Von LINDEMANN, THOMAS
Der letzte Gottesdienst war der traurigste. Auch Marianne Birthler, Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde, saß auf einer der Kirchenbänke. Denn sie hatte in der Elias-Kirche im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg einst ihre Ausbildung zur Katechetin gemacht, einer Art Religionslehrerin. Damals, im Januar 2001, kam sie als Ehrengast. Es war kalt in dem großen Raum: Die Heizung funktionierte nicht richtig, für die Renovierung der Backsteinkirche fehlten 400000 Euro. "Wir sind nicht nur Bewahrer und Hüter alter Dinge", entschied Pfarrer Heinz-Otto Seidenschnur, 55.
"Entwidmung" heißt in der Kirchensprache das Schicksal, das Gotteshäuser trifft, für deren Erhalt es an Geld und Gläubigen fehlt: Abendmahlskelche und Sakralkunst werden hinausgetragen, und herein kommt die Welt: ein Jugendzentrum oder sogar eine Sparkasse, wie im brandenburgischen Milow. Die Elias-Kirche hat da noch Glück gehabt. Europäische Union, das Land Berlin und mehrere Stiftungen gaben 1,6 Millionen Euro, und der Architekt Klaus Block machte im vergangenen Jahr aus dem Kirchenschiff ein Kindermuseum. Das Licht fällt noch immer durch farbige Glasbausteine herein, und auch die Pfeifen der Orgel erinnern an die alte Bestimmung des Hauses. Doch wo einst auf Holzbänken gebetet wurde, steht nun ein Labyrinth aus Holz. Die in das Kirchenschiff eingezogenen Räume unterteilen sich in Werkstätten, Ausstellungsfläche, Krabbelecke und ein Spiegelkabinett. Von Kindern buntbemalte Stühle stehen im Museumscafé, mit geringelten Beinen oder Symbolen auf der Sitzfläche.
An vier Tagen in der Woche kommen nun Familien und Schulklassen in die Senefelder Straße, Kindergeburtstage werden hier gefeiert. Es geht lauter zu als damals, als das Museum noch eine Kirche war, und voller ist es auch. Im ersten Jahr zählte man fast 40000 Besucher. Kindermuseum heißt: eine Ausstellung zum Anfassen. Die Gäste, die meisten zwischen vier und zehn Jahre alt, sollen Erfahrungen sammeln. Deshalb stehen im Labyrinth duftende Pflanzen oder Kassettenspieler, aus denen Kinderstimmen tönen, die von Kunsterlebnissen berichten. "Das Wort basteln mögen wir nicht so gern", sagt die Pädagogin Karen Hoffmann, 45, die mit Marie Lorbeer, 54, das Museum leitet. "Die Kinder fertigen unter Anleitung von Künstlern etwas an, zurzeit Paradiesvögel." Manche Gruppen bleiben eine Woche lang und schaffen große Werke: Eine 24 Meter lange Pappschlange windet sich um das Labyrinth.
Das Konzept stammt aus den USA, und deswegen nennen sich die Betreuer, die an jeder Station stehen, Animateure. Und wie kommt die Gemeinde mit der neuen Bestimmung ihrer Kirche zurecht? "Wir haben mit unserer Entscheidung den Eindruck widerlegt, dass mit der Kirche alles bergab geht", sagt Seidenschnur. Ein Kindermuseum ist vielen Gläubigen lieber als ein Autohaus oder Supermarkt - es gibt Kirchen, vor allem im Osten, die solche Möglichkeiten tatsächlich diskutieren.
Der Vertrag für das Museum in der Elias-Kirche ist befristet. Allerdings: auf 75 Jahre. Erbpacht, also unkündbar. Die Gemeinde zog in das 200 Meter entfernt gelegene Gemeindehaus und hält im renovierten Kuppelsaal den Gottesdienst ab. Doch mit seiner Kirche ist Seidenschnur noch immer verbunden: Bei der derzeitigen Ausstellung "Auf der Suche nach dem Paradies" fungierte er als Berater. THOMAS LINDEMANN
KulturSPIEGEL 1/2005
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