27.12.2004

Alles auf Anfang 10 Mit Dauerwelle und wuchtiger Stimme begeisterte Maria Theresa Ullrich als Rocksängerin. Dann entdeckte sie Rossini und landete in der Oper.

Was junge Mädchen so werden wollen, wenn sie noch nicht wissen, wie fintenreich der Lebenshase läuft, stellte sich auch Maria Theresa Ullrich als Schülerin für ihre Berufswahl vor: Schauspielerin oder, weil die portugiesische Mama ihr absolut nicht verhandelbares Veto einlegte, wenigstens Tierärztin. Eines allerdings stand nicht zur Debatte: Obwohl sie immer "gern gesungen" hat, fand Maria Theresa "Opern furchtbar".
Heute ist Ullrich, 33, eine vielversprechende, oft gelobte Mezzosopranistin an Deutschlands wohl bestem Opernhaus, der Stuttgarter Staatsoper. Am 22. Januar hat sie als Emilia in Verdis "Otello" unter der Regie von Martin Kusej Premiere.
Die wundersame und langwierige Wandlung von der Opern-Abstinentin zum aufstrebenden Bühnenstar hat mit Lagerfeuern, Pfadfindern und Reinhard Mey zu tun. In der Schule in Bonn-Bad Godesberg hat Maria Theresa Ullrich begonnen, auf der Gitarre zu zupfen. Rock, Folk und eben die Sehnsuchts- und Weltverbessererschnulzen von Reinhard Mey. Bei einer Pfadfindergruppe sorgte der Teenager am prasselnden Feuer bei den Exkursionen für Stimmung.
Doch dann suchte die Schulband am Godesberger Amos-Comenius-Gymnasium eine Sängerin. Public Relations hatte sich die Gruppe selbstbewusst getauft, die natürlich den Ehrgeiz hatte, Texte und Melodien selbst zu fabrizieren. Maria Theresa war als neue Leadsängerin selbstverständlich erste Wahl. Die Frontfrau, die sich noch heute für ihre damalige Dauerwelle geniert, steuerte "peinliche Texte" bei, die ihr nachträglich beinahe noch mehr missfallen als ihr damaliger, gemäßigter Afrolook. Immerhin führte das Engagement bei Public Relations erstens zu professionellem Gesangsunterricht und des Weiteren zu Verbindungen zu anderen Bands - Funk und Rock -, mit denen Ullrich durchs Rheinland tourte.
Nach dem Abitur studierte sie vergleichende Literaturwissenschaften und Romanistik. Nebenbei begann sie, sich für das deutsche Kunstlied zu erwärmen, für Schubert, Schumann, Wolf und Brahms. Ihr gefielen die Texte, und sie wollte wissen, "ob ich auch diese Geräusche machen kann". Die wundervollen Geräusche, die langen Gesangsbögen und feinsinnigen Stimmungsnuancen, mit denen Ullrichs Vorbilder Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig oder Gérard Souzay die Kunst des Kostbar-Kleinen perfektionierten.
Ein einjähriges Stipendium in Lissabon brachte dann für Ullrich, die ihre Freunde Gigi nennen, endgültig die Wende vom Rock zu Rossini. In der Heimat ihrer Mutter merkte sie, "dass mir die Musik fehlte".
Zu Hause nahm sie wieder Gesangsunterricht, vernachlässigte ihr Studium mehr und mehr, und wurde schließlich von ihrer Lehrerin dazu ermuntert, an einem Gesangswettbewerb teilzunehmen, um Erfahrung mit Publikum zu bekommen. Dabei wurde sie 1998 gleich für die Stuttgarter Oper engagiert.
Inzwischen ist die Sängerin längst ein Publikumsliebling. Aber manchmal muss sie immer noch ausbrechen aus ihren Mozart-, Wagner- oder Tschaikowski-Rollen. Dann gibt sie sich mit einem Gitarristen den süffig-weichen Klängen des Bossa nova hin. Und ist glücklich. JOACHIM KRONSBEIN
Otello. Staatsoper Stuttgart. Premiere am 22.1., Tel. 0711/20 20 90.
Von JOACHIM KRONSBEIN

KulturSPIEGEL 1/2005
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