30.05.2005

Generation Milchkaffee

Ihre Welt ist das Café, das Leben halten sie für eine Zumutung. Junge großstädtische Spießer machen es sich im alternativen Abseits gemütlich. VON CLAUDIA VOIGT FOTO: BILLY & HELLS
Es ist Donnerstagmorgen, halb zehn, die Bänke vor dem Café "Transmontana" im Hamburger Schanzenviertel liegen im Schatten. Die Sonne scheint auf die Rote Flora gegenüber, an deren abgeblätterter und immer wieder übermalter Fassade steht in diesen Tagen: "Früher gab es keine Täter, heute gibt es nur noch Opfer." Doch der Kommentar der Rot-Floristen zum 8. Mai ist nicht mehr als ein Spruch an einer Wand, an dem die Passanten achtlos vorübergehen. Hier hat schon so vieles gestanden.
Einst war die Flora das Zentrum des Widerstandes gegen alles Bürgerliche. Der Musical-Unternehmer Friedrich Kurz wollte in dem heruntergekommenen Gründerzeitbau 1989 "Das Phantom der Oper" zur Aufführung bringen. In einem Stadtteil, in dem vor allem viele Studenten und Ausländer wohnten, sollten Abend für Abend 2000 Musical-Besucher einziehen, die für zwei Karten so viel ausgegeben hätten, wie hier damals ein WG-Zimmer kostete.
Die Flora wurde von Leuten aus dem Viertel besetzt, Kurz baute lieber in Altona. Über Jahre hinweg gab es immer wieder Kämpfe zwischen den Besetzern und der Stadt, währenddessen entstand in der Flora aus der Illegalität heraus eine "Volxküche", ein Garten für alle wurde angelegt; heute gibt es Konzerte und einen Frauenchor.
Weil auch Besetzer mal einen Kaffee trinken wollen, war das kleine portugiesische Café "Transmontana" auf der anderen Straßenseite am richtigen Platz. Man kann sagen, das "Transmontana" ist die Urzelle des Schanzenviertels, jenes "bunten, lebendigen Fleckens mitten in Hamburg", wie es mittlerweile in Reiseführern gepriesen wird. Eines Viertels, das 16 Jahre nach Kurz nicht spießbürgerlicher sein könnte.
Ich bestelle "einen Kaffee, bitte", der Mann am Tresen neben mir sagt: "einen Galão, bitte". Er schaut mich demonstrativ von der Seite an. Und mir wird klar, dass ich mich gerade verraten habe. Als Schickimicki-Tusse, die hier eine kurze Auszeit von ihrem Leben im drei Kilometer entfernten Besserverdienenden-Viertel nehmen will.
An den Biertischen vor dem Café sitzen um diese Zeit eine Frau, die eifrig in ein Ringbuch schreibt, ein paar Zeitungsleser ("Bild" und "Süddeutsche Zeitung"), eine weitere Frau, die für alle gut hörbar am Handy mit Hasi telefoniert, der gerade in München in den Zug gestiegen ist und sich nun nicht entscheiden kann, ob er sein Beck's abends lieber beim Grillen am Elbstrand oder in einer Bar im Schanzenviertel trinken will. Zwei junge Mädchen diskutieren Beziehungsprobleme, das Pärchen drei Tische weiter scheint solche Sorgen überhaupt nicht zu kennen.
Alle trinken den gleichen Kaffee, den gleichen Galão, ein Euro sechzig. Alle tragen entweder Kapuzenshirts, Trainingsjacken oder khakigrüne Armeejacken, alle haben irgendwie sorgsam verwuschelte Haare, alle sehen so aus, als wenn sie sich um ihr Äußeres nun wirklich überhaupt keine Gedanken machen würden. Alle bis auf mich. Ich trage einen Samtblazer mit Strassbrosche, und die Brosche, ich gebe es lieber gleich zu, ist von Prada.
"In diesem Sommer sind hochgekrempelte Jeans wichtig, T-Shirts mit Druck auf der Rückseite, aber Hamburg-T-Shirts gehen überhaupt nicht mehr! Dann immer noch Trainingswear und Leggings mit Röcken", sagt Sabine. Sabine heißt eigentlich anders, aber weil eine Freundin von ihr mal "richtig Ärger" bekommen hat, nachdem sie sich für eine Anzeige mit ihren schulterlangen Rastalocken fotografieren ließ, will Sabine nicht riskieren, dabei ertappt zu werden, wie sie sich mit den Medien einlässt.
Ihre blondgesträhnten Haare hat sie scheinbar nachlässig zurückgebunden, im rechten Nasenflügel trägt sie einen kleinen Silberring, um ihren linken Arm windet sich ein Tattoo.
