DER SPIEGEL



Rheinischer Frohsinn

Von ERK, DANIEL

Krise? Was für eine Krise? Die kleine Kölner Plattenfirma Kompakt expandiert - mit Techno und Technik.

Konzentriert blickt der junge Kunde in eines der vielen Fächer. Mit den Fingern der linken Hand tastet er sich Schallplatte für Schallplatte voran, immer wieder zieht er eine der Hüllen heraus, wirft einen kurzen Blick auf die Vorder- und einen längeren auf die Rückseite. Manchmal lässt er die Platten wieder in die Reihe gleiten, meist aber legt er sie auf den immer höher werdenden Stapel neben sich. Dann ruft er seinem Freund, der sich wenige Meter entfernt ebenfalls durch die Reihen und Fächer mit CDs und Vinyl arbeitet, etwas zu. Auf Spanisch. Die Worte werden verschluckt von den Bässen, die aus den Lautsprechern im Verkaufsraum hämmern.

Zwei Stockwerke darüber sitzt Wolfgang Voigt breitbeinig auf einer Ledercouch. Er sieht angespannt aus, aber es sind nicht Sorgen, sondern es ist die viele Arbeit, die Spuren in seinem Gesicht hinterlassen hat. Voigt, 43, ist groß, schlank, trägt einen rosafarbenen Pullover, Cargopants, und seine Haare stehen aufrecht wie die Stachel eines Igels. Voigt ist Chef des Kölner Techno-Labels Kompakt und damit quasi von Berufs wegen jung. Zurzeit ist er erfolgreich, sehr erfolgreich sogar.

Sein Label Kompakt ist vom Geheimtipp einer übersichtlichen Spezial-Szene zum strahlenden Vorbild für deutsche elektronische Musik aufgestiegen. Und damit zu einem der wenigen Erfolgsmodelle der ansonsten darbenden Musikbranche: Kompakt hat sich nicht nur hier zu Lande einen Namen gemacht, und zwar ohne Quote, sondern auch in der globalen Techno-Szene. Wenn die Kompakt-DJs ihren Sound zwischen aufpeitschendem Rave, sanft träumerischem Ambient und Pop-Techno in Barcelona auflegen, sind die Clubs voll. Das britische Szenemagazin "Sleazenation" spricht vom neuen deutschen "überlabel", und die Pet Shop Boys spielen schon gern Lieder von Kompakt, wenn sie bei Konzerten die Bühne betreten. Und das, obwohl man keinen der Künstler und DJs der Firma aus dem Radio oder dem Musikfernsehen und nur wenige aus den Feuilletons kennt.

Es klingt angesichts der aktuellen Krise der Musikbranche fast wie ein Bericht aus vergangenen Tagen, wenn Voigt erzählt, dass er gerade zwei weitere Mitarbeiter eingestellt hat, weil sonst der laufende Betrieb nicht zu meistern sei. Dass Kompakt bald neue, größere Lagerräume beziehen muss, weil der Platz im,

inklusive Tiefkeller, fünfstöckigen Stammhaus im Belgischen Viertel in Köln bis unter die Decke voll gestellt ist. Und dass spanische DJs in den Laden kommen, die das begehrte Vinyl vor Ort kaufen wollen, sagt Voigt, sei keine Seltenheit.

Zum Jahreswechsel wird Kompakt einen eigenen Downloadstore im Internet eröffnen - als eines der ersten deutschen Independentlabels und als kleine widerborstige Konkurrenz für die großen Plattformen wie etwa Musicload oder Popfile und zum Store-Giganten iTunes von Apple. Denn ein internationaler Sound muss auch international verfügbar sein. Was der ehemalige Universal-Chef Tim Renner in seinem Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!" predigt, wird bei Kompakt Realität: die Zukunft der Musikindustrie mit hochwertigen Alben und tonträgerloser Musik.

