28.02.2005

„Ist die tot, Mami?“

Der Disney-Chefzeichner Andreas Deja, 47, über das Phänomen „Bambi“, Tränen im Kino - und „Bambi 2“
KulturSPIEGEL: Herr Deja, mehr als 60 Jahre lang galt "Bambi" als unwiederholbares Meisterwerk. Im kommenden Jahr nun soll "Bambi 2" in die Kinos kommen. Was ist passiert?
Andreas Deja: Man war sich bei Disney immer bewusst, dass die Figuren den Kindern sehr nahe sind und dass sie deshalb einfach mehr über Bambi wissen wollten. Lange konnte man sich allerdings keinen zweiten Teil vorstellen. Bis jemand vorschlug, eine Geschichte aus dem Mittelteil des Films zu entwickeln.
Der beginnt, als Bambis Mutter stirbt?
Ja. Wenn man genau aufs Bild schaut, sagt der Vater seinem Sohn Bambi an dieser Stelle auch etwas. Aber Walt Disney entschied dann: "Ich will nicht, dass der Vater irgendetwas sagt. Die Szene funktioniert auch ohne Sprache." So gehen die beiden einfach nur zurück in den Wald.
Und auf einmal ist es Frühling.
Ja, und man fragt sich: Was passiert da zwischen Vater und Sohn? Was hätte da sein können?
Der zweite Teil ist eine Vater-Sohn-Geschichte?
Ja, die einen sehr schönen Bogen hat, weil der Vater sich verändert. Es geht darum, dass Bambi lernt, sich zu behaupten. Man könnte den zweiten Teil in den ersten reinschneiden, es ist eine Art Ausschnittsvergrößerung.
Was ist denn aus dem alten Film hinübergerettet worden in den zweiten Teil?
Der Stil, die Stimmung, auch das Licht, das durch die Bäume gefiltert in den Wald fällt - das musste alles passen.
Hat sich Bambi verändert in den 60 Jahren? Werden die Fans ihn wiedererkennen?
Absolut. Das Publikum hat sich natürlich verändert, Kinder wachsen heute mit Videogames auf. Also sind die Dialoge ein bisschen komplexer. Und wir mussten neue Gesichtsausdrücke hinzuzeichnen, weil es Situationen gibt, die 1942 gar nicht denkbar waren. Die Kinder werden den Unterschied zum alten Film jedoch nicht bemerken. Bambi musste sich verändern, um der Gleiche zu bleiben.
Wann haben Sie "Bambi" zum ersten Mal gesehen?
Ich war schon älter, 14, 15 vielleicht. Ich bin in Dinslaken aufgewachsen, und der Film lief damals in Wesel, einer Nachbarstadt. Da habe ich den Zug genommen und bin allein nach Wesel gefahren, zur Nachmittagsvorstellung.
Und waren gleich fasziniert?
Ja, total. Allein schon die Anfangsszene, die im Wald spielt: Wie kann man so etwas grafisch machen? Wie ist so etwas überhaupt möglich? Ich war fasziniert von der Ästhetik: Wie herrlich das aussah! Und ich wollte wissen: Wer macht so etwas?
Wie oft haben Sie "Bambi" seither gesehen?
Bestimmt schon hundertmal. Das Tolle war, dass ich später, als ich zu Disney ging, mit all den Leuten sprechen konnte, die den Film hergestellt haben, die lebten ja zum Teil noch. Mit Eric Larson zum Beispiel, der mich 1980 angeheuert hat und der damals für "Bambi" die Eule gezeichnet hat.
Ihr Lieblings-Disney-Film war ja lange das "Dschungelbuch". Ist das so geblieben?
Eigentlich ja. Aber mir gefällt "Bambi" fast genauso gut; die Story ist in beiden Filmen sehr einfach. Es gibt keine strenge Story-Struktur. Als Zeichner kann man so die Figuren besser ausarbeiten.
Die einfache "Bambi"-Story ist: Ein Rehkitz muss erwachsen werden?
Einer der Chefzeichner von damals hat mir mal gesagt, es sei eigentlich die Geschichte von Kindern, die zusammen aufwachsen - nur dass die Kinder von Tieren dargestellt werden. Eine ganz legere Geschichte also, in der die Kinder allerdings auch die Tragik des Lebens kennen lernen. Wahrscheinlich war "Bambi" deswegen Walt Disneys Lieblingsfilm. Und natürlich ist es eine Geschichte vom Erwachsenwerden.
Verstehen Sie "Bambi" also als einen Film über Kinder für Kinder?
