30.05.2005

Neue Bücher

Belletristik
Peter Hill: "Sternengucker". Aus dem Englischen von Christiane Buchner und Martina Tichy. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin; 320 Seiten; 19,90 Euro.
Peter Hill ist 19 Jahre alt, er trägt die Haare lang und die Jeans zerschlissen. Anfang der Siebziger studiert er an der Kunsthochschule von Dundee, große Pläne hat er nicht. Abends sitzt er mit seinen Freunden im Pub, sie trinken Bier und diskutieren die Themen der Zeit - Watergate, Vietnam, Grateful Dead, Pink Floyd, IRA, RAF. Einer Laune folgend bewirbt sich Hill um einen Job als Leuchtturmwärter. Im Gepäck Gedichtbände und Hendrix-Kassetten, im Kopf Tim und Struppi und Jack Kerouac, taucht er für drei Jahre in eine fremde Welt ein, trifft absonderliche Käuze, die wie aus der Zeit gefallen leben. Hill erzählt seine Geschichte als einen Abenteuerroman, voller Witz und Charme porträtiert er die untergegangene Welt der Leuchtturmwärter. Und wie nebenbei liefert er ein facettenreiches Porträt der siebziger Jahre und eine wunderbare Charakterstudie des Schotten an sich. JÖRG BÖCKEM
Joachim Helfer: "Nicht zu zweit". Suhrkamp, Frankfurt/M.; 176 Seiten; 16,90 Euro.
An den Pas de deux sind die Hebungen das Schwerste. Sie auszuführen verlangt von den Tänzern Klarheit, Koordination und den Mut des Augenblicks. Den Figuren in Joachim Helfers neuen Novellen gelingen sie nicht. Da ist der nicht mehr ganz junge Choreograf, der sich das Verlangen nach seinem Schüler nicht eingestehen will; der alternde Kunsthändler, der hofft, seinen Tadzio an der Côte d'Azur zu finden; der Junge, der umzingelt von familiärer Liebe und Erwartung den Mann in sich sucht. Alle drei würden den Sprung gern wagen, doch stattdessen laufen sie in die Leere. Den Schmerz über dieses Scheitern sieht man ihnen an - bis sie plötzlich begreifen, dass ihre eigentliche Form das Solo ist. Helfer erzählt von den Wendepunkten des Lebens mit jener selten gewordenen Präzision, die das intellektuelle Spiel mit der Sprache liebt und kein einziges Wort dem Zufall überlässt. Dass er dabei die Leichtigkeit nicht verliert, macht die Qualität seines Schreibens aus. SILJA UKENA
Nick Hornby: "A Long Way Down". Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 344 Seiten; 19,90 Euro.
In einer Silvesternacht treffen sich vier Lebensmüde auf dem Dach eines bei Selbstmördern beliebten Hochhauses im Norden von London: Martin, ein ehemaliger Moderator, den eine Affäre mit einer 15-Jährigen ins Gefängnis gebracht hat. Maureen, die einen behinderten Sohn im Wachkoma hat, Jess, ein Teenager, die ihren Vater hasst, und schließlich JJ, ein gescheiterter Musiker. Nick Hornbys fünfter Roman "A Long Way Down" beginnt mit einer guten Pointe, und doch ahnt man rasch, dass sich der englische Autor diesmal etwas viel vorgenommen hat: vier Erzähler, vier Perspektiven, vier Monologe aus dem Innenleben verzweifelter Großstadtseelen, aus einem schweren Thema wollte er ein leichtes Buch machen, erzählt im üblichen Hornby-Plauderton. "A Long Way Down" ist ein verfrühtes melancholisches Spätwerk, so eine Art Protokoll einer komödiantischen Therapiesitzung, niemals zynisch, doch auch niemals wirklich traurig. Niemand der vier wird vom Dach springen, so viel kann man verraten. Schade, dass es überhaupt wenig gibt, was man verraten könnte. LOTHAR GORRIS
Sachbuch
Theodor W. Adorno: "Traumprotokolle". Suhrkamp, Frankfurt/M.; 136 Seiten; 11,80 Euro.
Wenn ein Groß-Intellektueller seine Nachtseiten betrachtet, wird es interessant: So häufig, wie viele Menschen von Prüfungen träumen, phantasierte der geltungsbewusste Frankfurter Sozialphilosoph über Hinrichtungen, manchmal gar die eigene. Und so selbstverständlich er auch im Leben Freudenhäuser betrat, in seinen Träumen wuchsen sie sich zu kafkaesken Labyrinthen aus, wo "Dirnen" oft nur Nebenrollen spielen und die Puffmutter plötzlich, o Schreck, Heidegger dozieren will. Natürlich bestätigt die neue Auswahl, gegenüber der ersten von 1986 stark erweitert, wie sehr ihn Wortwitze freuen; natürlich zieht es ihn auch im Traum zu Adligen und immer neuen Geliebten - und natürlich schweigt sich der Nachwort-Essay von Jan Philipp Reemtsma darüber aus, wer diese Damen "X" oder "L." waren. Dazwischen aber erscheinen vom Engadin über die Frankfurter Trambahn bis zum Beefsteak und zur Tante Agathe so viele erzbürgerliche Requisiten, dass das kleine Welttheater dieses ubiquitären Charakters anschaulicher wird als aus der dicksten Biografie. JOHANNES SALTZWEDEL

KulturSPIEGEL 6/2005
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