Seit über zehn Jahren lebt die 31-Jährige im Schanzenviertel, und sie mag es hier, aber manchmal am Samstagnachmittag vermeidet Sabine es, am "Transmontana" und seinen vielen Nachbarcafés vorbeizugehen, weil sie keine Lust hat, auf dem so- genannten Galão-Strich "eingescannt" zu werden.
Denn in dem Viertel, in dem mal für geistige und gesellschaftliche Unabhängigkeit gekämpft wurde, herrscht mittlerweile ein uniformer Kleidungszwang. Die Ironie daran ist, dass diese Uniform genau das Gegenteil demonstrieren will, nämlich Individualität. Da werden Anzugträger noch immer als der Inbegriff von Angepasstsein betrachtet und Jeans und Boots und große Sonnenbrillen und etwas zu lange, ungekämmte Haare als Ausdruck von kreativem Anderssein. Kann es sein, dass hier nicht nur der Look, sondern auch die revolutionären Gesten aus den sechziger Jahren stammen? Doch bei dieser Generation Milchkaffee, das ist der feine Unterschied, sollen die richtigen Klamotten heute die richtigen Haltungen von damals ersetzen.
Man begegnet dieser Szene, die sich die Zeit bis zum Erwachsensein vor allem mit Kaffeetrinken vertreibt, genauso auch in Berlin-Friedrichshain oder im Münchner Glockenbachviertel. Und ihre Erkennungszeichen haben sich in den vergangenen Jahren nur marginal verschoben.
Gut, in diesem Sommer müssen es Gürtel mit besonders großen Schnallen sein, aber seit Ende der neunziger Jahre, als die ersten Start-up-Unternehmen ihre Büros im Schanzenviertel eröffneten, laufen die Leute hier in tiefsitzenden Khakihosen und in Adidasjacken herum - lässig gerüstet für das Schattengefecht gegen die alte Bürgerlichkeit.
Als die meisten Internet-Großverdiener, darunter der Börsenstar Kabel New Media, wenige Jahre später sehr schnell sehr pleite gingen, war das ihrem Äußeren nicht anzusehen. Im Gegenteil: Verbissen wird an der Individualuniform von damals festgehalten, als könnte so das Gefühl des progressiven Andersseins konserviert werden. Nur der iPod ist als notwendiges Accessoire neu hinzugekommen.
Die Sonne hat an diesem Donnerstagvormittag nun auch die Café-Seite des Schulterblatts erreicht, den Boulevard der Eitelkeiten in diesem Viertel. Auf einem langen Anhängerwagen baut ein Gemüsehändler seinen Stand mit Biowaren auf. Die Dichte der Bioläden ist überhaupt erstaunlich. Genau wie bei den Jeansmarken scheinen die Schanzen-Bewohner auch bei Milch und Paprika wählerisch zu sein. Und sie lassen sich die Qualität einiges kosten. Der Preis für eine Jeans von Herrlicher (eine dort angesagte Marke) zum Beispiel liegt bei 90 Euro, das Kilo Paprika kostet vier Euro.
Das ist erstaunlich und nur mit einer Lebenseinstellung zu erklären, nicht mit den realen finanziellen Verhältnissen. Denn es gibt hier viele Leute, "die nicht aus dem Quark kommen", wie Sabine sagt. Gemeint sind die Grafikdesigner, Webdesigner, Fotografen und die vielen anderen sogenannten Kreativen, die sich bis zum Zusammenbruch der New Economy als coole Elite fühlen durften. Und die sich heute mit zwei bis drei Jobs gleichzeitig über Wasser halten oder als Arbeits- und Praktikumsnomaden das mobile Büro in umgehängten Taschen tragen. Aus der privaten Wirtschaftskrise haben sie eine Lebensphilosophie gemacht: Frei sein, tun, was Spaß macht und nachmittags die Freunde im Café treffen.
Die Entscheidung für die teure Paprika, für die teure Hose ist daher immer auch eine, die ein kleines bisschen weh tut, und die deshalb umso bewusster getroffen wird. Der Gegenwert ist vor allem das Gefühl, zu dieser Generation Milchkaffee dazuzugehören, also gerade nicht anders zu sein als der Schwarm, mit dem man mitschwimmt - aber eben doch ganz anders als alle anderen Schwärme.
Warum macht dieses Gefühl so glücklich? Peter Wippermann vom Hamburger Trendbüro behauptet, dass der gleichzeitige Wunsch nach Individualisierung und Nestwärme unser Handeln bestimmt, und wir deshalb Anschluss suchen an besonders individuell erscheinende Gruppen.