Die Nachfrage aus aller Welt nach dem "Sound of Cologne" ist tatsächlich riesig und damit auch, klar, das Angebot an Kompakt-Produkten in den Musik-Tauschbörsen im Internet. Kompakt ist weltweit zu einem Markenzeichen geworden. Und zu einem Exportschlager made in Germany.

Der Labelchef Voigt weiß das alles. Aber er gönnt sich keinen Moment der Selbstzufriedenheit. Wenn er über sein Konzept spricht, reiht er lange Sätze aneinander, die alles erklärbar machen und in denen alles mit allem zusammenhängt. Der Erfolg von Kompakt mit dem Anspruch, innovative, polarisierende Musik zu machen - aber auch mit der konservativen Liebe zur Schallplatte. Die Schnelllebigkeit der Clubkultur - und die Fans, die sich für Musik richtig begeistern. Die Fokussierung auf die Musik - und der wirtschaftliche Erfolg, gerade bei Platten, bei denen es "darum geht, Recht zu haben, nicht zu verkaufen", wie Voigt erklärt.

Selbst der Lokalpatriotismus, den Kompakt mit dem Kölner Wappen auf seiner Compilation-Reihe "Speicher" zelebriert, und der weltweite Erfolg passen in seinen Augen zusammen: "Das Paradoxe ist, dass Techno einerseits eine globale Musik ist und, wenn die Musik gut ist, Nationalität als Identifikationsfaktor keine Rolle spielt. Andererseits waren in den vergangenen 20, 30 Jahren deutsche Künstler vor allem dann international erfolgreich, wenn sie etwas - und sei es auch nur vermeintlich - Deutsches hatten, wie Einstürzende Neubauten, DAF oder Kraftwerk."

Allein der Name Kompakt spielt mit diesem "vermeintlich Deutschen". Voigt veröffentlicht seine Platten eben nicht mehr, wie vor Jahren noch, als Mike Ink oder Dextro NRG, sondern unter seinem eigenen Namen. Ebenso halten es sein Bruder Reinhard, viele der Künstler und natürlich auch die beiden anderen Labelbetreiber Jürgen Paape und Michael Mayer. Dessen Name ist so deutsch, dass er von Verkäuferinnen in großen CD-Läden vorsichtshalber englisch ausgesprochen wird.

Und dann der Punkt mit den Punkten: Gestaltungselement vieler Kompakt-Platten sind schlichte,

einfarbige Punkte vor einem komplementär einfarbigen Hintergrund, eine Referenz an die Bauhaus-Ästhetik. Die 100. Veröffentlichung erschien gar mit Punkten in Gold und Rot auf schwarzem Hintergrund.

Das alles gehört zum Erfolg und zum guten Ruf: die Bodenständigkeit, das Deutsche, das Schlichte, das Konsequente, die Philosophie eines Familienbetriebs, der alles selbst macht und gemeinsam Mittag isst. Und die Treue zum Vinyl, das dem Hören eine Haptik verschafft.

Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet Kompakt jetzt einen eigenen Downloadshop eröffnet. Voigt verzieht das Gesicht, hält inne, denkt nach. Von Aufbruch, gar Goldgräberstimmung: keine Spur. Dann sagt er: "Zu MP3 halten wir ein ambivalentes Verhältnis. Wir sind ein Vinyllabel." Es sind also die Zwänge des Marktes, die das Label ins Internet treiben: Musik von Kompakt wird per MP3 getauscht, aber das Label sieht davon keinen Cent. Kein wirtschaftlich arbeitender Betrieb kann sich das leisten. Außerdem, so Voigt, wachse eine junge Generation nach, die sich "zeitnah, schnell und bequem mit Musik eindecken" will.

Diese Entwicklung passt ihm überhaupt nicht. Voigt spricht von dem "gigantischen Datenaustauschmarkt", der zu einer "ungeheuren Verfügbarkeit" und zur "Reizüberschwemmung" führen werde. Für ihn dagegen ist Musik ein Kulturprodukt; ihm gefällt der Gedanke, eine bestimmte Platte zu kaufen, tagelang zu hören und sich auch am Cover zu freuen. Schnell kopierte Daten auf tragbaren MP3-Spielern bieten für ihn eben nicht dasselbe Hörerlebnis, auch wenn es eigentlich die gleiche Musik ist.