Nein. Walt Disney sagte: "I make films for the child in everybody", wir machen Filme für alle. Wenn man sich bei einem Film wie "Bambi" zum Beispiel mal die impressionistischen Hintergründe anschaut: Das sind Meisterwerke! Es ist unglaublich, was die Zeichner konnten. Für Kinder allein hätte es gar nicht so gut sein müssen.
Die Hintergründe wurden von einem Zeichner entworfen, der aus China stammte. Er wollte "Gefühl" statt "Realismus".
Das war bahnbrechend. Vorher hatte man Wasserfarben verwendet. Bambi wurde hauptsächlich mit Öl gemalt. Es ging darum, eher locker den Eindruck einer Szene zu geben, als penibel jedes Blatt und jeden Ast zu malen. Walt Disney fand das gut. Man hat damals versucht, für jeden Film einen eigenen Stil zu finden.
Verkauft worden ist "Bambi" damals, 1942, als "A Great Love Story".
Das waren die Leute von der Marktforschung. Die haben herausgefunden, dass die Leute von Disney Liebesgeschichten erwarten. "Schneewittchen" war bis dahin der größte Erfolg des Studios; wahrscheinlich war ihnen das Risiko zu groß, "Bambi" als Naturfilm anzukündigen.
Warum hat's am Anfang an den Kinokassen nicht so richtig funktioniert?
Ich glaube, weil es mitten im Zweiten Weltkrieg war. Der Film ist traurig, er ist sehr viel ernster als "Schneewittchen und die sieben Zwerge" oder "Dumbo". Die Leute wollten eher aufgeheitert werden.
Was war Disneys Konzept?
Er war jemand, der bei jedem Film ein Risiko eingegangen ist. Disney wollte die Tierfiguren sehr natürlich haben, ein bestimmter Grad an Realismus musste drin sein. Er wusste nicht, ob seine Zeichner das schon konnten. Wenn man sich die Rehe in "Schneewittchen" aus dem Jahr 1937 anschaut, dann sehen die so vereinfacht aus, so cartoonmäßig, die Körper sind wie Mehlsäcke. Disney wusste, dass er dieses Niveau bei "Bambi" nicht bringen konnte. Also hat er seine vier Top-Zeichner eingesetzt. Sie belegten Anatomieklassen, nahmen Rehkadaver auseinander, sahen sich die Muskelstruktur an. Allein die Animationsarbeit hat dann zweieinhalb Jahre gedauert.
Hat Disney sich sehr eingemischt?
O ja. Es gibt in dem Film einen Spruch, die Mutter sagt zu Bambi: "Man is in the forest." Das blieb bei den Zeichnern kleben. Jedes Mal, wenn Walt Disney mit seinem Raucherhusten in den Hallen war, hieß es: "Man is in the forest."
Wie hat sich Bambi verändert von den ersten Skizzen bis zum Film?
Meist so, dass man ganz realistisch anfängt und dann reduziert. Man sucht ein Reh, dem man abnimmt, dass es sprechen kann. Einer der Zeichner hatte ein Buch mit Fotos von Kleinkindern, und er hat versucht, die Gesichtsausdrücke auf einen Rehkopf zu übertragen. Die Frage ist: Wenn ein Reh sitzen könnte wie ein Mensch - wie könnte das aussehen? So dass es trotzdem noch logisch ist, plausibel.
Jemand hat mal gesagt, Disneys Zeichner hätten sich der Bambi-Figur genähert wie Leonardo dem Menschen.
Für mich sind die Bilder tatsächlich so gut wie die von da Vinci oder Michelangelo. Wie die Disney-Leute das aufgefasst haben! Die wussten so viel über das Reh und über die Ausdruckskraft eines Rehs wie niemand sonst auf der Welt. Ich finde es auch faszinierend, wie die jedem Kaninchen eine andere Pose gegeben haben; es ist so viel Gefühl und Liebe darin. Zum Beispiel beim Dialog. Der Klopfer hat ja diese dicken Backen, und es ist ganz wichtig, dass die Backen einbezogen werden. Wenn er den Mund aufmacht und "A" sagt, dann gehen die Backen runter, und bei einem "M" geht das Ganze wieder nach oben.
"Bambi" wurde digital nachbearbeitet und erscheint nun zum ersten Mal auf DVD. Welche handwerklichen Details kann man denn dank der DVD-Technik entdecken?