Zwei junge Inhaber einer Presseagentur sagen, die Atmosphäre im Schanzenviertel sei einfach so familiär, deshalb hätten sie ihr Büro hier eröffnet. Die beiden verbringen ihre Mittagspause beim Griechen "Olympisches Feuer", am Nebentisch sitzen vier Verkäufer von Hennes & Mauritz, die extra aus der Innenstadt rübergekommen sind, "um mal ein bisschen zu entspannen".
Dass mittlerweile so viele "Schmarotzer" kämen, sei ein Problem, sagt der PR-Mann. "Manchmal sieht man Frauen mit Prada-Taschen durchs Viertel spazieren, das ist natürlich das Letzte." Über meine glitzernde Brosche sieht er dabei milde hinweg.
Rüdiger Dohrendorf passt auch nicht so recht ins Bild dieses Stadtteils. Er trägt ein Kurzarmhemd und Sandalen mit Socken, und er scheint immer zu lächeln, auch wenn er aufmerksam zuhört. Dohrendorf ist Pressesprecher der STEG, der Hamburger Stadtentwicklungsgesellschaft in der Schanze. Seit vielen Jahren versucht die STEG das Viertel zu stabilisieren, mit Hilfe von Investoren saniert sie Wohnraum und versucht die Wohnungen zu halbwegs fairen Preisen zu vermieten. Man wolle eine "Verslumung" genauso verhindern wie eine "Yuppiesierung" und bemühe sich, Familien mit Kindern hier zu halten.
Der promovierte Soziologe Dohrendorf kennt das Viertel seit vielen Jahren, und er findet es "zum Schreien komisch", dass in der Schanze heute einer wie der andere aussieht. Aber die Uniformierung stärkt das Wir-Gefühl, als seien alle Bewohner des Viertels eine große Familie. Weil der Kapitalismus-Wind derzeit so scharf weht, kauert man sich eben noch etwas dichter zusammen - im Schutz der selbstgewählten Zweit-Großfamilie aus Freunden und Gleichgesinnten oder in der selbsterschaffenen Erst-Kleinfamilie.
Manche, die früher in der Flora gegen das Establishment gekämpft hätten, sagt Dohrendorf, würden heute einen Buggy durch das Viertel schieben. Für den Geburtenrückgang in Deutschland können die Bewohner der Schanze sicher nicht verantwortlich gemacht werden. Dies ist keine statistisch abgesicherte Aussage, aber überall sieht man Schwangere und antiquierte großrädrige Kinderwagen. Die Selbstverständlichkeit, mit der junge Mütter schwatzend die Eingänge zu Cafés und Geschäften blockieren, hat etwas von dieser Wir-sind-bessere-Menschen-weilwir-Kinder-haben-Haltung, deren Selbstherrlichkeit einen rasend machen kann.
Es ist Nachmittag geworden, die Bierbänke vor dem "Transmontana" sind überfüllt, Sabine schlägt vor, sich um die Ecke in einem anderen Café zu treffen, dort gebe es zwar "grausames Essen", aber wenigstens sei man unbeobachtet. Am Nebentisch sitzt eine Frau um die Fünfzig, vor ihr auf dem Tisch liegt ein Reiseführer von Hamburg. Mir fällt auf, dass ich wenig alte Menschen gesehen habe in den letzten Stunden, nur ein paar ältere Ausländer, die meisten Flaneure sind zwischen zwanzig und vierzig. Ein Obdachloser kommt vorbei, fragt nach Geld, Sabine erwidert: "Nein, ich habe heute schon was gegeben."
Das Viertel habe sich längst dem Konsum gebeugt, sagt sie, die Klamottenläden würden die alteingesessenen Geschäfte verdrängen. Und dann kommen Moderatoren von Viva oder irgendwelche Musiker, kaufen Jeans und T-Shirts mit aufgedruckten Botschaften ein, sind im Fernsehen zu sehen, und immer mehr Leute wollen den Schanzen-Lebensstil kopieren. Gentrification nennt man das. Das Viertel ist zu genau dem geworden, was die Bewohner einst bekämpften. Und die Bewohner haben an diesem Prozess kräftig mitgearbeitet.
Manchmal hat Sabine das einfach satt, für ihre täglichen Erledigungen geht sie dann durch kleine Seitenstraßen, um dem ganzen Rummel zu entkommen.
Aber etwas sei eben immer noch anders hier, man schaue den Obdachlosen in die Augen, auch wenn man nicht jedem von ihnen etwas geben könne.
Die Flora liegt mittlerweile im Schatten. Sie ist nur noch eine Erinnerung daran, dass dieses Viertel eine politische Vergangenheit hat, die heute eben sehr vergangen ist. Die Generation Milchkaffee will, was alle wollen: als Paar, als Familie in einer freundlichen Gegend leben. Wäre da nur nicht diese alberne, anstrengende Pose, man könnte sie verstehen.
Von Claudia Voigt

KulturSPIEGEL 6/2005
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