25.07.2005

DIE MODE DER MACHT

ANGELA MERKEL VERDANKT IHR DIE GUTSITZENDEN ANZÜGE UND SABINE CHRISTIANSEN DIE KOSTÜME. ANNA VON GRIESHEIM SCHNEIDERT DER BERLINER REPUBLIK EINE GLÄNZENDE OBERFLÄCHE. VON MARIANNE WELLERSHOFF
Auf die Haare haben alle gestarrt. Wie sie strähnig im Mittellangschnitt plus Pony herunterhingen. Wie die Frisur allmählich stufiger wurde. Und wie Angela Merkel dann, bei der Vertrauensabstimmung im Bundestag, die kurzen Haare flott nach hinten geföhnt, auftrat und auf einmal viel besser aussah.
Aber mindestens so wichtig waren die Beine. Jahrelang war Merkel in Anzughosen herumgelaufen, die in Knöchelhöhe endeten und deren Karottenschnitt alles hervorhob, was die Abweichung von der Idealfigur betonte. Die kastenförmigen Blazer und die ewigen flachen, bequemen Pumps vervollständigten den Eindruck einer gestauchten Silhouette.
Doch als Merkel zum Pult ging, um vor der Vertrauensabstimmung ihre Rede zu halten, da sah sie anders aus. Ein dunkler fließender Stoff, aus dem auch ihr Sakko geschnitten war, umspielte weich die Beine, die Hosen stießen auf den Schuhen auf. Moderner, lässiger und auch schlanker und größer wirkte die CDU-Vorsitzende (und vermutlich nächste Bundeskanzlerin).
Für Merkels neue Frisur ist, wie alle wissen, Udo Walz verantwortlich. Für den langbeinigen Hosenanzug die Berliner Modedesignerin Anna von Griesheim, 39. Nur das T-Shirt stammte nicht von ihr; schließlich war der Kontrast zwischen dem grellen Rosa und dem dunklen Anzugstoff nicht gerade kameraideal.
Griesheim macht die Mode der Macht - der politischen Macht und der Medienmacht. Denn auch die Fernsehmoderatorinnen Sabine Christiansen, Sandra Maischberger oder Maybrit Illner versorgen sich in ihrem gerade frisch renovierten Laden in der Pariser Straße mit dem Look der Berliner Republik. "Zurückgenommen" nennt Griesheim ihn, "so dass die Frauen nicht modepuppig
wirken." Seriös sollen sie aussehen, denn in ernsten Debatten wird, jedenfalls in Deutschland, nur ernst genommen, wer die strenge Männer-Anzugmode trägt. Aber der Gesamteindruck darf auch nicht zu männlich sein, weil die Frauen den Männern, wenn sie ihnen schon Konkurrenz machen, nicht noch zusätzlich Angst einjagen wollen.
Klassisch und modern, männlich und weiblich, und dazu noch elegant und praktisch: Aus diesem Sowohl-als-auch-Programm entwickelt Griesheim ihre Drei-Wetter-Taft-Kollektion für jene Frauen, die unter öffentlicher Beobachtung stehen und die nach stundenlangen Sitzungen beim TV-Interview am Abend nicht abgewirtschaftet aussehen dürfen.
Super-100-Wolle knittert nicht. Elasthan sorgt für Sitz und Bequemlichkeit. Der Viskose-Jersey-Wickelpullover passt notfalls in jede Handtasche und außerdem farblich, stofflich, stilistisch zum Stretchkleid, zum Anzug oder zum Kostüm. Das Ripsband in Taillenhöhe erweitert den gerade geschnittenen schwarzen Sommermantel um ein kleines modisches Detail. Die weiße taillierte Hemdbluse gewinnt modernes Profil durch eine überbreite Manschette. Griesheims Business-Mode ist wie deutsche Politik: In den unter dem Druck der Realitäten entstandenen Kompromissen lässt sich noch die mutige Idee erahnen. Ob machbar oder tragbar - dahinter steckt die gleiche Maxime. Dass eine Parteichefin, eine TV-Moderatorin mit einem exzentrischen Entwurf von Comme des Garçons erscheint, ist hierzulande undenkbar.
Griesheim sagt: "Ich stelle mir immer die Frage: Wie kann ich es hinbekommen, dass ein Teil modisch ist, aber nicht überdreht?" Und dann sind da noch andere Parameter, die sie bedenken muss: "Rot wirkt extrem gut vor der Kamera, Schwarz und Weiß sind problematisch, flirrende Muster unmöglich." Und, wenn sie ein Outfit für ihre prominente Kundin zusammenstellt: "Wer ist die öffentliche Person? In welchen Sachen wirkt sie authentisch?"
Doch es sind nicht nur die Bundestagsdebatten und die Talkshows, in denen Griesheims Kleider das öffentliche Image ihrer Trägerinnen formen. Es sind auch die Premieren und Galas, die Preisverleihungen und Feste, bei denen Urteile gefällt werden, und zwar, wie Griesheim sagt, "unheimlich strenge Urteile". Die Oberfläche ist dort, wo Kameras stehen oder Reporter in ihre Notizbücher kritzeln, alles andere als eine Oberflächlichkeit.
