25.04.2005

Raus aus der Enge

Als die irische Popsängerin Roisin Murphy genug hatte von ihrem Duo Moloko, floh sie in die Einsamkeit. Zurück kam sie mit einem grandiosen Soloalbum. VON CHRISTOPH DALLACH
Man hätte Roisin Murphy warnen sollen, als sie für ihre erste Solo-Platte einen Produzenten anheuerte, der bei seinen eigenen Auftritten die Mikrofone mit Hamburgern oder Cornflakespackungen malträtiert hatte. Dann wäre sie nicht so verwundert gewesen, als sie am Tag vor dem Aufnahmebeginn eine SMS von Matthew Herbert erhielt. Darin bat er sie, "irgendein Objekt" mit ins Studio zu bringen. Nach langer Grübelei entschied sich die Künstlerin für das Notizbuch, in dem sie seit Jahren Ideen für potentielle Songtexte sammelte.
Als sie damit am nächsten Morgen aufgeregt im Studio erschien, forderte Herbert sie sehr ernst auf, den "schön dicken" Band gegen das Mikrofon zu schlagen, und zwar so lange, bis ihr die Arme schmerzten. "Natürlich fragte ich mich, ob der Typ einen Sprung in der Schüssel hat, aber dann legte ich einfach los", erzählt Murphy. Der Kraftakt hat sich gelohnt, das Krachen des Notizbuches aufs Mikrofon wurde zum tragenden Beat der Nummer "If We're in Love".
Beim Mikrofonverprügeln blieb es nicht: Außerdem sind auf Murphys im Juni erscheinenden Album "Ruby Blue" (Pias) ein Helm, eine Haarspraydose und ein Linoleumfußboden zum Einsatz gekommen. Aber keine Angst: Was gefährlich nach verkopfter Kunst oder schwererträglichem Getöse klingt, ist eine fabelhafte Pop-Platte geworden. Produzent und Sängerin ist es gelungen, all die merkwürdigen Geräusche zu vertrackten, aber einlullenden Songs zusammenzufügen. Die modernen Elektro-Pop-Nummern erinnern mal an furiose Jazz-Klassiker und mal an verträumte Liebeslieder für den nächsten Flug zum Mars.
Dass das Album so exzellent gelungen ist, ist für die irische Sängerin ein besonderer Triumph. "Nach langer erfolgreicher Teamarbeit auch unter geänderten Umständen etwas auf die Reihe zu bekommen tut sehr gut", sagt sie. Denn bekannt geworden ist Murphy, 31, als singende Hälfte des britischen TripHop-Pop-Duos Moloko. Mit ihrem Ex-Partner Mark Brydon hatte sie in Großbritannien Hits wie "Sing It Back" oder "The Time Is Now".
Allerdings waren die beiden auch privat ein Duo, und als die Liebe vor mehr als vier Jahren verbraucht war, wollte es auch mit der Musik nicht mehr so recht
klappen. "Mit Moloko ist es erst mal vorbei. Ob es eines Tages vielleicht doch noch mal weitergeht, weiß ich nicht. Wir haben uns ja nicht gestritten", sagt Murphy.
Trotzdem hat sie das Moloko-Ende nur mühsam verarbeitet. In den letzten Jahren sei sie "sehr einsam und depressiv" gewesen, berichtet sie. "Ich hatte keinen Freund und wollte keine oberflächlichen Beziehungen und Bekanntschaften. Also habe ich sehr viel allein geraucht, allein getrunken und allein musiziert. Eine oft schlimme Zeit, aber immerhin sehr produktiv."
Zugesetzt haben dürfte ihr auch, dass ihre Arbeit über längere Zeit eher gering geschätzt worden war. Denn Moloko galten trotz einiger Achtungserfolge den meisten Kritikern stets als bemühte Langeweiler. Als sie vor knapp zehn Jahren mit ihrem Debüt-Album auftauchten, wurde TripHop gerade als aufregendster Quantensprung im Pop-Geschäft seit Erfindung des Techno gehandelt. In der englischen Hafenstadt Bristol schienen sich dauerbekiffte Abenteurer wie Tricky, Massive Attack oder Portishead ein Wettrennen um nie gehörte Klänge und die Zukunft der Popmusik zu liefern.
Und weil sich deren wild gefeierte Platten so toll verkauften, waren gleich alle großen Plattenfirmen auf der Jagd nach eigenen TripHop-Helden. So dürften auch Moloko zu ihrem Plattenvertrag gekommen sein. Die stammten nicht aus Bristol, sondern aus Sheffield und produzierten elektronische Popmusik, die ganz nett, aber auch oft bemüht und bieder war. Auf vielen hastig zusammengeschusterten TripHop-Samplern waren sie trotzdem vertreten, und auch sonst ging die Rechnung auf, denn ihre Platten verkauften sich anständig. Nur die Geschmackspolizisten aus den Medien zickten und verwehrten den ersehnten Respekt.
