DER SPIEGEL



DAS WUNDER VON PADERBORN

DER PHILOSOPH MICHAEL GROSSHEIM ÜBER DAS NEUE BEKENNTNIS ZUR HEIMISCHEN KULTUR

Großheim, 43, ist Professor für Philosophie an der Universität Rostock. Er veröffentlichte zuletzt: "Politischer Existentialismus. Subjektivität zwischen Entfremdung und Engagement" (Mohr Siebeck Verlag, Tübingen).

Die Generation der Vierzigjährigen wundert sich über sich selbst: Wir machen Urlaub im badischen Kaiserstuhl oder an der mecklenburgischen Ostseeküste, an bayerischen Seen oder auf schleswig-holsteinischen Nordseeinseln. Wer ehrlich ist, wird zugeben: Das hätten wir uns vor zehn Jahren nicht gedacht, vor zwanzig Jahren nicht getraut. Deutschland-Urlaub, das war Urlaub mit den Eltern, und die Verlockung lag jenseits des elterlichen Radius, in der Ferne. Inzwischen haben wir alles gesehen und kehren zurück, um das Inland mit neuen Augen zu entdecken. Stehen wir vor einem Ende der kollektiven Extravertiertheit? Wird das Zuhausebleiben in einer Welt unbeschränkter Mobilität zum Ausdruck einer kulturellen Aussteigermentalität?

Die Rückbesinnung auf das Reiseziel Deutschland ist nicht das einzige Phänomen, das auf eine allgemeinere Trendwende zum beschränkten Eigenen hindeutet. Seltsame Töne sind seit einiger Zeit aus der Welt der Vornamen zu hören. Immer häufiger kommt es vor, dass auf den Kinderspielplätzen von heute nicht nach Kevin oder Jacqueline gerufen wird, sondern nach Emil, Anton und Gustav, Mathilde, Luise und Käthe. Während hier die Rückbesinnung auf die eigene Sprache ganz selbständig erfolgt, meint man in anderen Bereichen nicht ohne staatliche Hilfe auskommen zu können. Im Dezember 2004 haben die Fraktionen der SPD und der Grünen einen Antrag im Bundestag eingebracht, der Radiosendern nahe legt, in ihrem Programm Musik deutschsprachiger Künstler mit einem Anteil von etwa 35 Prozent zu berücksichtigen. Nicht als Deutschtümelei solle das verstanden werden, sondern als Förderung einheimischer Künstler, so die Kulturstaatsministerin Christina Weiss.

Was im Musikgeschäft per Quote erreicht werden soll, hat sich im Kino bereits von selbst durchgesetzt: Der deutsche Film hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass er im In- und Ausland kommerziell erfolgreich sein kann. Beobachter meinen, dass Filme wie "Der Untergang", "Good Bye, Lenin!", "Die fetten Jahre sind vorbei", "Das Wunder von Bern" Zuspruch und Anerkennung gerade dadurch finden, dass sie sich intensiv auf deutsche Themen einlassen.

Der Rückgriff auf Identität und Herkunft scheint krisengeschüttelte Branchen kurieren zu können.

Dafür spricht auch der in Zeiten des Niedergangs traditioneller Versandhäuser ungewöhnliche Erfolg des Manufactum-Katalogs, der seinen Kunden nicht nur Produkte verkauft, sondern Geschichten. Denn wer von uns wusste schon, dass in Altreichenau im Bayerischen Wald schlichte Federschalen aus Buchenholz seit einem halben Jahrhundert, ja, nicht hergestellt oder produziert, nein, "gefertigt" werden? Dass die angebotenen Ledergürtel aus einem Betrieb im schleswig-holsteinischen Uetersen stammen, der dort schon seit dem Jahr 1796 ansässig ist, die Maniküre-Instrumente aus Steinbach, einem der alten Schneidwarenzentren im Nordwesten des Thüringer Waldes, die rindsledernen Näh-Etuis seit 1864 in Offenbach produziert werden?

Der Anbieter (der uns jedoch in erster Linie als Autor entgegentritt) bedient ein neues Bedürfnis nach Herkunft, in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht. Ein neues Interesse an Solidität, Langlebigkeit und Gediegenheit von Waren ist erwacht, das sich völlig abseits der "Geiz ist geil"-Mentalität, dem Motor der Globalisierung, auslebt. Heute, da die Globalisierung nach und nach die großen Unternehmensnamen löscht, deren Aura unsere Kindheit mitbestimmte, entwickeln wir Bewunderung für die Beständigkeit der kleinen Überlebenskünstler. Indem wir ihre Produkte kaufen, verschaffen wir uns ein wenig Genugtuung für den Kontinuitätskahlschlag der Globalisierung.