Zum Beispiel das, was wir "counter movement" nennen: Der Kopf einer Figur geht runter, die Ohren gehen hoch. Wenn's nämlich nicht da wäre, dann würde es steif aussehen. Und natürlich "squash and stretch", das Zusammenquetschen und Auseinanderziehen eines Körpers, die Flexibilität. Sogar wenn die Eule losfliegt, geht sie runter und dann erst hoch.
Die Tiere, heißt es, sollten "Persönlichkeit" haben. Was bedeutet das?
Sie sollten Charaktere sein, die glaubwürdig sind, mit denen man einen halben Abend verbringen möchte.
Welche Details sind es, die einer Figur Persönlichkeit geben?
Persönlichkeit hat eine Figur in dem Moment, in dem man sie denken sieht. Wo man nicht nur eine Bewegung hat, sondern eine motivierte Bewegung. Zum Beispiel jene Szene, in der Bambi hingefallen ist und alle Kaninchen drum herum stehen, eine meiner Lieblingsszenen: "Get up, Bambi. Get up, get up!" Und dann diese phantastische Animation: Bambi von hinten, erst mal ein Bein, dann das Gewicht rüber auf das andere Bein, und dann kriegt er sein Gewicht wieder und geht langsam nach vorne. Und das alles im Takt der Musik, zu jeder Bewegung eine Note. Wenn Bewegung und Musik so zusammenpassen, entsteht Poesie.
Wie kriegt man das hin, über eine gezeichnete Figur Rührung zu erzeugen?
Also das, was Walt Disney "pathos" nannte, das war das große Wort: ehrliche Gefühle rüberbringen. Man muss Gefühle von innen heraus analysieren - und dann die Figur schauspielern lassen. Es dauert eine Ewigkeit, bis man das lernt. Natürlich kann man Bewegungen so zeichnen, dass sie gut aussehen. Aber um eine Figur zu verstehen, muss man hineinkriechen in ihre Seele. Und plötzlich sagt einem die Figur, was zu machen ist, das geht dann automatisch.
Es geht dabei ja um Nuancen: das minimale Neigen des Kopfes, ein Niederschlagen der Augen.
Das kann aber nur passieren, wenn der Trickfilmzeichner, der ja eigentlich der Schauspieler ist, die Figur voll versteht, ihre Gefühle von innen heraus begreift.
Welche Bedeutung hat "Bambi" innerhalb der amerikanischen Kultur?
Jeder, den ich frage, redet von der Trauer, die er empfand, als Bambis Mutter stirbt. Durch dieses Erlebnis muss jeder irgendwie durch. Das gab es ja im Zeichentrickfilm vorher gar nicht: dass eine Figur, die man kennen lernt, dann stirbt.
Für viele war es das erste Mal, dass sie im Kino geweint haben.
Ich habe bisher bei jeder Kinovorführung ein Kind im Publikum gehabt, das fragte: "Ist die tot, Mami?" Oder, in den USA: "Is she gonna come back?"
Macht es die Größe von Bambi aus, dass man den Tod der Mutter nicht sieht?
Vielleicht. Das war Disneys Entscheidung. Es gab auch Story-Skizzen, wo man den Schatten eines Mannes sieht und ein Gewehr.
Und wer hat Bambi getötet?
Wir haben die Frage aufgegriffen, viele Jahre später, in "Roger Rabbit". Wenn man genau hinhört, dann gibt es jemanden, der über den Bösewicht sagt: "He's the one who killed Bambi's mother."
Stimmt es, dass damals der Schnee gemacht wurde, indem man Cornflakes in die Luft warf und das Ganze in Zeitlupe aufnahm?
Ja. Und die Schneeszenen im neuen Film haben sie aus dem alten übernommen. Sie haben sie teilweise etwas weicher gemacht, aber es sind dieselben Flocken, die 1942 schon fielen.
Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie im Archiv die Originalzeichnungen von damals sehen?
Man fängt an zu zittern. Wenn ich da etwas aus "Bambi" sehe - oder aus dem "Dschungelbuch", diese Wahnsinnsszene, wie der Tiger der Elefantenparade nachschaut -, das ist so akkurat, diese vielen Streifen auf seinem Fell, da ist nichts falsch, alles so harmonisch: Da kriege ich eine Gänsehaut. Genial. Die Leute waren vom künstlerischen Niveau wirklich die Weltbesten.
Die DVD "Bambi" erscheint am 3. März bei BuenaVista. Der Film "Bambi 2" wird voraussichtlich 2006 Premiere haben.
Von HAUKE GOOS

KulturSPIEGEL 3/2005
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