Es ist ein Affront, der Murphy bis heute schmerzt. Dabei hat die Zeit ihr Recht gegeben: Die Sängerin hat all die TripHop-Genies künstlerisch überlebt. Denn die sporadisch erscheinenden Alben von Tricky und Massive Attack sind kaum noch eine Erwähnung wert, meist hören sie sich an wie schlechte Kopien ihrer Erfolge. Portishead haben sich offenbar in den Vorruhestand verabschiedet. Und was wurde aus TripHop? Nach einer kurzen kreativen Hochphase fanden die gebremsten Rhythmen Eingang in die Trailer durchschnittlicher TV-Sendungen - die unspektakuläre Auflösung im Mainstream.
Kein Wunder, dass Murphy deshalb auch einsilbig wird, wenn es darum geht, ihre aktuelle Musik in irgendein Genre einzuordnen: "Musiker denken nicht in solchen Kategorien, das tun nur Journalisten."
Eigentlich wollte sie ohnehin Malerin werden oder Fotografin, sagt sie. In Arklow, einer Fischereikleinstadt südlich von Dublin, wo die "kleine Rose", was ihr Vorname im Gälischen bedeutet, aufgewachsen ist, galt sie in der Schule als großes Maltalent. Aufgewachsen ist sie dort zwar in allerliebster irischer Bilderbuch-Harmonie, behütet von großherzigen Verwandten, die gern mal ein Volkslied schmetterten, aber trotzdem wollte sie da "immer nur weg, weil es einfach zu eng war". Als Teenager ist sie dann in Manchester und schließlich in Sheffield gelandet, wo sie Pop, Clubs und Techno entdeckte. "Von DJs bin ich musikalisch erzogen worden." Und der Tanz- und Ausgehkultur hat sie auch einiges zu verdanken. Immerhin traf sie ihren Moloko-Partner Mark Brydon auf einer Party in Sheffield, wo sie ihn der Legende nach fragte: "Do you like my tight sweater?", was dann der Titel ihres Debüt-Albums wurde.
Ende der Neunziger, als Moloko eigentlich endgültig abgemeldet schienen, frisierte der Hamburger DJ Boris Dlugosch ihre Nummer "Sing It Back" ganz überraschend zum rasanten Partyhit, was dem Duo zum ersten Mal viel Respekt und Aufmerksamkeit verschaffte. Heute beharrt Murphy zwar darauf, dass ihr die Moloko-Version immer noch besser gefällt; aber wahrscheinlich war das der Moment, in dem sie es doch noch ins Gewinner-Lager schaffte. So wurde sie kurz darauf von den amerikanischen HipHop-Spaßintellektuellen Prince Paul und Dan The Automator eingeladen, bei einem Song ihres Projektes Handsome Boy Modeling School mitzumachen. Neben Gästen wie Mike D von den Beastie Boys und Krachgroßmeister Alec Empire glänzte sie auf deren erstem Album mit der tollen Nummer "The Truth", eine Art Ritterschlag der coolen Garde.
Das sei ihr aber alles egal, beharrt sie. Mit der Tanzmusik sei sie fertig. Die Clubs seien eben langweilig geworden, die DJs einfallslos. "Es hat sich zu lange nichts verändert. Jeder noch so tolle Sex wird auf Dauer auch langweilig, wenn man nichts variiert, oder?", sagt sie. Aber vielleicht wird man für den fröhlichen Wahnsinn der Club-Kultur irgendwann einfach zu alt? "Kann auch gut sein", räumt sie ein und berichtet, dass sie mit ihrem neuen Freund möglichst schnell eine Familie gründen will. Am liebsten in Irland, wo sie schon nach einem Haus im Grünen sucht.
Es ist das angemessene Gegenprogramm zur Arbeit mit dem exzentrischen Produzenten Matthew Herbert. Denn im Sommer will sie mit ihm auf Tournee gehen. Mag Herbert sein Mikrofon auf der Bühne mit Cornflakes oder Hamburgern füttern - sie selbst werde man nicht beim Misshandeln ihres Mikrofons beobachten können. "Ich bin schüchtern und nicht irre!", sagt Murphy. Zum Beweis haut sie mit einer CD auf die Tischplatte.
Vinyl-Maxis "Sequins 1-3"; Album "Ruby Blue" ab 13.6.
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 5/2005
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