Von SALTZWEDEL, JOHANNES
Nein, er ist nicht zu sprechen, der taube Meister. Dabei steht und liegt hier alles noch, als wäre er eben aus dem Haus gegangen: seine beiden Hammerflügel, die Amati-Geige, Notenskizzen, ein Hörrohr, sogar zwei Porträtmedaillons auf dem Schreibtisch. Der hölzerne Reise-Klappsekretär ist auf dem Bett deponiert, im Nebenraum breitet sich ein Wust von Papierrollen und -stapeln aus. So muss die Wohnung im zweiten Stock des Hauses an der Schwarzspanierstraße 15 in Wien ausgesehen haben, als Ludwig van Beethoven am 26. März 1827 starb. Zumindest so ähnlich: Detailverliebt bis zum schimmernden Parkett sind der Kunsthistoriker Marcus Frings, sein Elektronik-versierter Partner Fritz Vöpel und Silke Bettermann vom Bonner Beethoven-Haus allen Spuren nachgegangen, die es von der durchaus geräumigen Wohnung noch gibt. Erhaltene Möbel und Besitztümer, Grundrisse, selbst Reste des Wanddekors, die beim Abriss des Hauses im November 1903 geborgen wurden, erlauben es nun, sich dort, wo Beethoven anderthalb Jahre wohnte und seine letzten Streichquartette schrieb, virtuell umzuschauen. Vielleicht erinnert sich mancher Besucher noch an mehr: Auch der melancholische Lyriker Nikolaus Lenau wohnte später hier, und kurz vor dem Ende des Gebäudes erschoss sich der genialisch-besessene Geschlechtertheoretiker Otto Weininger in diesen Mauern. Da passen die getragenen Klänge aus Beethovens Opus 135 schon sehr gut zur nachdenklichen Stimmung, in die das technische Kabinettstückchen den Betrachter versetzt. JOHANNES SALTZWEDEL
CD-Rom (für Windows-PC): "Beethovens letzte Wohnung in Wien - Eine digitale Rekonstruktion" (ISBN 3-88188-079-8). Erhältlich auch beim Beethoven-Haus Bonn (www.beethoven-haus-bonn.de).
KulturSPIEGEL 10/2004
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