Das "gute Alte" in der Nähe hat wieder Konjunktur, nicht nur in der Warenwelt. Politisch interessierte Kreise könnten sich dadurch veranlasst sehen, Hoffnung zu schöpfen und die kulturelle Tendenzwende auszurufen. Doch haben die beschriebenen Erscheinungen überhaupt etwas mit Politik zu tun?

Es zeichnet sich eine kulturelle Neubesinnung ab, die nicht von traditionellen Nationalismus-Modellen geprägt ist, sondern ihr politisches Potential aus einem kritischen Verhältnis zur Globalisierung holt: Lokalisierung statt Globalisierung. Das Bekenntnis zum Lokalen drückt sich bereits aus, wenn der Student statt zum Universal-T-Shirt mit semantisch nicht entschlüsselbaren Codierungen zu einem Pulli greift, auf dem das Wappen seiner Hochschule Paderborn prangt. Dass ausgerechnet die heutige Massenuniversität noch Identifizierungsbereitschaft mobilisieren kann, hängt mit der wirtschaftlichen Entwicklung zusammen, die nicht nur auf den Stuhlreihen der Hörsäle zusammenrücken lässt. Das Uni-T-Shirt wird zum Zeichen des Protestes gegen die Sparpläne der Ministerien.

Das wirtschaftliche Moment begleitet alle Lokalisierungstendenzen. An manchen Orten bemüht sich die mittelständische Wirtschaft inzwischen (auch mit Hilfe regionaler Währungen als Alternative zum Euro), einen Lokalpatriotismus wiederzubeleben, der das Einkaufen in der Nachbarschaft wieder zu einer gern geübten Selbstverständlichkeit machen soll. Damit zeigt sich aber eine grundsätzliche Spannung, die das neuartige Bedürfnis nach räumlicher und zeitlicher Vergewisserung durchzieht.

Ist die Lokalisierung tatsächlich eine Alternative in der Alternativlosigkeit zur Globalisierung? Liegt darin eine Möglichkeit für den ansonsten ohnmächtigen Einzelnen, die auf höheren Ebenen unaufhaltsam ablaufenden, als schicksalhaft erlebten Prozesse zu unterlaufen? Wenn die Welt sich rasch und nach nicht einsichtigen Regeln verändert, dann käme es darauf an, sich in der unmittelbaren Umgebung Vertrautheitszonen zu schaffen, Reservate der Selbstbestimmung.

Die im Zeitalter des ökonomischen Totalitarismus entscheidende Frage lautet aber: Gibt es ein Jenseits der Ökonomie? Anders gefragt: Gibt es heute noch gesellschaftliche Triebkräfte, die nicht im Letzten auf ein finanzielles Interesse zurückgeführt werden können? Die Antwort ist ernüchternd: Der ökonomischen Funktionalisierung entgeht nichts. Vor allem "Trends" sind - besonders im Zeitalter ihrer professionellen Erforschung zu ökonomischen Zwecken - entweder selbst ökonomische Funktionen oder in solche eingliederbar.

So wurde das von der amerikanischen Trendforscherin Faith Popcorn Ende der achtziger Jahre entdeckte "Cocooning" - das Bedürfnis, sich auf sein näheres Lebensumfeld, die Wohnung, zurückzuziehen und es sich dort gemütlich zu machen - glatt und mühelos in die Marketingkonzepte von Bausparkassen und Möbelfirmen integriert. Auch die gegenwärtig zu beobachtenden neuen Rückzugstendenzen, auf den ersten Blick als kulturelle Phänomene imponierend, geben bei näherer Betrachtung ihre tiefgreifende wirtschaftliche Einbettung zu erkennen.

Die Forderung nach einer Quote für deutschsprachige Populärmusik im Hörfunk etwa soll in erster Linie einer unterentwickelten inländischen Wirtschaftsbranche zu Hilfe kommen. Der Musikmarkt ist schließlich einer der wichtigsten ökonomischen Umverteilungsplätze der Gegenwart (man stelle sich zum Vergleich nur vor, in Deutschland wären 90 Prozent aller Autos Importe aus Japan). Der neue Trend zum Urlaub in Deutschland ist ebenfalls ein vor allem wirtschaftlich relevantes Phänomen; der bisher favorisierte Auslandsurlaub trägt schließlich große Summen von im Inland erwirtschaftetem Geld in andere Märkte. Auch die Freude über den Erfolg deutscher Filme gehört hierher. Wenn der Bundeskanzler bei der Aufführung des "Wunders von Bern" Tränen vergießt, dann träumt er zugleich davon, die in diesem Film dargestellten emotionalen Kräfte in der Gegenwart auferstehen zu sehen: Die Ärmel hochkrempeln und anpacken - der ersehnte gesellschaftliche "Ruck" oder "Aufbruch" könnte durch historischen Anschauungsunterricht befördert werden.