So war Angela Merkel im Jahr 2002 bei den Bayreuther Festspielen in einer unförmigen, knallig gemusterten Kimono-Bluse erschienen, die sie auch schon 1994 überm Abendkleid getragen hatte. Die "Welt" höhnte, Merkel habe "apart eine bunte Tischdecke als Überwurf" zweckentfremdet. Ein Jahr später war Merkel besser beraten: "Ihre elegante Festspielrobe ist ein Modell von Anna von Griesheim", schrieb die "Bunte" über Merkels Bayreuth-Besuch im schimmernden petrolfarbenen Seidenkleid. Die Überschrift dazu: "Glanzvoller Auftritt".
Umgekehrt wirken Kundinnen mit bekannten Namen auch auf die Designerin zurück: Fernsehstarlet Caroline Beil in Griesheim beim Bambi, "Popschnuckelchen Jeanette Biedermann" ("Bild") in Anna von Griesheim bei der Goldenen Kamera. Das sieht gut aus, das liest sich gut, das klingt wichtig. Und eigentlich wollte auch die Schauspielerin Julia Jentsch beim Deutschen Filmpreis im rosa Griesheim-Corsagenkleid erscheinen. Sie entschied sich jedoch für ein pastellfarbenes Abendkleid von Natascha Müllerschön - ein Fehlgriff, muss man leider sagen, und zwar nicht nur aus Griesheims Perspektive.
Denn gerade von Abendmode versteht Griesheim einiges: Nach dem Abitur in Wiesbaden machte sie eine Schneiderausbildung im von Elise Topell gegründeten Couture-Atelier. An den Kundinnen aus der Klasse der Besserverdienenden drapierte sie die Seidenstoffe und steckte daraus Kleider. Später zog sie nach Berlin. Denn dort studierte ihr Freund, mit dem sie heute noch liiert ist.
Griesheim überlegte, sich an der Hochschule der Künste für Modedesign einzuschreiben, doch "dort wurde frei und assoziativ mit Papierschnipseln gearbeitet", erzählt sie, "das war nicht mein Ding". Stattdessen machte sie ein Praktikum bei der damals gefeierten Modedesignerin Brigitte Harke und anschließend ein Jahr lang eine Schnittausbildung an einer Privatschule.
Ihr Freund ermunterte sie, selbst eine Kollektion zu schneidern. 15 Teile entwarf sie, darunter ein "graues Flanellkostüm, das an eine Uniform erinnerte". Freunde und Bekannte zeigten sich so begeistert, dass Griesheim sich ermutigt fühlte, bei der Bank einen Kredit aufzunehmen. 1991 eröffnete sie den Laden in der Pariser Straße 44. Längst hat sie noch ein Atelier im ersten Stock angemietet und beschäftigt acht Angestellte.
Vor allem aber hat Anna von Griesheim sich selbst zur Marke gemacht. Sie geht in ihren Abendgarderoben zu Galas, feenhaft in Chiffon, elegant in Seidenstretch, sexy im Corsagenkleid. Sie wird fotografiert auf den roten Teppichen, und das bedeutet, sie muss vorher bei Udo Walz vorbei, der ihre langen, dunklen Locken noch märchenhafter aussehen lässt, und zu einer Visagistin, die aus der Designerin das Anna-von-Griesheim-Model macht. "Inzwischen könnte ich bald jeden dritten Tag im Abendkleid auf ein Event gehen", erzählt sie. Könnte, denn woher soll man die Zeit dafür nehmen? Aber andererseits: Wer zur Medienfigur geworden ist, kann nicht wieder so einfach von der Bildfläche verschwinden. Wer ein öffentliches Image hat, kann es eben auch beschädigen.
Griesheim sagt: "Ich habe diese Glitzerwelt unterschätzt." Diesen "enormen Wert von Äußerlichkeit", den sie in diesen Momenten genauso spürt wie ihre prominenten Kundinnen.
Nicht nur deshalb möchte sie ihr Spektrum erweitern. Ein Beruf, sagt Griesheim, reiche doch nicht aus für ein ganzes Leben. Interior Design, das würde ihr Spaß machen. Für ihren Laden hat sie schon die Lampen und Möbel entworfen, wenn sie gefallen, könnten sie auch in Serie produziert werden.
Ihrer Kundschaft aus Politik, Fernsehen und Kultur könnte Griesheim auch als Möbeldesignerin und Innenausstatterin nützlich sein: für tadellose Bilder von Wohnsalons und Arbeitszimmern in den Homestories der Klatschmagazine.
Anna von Griesheim, Pariser Str. 44, Berlin-Wilmersdorf.
Von MARIANNE WELLERSHOFF

KulturSPIEGEL 8/2005
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