Auch im Internet will Voigt deshalb, angetrieben von dieser Überzeugung, wenigstens die Idee von Alben, EPs und Singles erhalten: "Wir glauben, dass

wir dem Künstler, der ein Album gemacht hat, eher gerecht werden, indem wir sein Werk als Ganzes und nicht nur eine beliebige Summe von Tracks ins Netz stellen." Natürlich wird man einzelne Lieder runterladen können, sagt Voigt, billiger wird aber die Zusammenstellung im Sinne des Künstlers sein. Das ist nicht nur Marketingstrategie, sondern auch Pädagogik: Der Kunde soll das Werk in seiner Gesamtheit begreifen.

Außerdem sollen auch vergriffene Alben, deren Neuauflage sich nicht lohnen würde, angeboten werden. Und irgendwann sollen einzelne Songs exklusiv als Download verkauft werden. Auch wenn er also mit der Zeit gehen muss, betont Voigt: "Für uns bleibt Vinyl das Königsformat der Tonträger."

Anderswo sieht man euphorischer in die digitale Zukunft. Bei Finetunes in Hamburg etwa. In dem erst in diesem Frühjahr gestarteten Downloadshop wird die Alternative zu Apples iTunes entwickelt und betreut. Denn Finetunes bietet eine Internet-Plattform für kleinste Musikfirmen an: Sie können dort ihre Produkte anbieten und selbst bestimmen, in welchen Formaten, zu welchem Preis und mit welchen Nutzungsmöglichkeiten die Songs zum Herunterladen bereitgestellt werden. Auf der Popkomm in Berlin war das Interesse an dem Angebot groß.

Aber auch in Großbritannien blickt man gelassener in die Zukunft. Der vom Label Warp gegründete Onlineshop Bleep floriert und gilt Kompakt und Finetunes als Vorbild. Vor allem exklusive Angebote, die es nicht oder nicht mehr auf CD oder Schallplatte zu kaufen gibt, sind sehr erfolgreich. Positiv überrascht ist man auch von der Nachfrage außerhalb Europas: Dorthin können nun auch kleine Labels und Musiker, für die sich kein weltweiter Vertrieb findet, ihre Musik verkaufen. Ein großer Teil geht in die USA, aber auch Downloads aus Tansania, Ägypten und Vietnam wurden verzeichnet. Es sind Länder, in denen Import-CDs unbezahlbar teuer sind - falls man sie überhaupt bekommen würde.

Einer solchen Begeisterung versperrt sich Voigt noch, auch wenn der eigene Shop schon in wenigen Wochen mit dem Verkauf beginnen wird. Wenn er, das Urgestein der Kölner Techno-Szene, über die Pläne für Kompakt spricht, blickt er ernst aus dem Fenster. Aus fast jedem seiner Sätze spricht Enttäuschung darüber, dass Musik als sinnliches Erlebnis aus seiner Perspektive an Stellenwert verliere. Und das Wissen, dass es für ihn irgendwann einen Punkt geben könnte, an dem die Idee des kleinen Kölner Labels, für das Musik mehr ist als nur Hintergrundbeschallung, überholt sein könnte.

Einen Kompakt-Klingelton? Nein, den wird es niemals geben.

Neues von Kompakt: Michael Mayer: "Touch"; Diverse: "Pop Ambient 2005"; Misc/Thomas Gwosdz: "Speicher 24" und DJ Koze: "Late Check Out" (ab 13.12.2004); Justus Köhncke: "Doppelleben" (ab 31.1.2005); www.kompakt-net.de.


KulturSPIEGEL 12/2004
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KulturSPIEGEL 12/2004

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