im intellektuellen Berlin noch immer viel geschrieben und nachgedacht. Es war wohl eine Generationserfahrung. Die 68er hatten den Tod von Benno Ohnesorg. Katja Kullmann und ihre "Generation Ally" haben das Ende der "Berliner Seiten". Dass sich daraus keine wirklich großen Tragödien schmieden lassen, muss man den schreibenden Frauen wohl verzeihen.
Bücher zum Thema: Kristin Rübesamen: "Später, Baby". Diana Verlag, München; 288 Seiten; 17 Euro (erscheint am 18.8.). Ildikó von Kürthy: "Blaue Wunder". Wunderlich im Rowohlt Verlag, Reinbek, ca. 220 Seiten; 17,90 Euro (erscheint am 24.9.). Rachel Greenwald: "Männerbeschaffungsmarketing". Goldmann Verlag, München; 416 Seiten; 19,90 Euro (erscheint am 23.8.). Katja Kullmann: "Fortschreitende Herzschmerzen bei milden 18 Grad". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 176 Seiten; 14,90 Euro (erscheint am 25.8.).

KulturSPIEGEL 8/2004
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