Wenn man Gerhard Schröder noch etwas länger in Ruhe hätte regieren lassen, dann wären uns ohnehin die fünfziger Jahre nachdrücklich als Vorbild empfohlen worden. Denn auch die Geschichte muss man schließlich nüchtern unter dem Aspekt untersuchen, welche Ressourcen hier für die Lösung einer aktuellen Wirtschaftskrise bereitliegen. Kurz, die neueren Entwicklungen führen nicht aus der umfassenden Herrschaft des Ökonomischen heraus, im Gegenteil, sie bestätigen sie nur.

Gerhard Schröder hat sich in der Philosophie noch nicht nach Unterstützung umgesehen. Dabei könnte ihm Hegels Motto gefallen, die Philosophie regiere die Vorstellungen, und diese regierten die Welt. Auf verzweifelte Weise hegelianisierend ist der Einspruch des österreichischen Schriftstellers Robert Menasse gegen die Globalisierung: In seiner "Frankfurter Poetikvorlesung" hat er sich angesichts der Alternativlosigkeit kürzlich zu einem "Plädoyer für die Gewalt" hinreißen lassen, das die Terrorangriffe auf das World Trade Center als letzte "rettende" Antithese zur alles absorbierenden Globalisierung begreift. Dass diese Interpretation das Publikum des Hörsaals nicht bestürzt hat, sondern Applaus hervorrief, lehrt vor allem eines: Die Tat soll an die Stelle der Überlegung treten. Unverantwortliche Rhetorik soll über geistiges Versagen hinwegtäuschen.

Nun ist in der Tat die Möglichkeit des einzelnen Menschen, sich von den Zumutungen des großen Ganzen zu befreien, in den gängigen Theorien auf dem Markt des Geistes nicht gerade stark gemacht worden. Der Existentialismus wandte sich noch an den Einzelnen, der Strukturalismus blickte schon über seinen Kopf hinweg, die Systemtheorie sortierte nur noch Gruppen, und die Diskursanalyse klammerte die Handelnden ganz aus ihren Gleichungen aus. Am Ende steht dann die Überzeugung: Wir können nichts tun.

Dass die "Herrschaft des Apparats" den Selbstgestaltungsraum des Einzelnen aufzusaugen droht, hat der Philosoph Karl Jaspers schon im vergangenen Jahrhundert konstatiert. Denselben Einzelnen ließ Jaspers aber immerhin trotzig rufen: "Es kommt auf mich an!" Heute heißt das, dass es vor allem auf das Distanzierungsvermögen des Subjekts ankommt. Sichentziehen wäre die Geste der Gegenwart: Auch wenn die Wirtschaft als das Schicksal ausgerufen wird - warum soll ich das mir Nahegelegte oder das als unausweichlich Ausgegebene auch zu meiner Sache machen?

Die geistige und habituelle Emanzipation Einzelner ist der einzige Ausweg, der unter keinen Umständen verschlossen werden kann. Was sich bescheiden anhört, kann historisch große Folgen haben; aus einer winzigen Keimzelle entschlossener Aussteiger ist etwa das Christentum zur Weltreligion aufgestiegen. Der britische Geschichtsphilosoph Arnold Toynbee hat geschichtlichen Wandel beschrieben als einen Rhythmus von "withdrawal" und "return", Rückzug einer kleinen Gruppe aus der Gesellschaft mit dem Ziel einer distanzierten, gründlichen Neubesinnung und anschließender Rückkehr in die Gesellschaft mit dem Ziel einer Veränderung der gegebenen Strukturen auf der Basis einer tatsächlichen, weil geistig fundierten Alternative.

Ein solcher Sezessionist ist der 1976 geborene Autor, Regisseur und Fotograf Camille de Toledo, dessen im September auf Deutsch erscheinendes Buch "Goodbye Tristesse - Bekenntnisse eines unbequemen Zeitgenossen" (Tropen Verlag) wohl vor allem deshalb so viel Aufmerksamkeitsvorschuss bekommt, weil der Verfasser - aus einer französischen Großindustriellenfamilie stammend - den Rückzug durch Verzicht auf das riesige Erbe schon praktiziert hat, getreu dem Motto des berühmt-berüchtigten Juristen Carl Schmitt: "Jede neue Elite kommt aus Askese." Die Aussteiger aller Zeiten waren askesegeübt; das schützt vor den Verlockungen und Zugriffen der Wirklichkeit und ist die Voraussetzung für die Entwicklung des von de Toledo geforderten gesellschaftlichen "Möglichkeitssinns" (Musil). Oder um es mit dem guten alten Goethe zu sagen: "Du prüfst das allgemeine Walten, / Es wird nach seiner Weise schalten, / Geselle dich zur kleinsten Schar."


KulturSPIEGEL 8/2005
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KulturSPIEGEL 8/2005

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