26.09.2005

Eine ideale Familie

Der junge Autor Kristof Magnusson erzählt von isländischen Wahlverwandtschaften.
Zwei Engländer sprechen in der Regel zuerst vom Wetter. Deutsche reden gern über Zugverspätungen. Isländer dagegen versuchen erst einmal zu klären, wie sie miteinander verwandt sind. Wie, nicht ob. Am Ende nämlich stammen alle 300000 Einwohner von Egill Skallagrímsson ab, der um das Jahr 950 lebte. Für Kristof Magnusson, 29, ist das einer der Gründe, warum er spätestens nach drei Monaten das Gefühl hat, dringend wieder "raus" zu müssen aus Island. Denn für Magnusson ist die traditionelle Kernfamilie nicht das Modell der Zukunft. In seinem Debütroman "Zuhause" plädiert er für die "Familie der Wahlverwandtschaften". Natürlich kommt man auch dort nicht ohne Blessuren heraus, und die Verbände, Krücken und Gipse, die sein Held Lárus im Verlauf der Geschichte tragen muss, sind dafür eine schöne Metapher. Der Roman beginnt an einem schneeregnerischen Dezember-Tag. Lárus fliegt von Hamburg aus nach Reykjavík, um mit seinem Freund Milan, seiner Jugendfreundin Matilda und deren Lebensgefährten ein unkompliziertes Weihnachtsfest zu feiern. Nur stimmt an dieser idealen Konstruktion nichts: Milan hat ihn gerade verlassen, Matilda und Svend haben sich getrennt, und Lárus muss sich eingestehen, dass sein heiteres Leben vor allem auf Verdrängung fußt.
Wie sein Held ist Magnusson mit einem isländischen Vater in Hamburg aufgewachsen. Er schreibt auf Deutsch, lebt in Berlin und Reykjavík und übersetzt Kollegen wie Einar Kárason. Seinem Stil ist die Verbindung zur isländischen Gegenwartsliteratur deutlich anzumerken. "Zuhause" ist schneller, härter und pointenfreudiger als die allermeisten deutschen Debüts und profitiert von den poetischen Möglichkeiten eines Landes, in dem man "Träume" in Form von Schokoladenriegeln kaufen kann. SILJA UKENA
"Zuhause". Verlag Antje Kunstmann, München; 320 Seiten; 19,90 Euro.
Von SILJA UKENA

KulturSPIEGEL 10/2005
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