DER SPIEGEL



ALLES WIRD GUT!

DIE DEUTSCHEN GELTEN ALS ZWEIFLER, NÖRGLER, PESSIMISTEN. DAS IST SCHLECHT FÜR DIE STIMMUNG UND FÜR DEN AUFSCHWUNG. WIE ALSO KANN MAN DIE DEUTSCHEN ZU OPTIMISTEN MACHEN? EXPERTEN GEBEN ANTWORTEN.

OPTIMISMUS IST FÜR JEDEN LERNBAR - WENN AUCH IN GRENZEN

Optimismus wird in der Psychologie nicht als ein einheitliches Konzept angesehen. Nur ganz bestimmte Aspekte von Optimismus sind trainierbar, andere nicht. Anders gesagt: In bestimmten Grenzen ist Optimismus lernbar. Vor allem zwei Aspekte haben sich als beeinflussbar erwiesen:

a) Optimistischer Interpretationsstil

Dieser bezieht sich darauf, inwieweit ein positives oder ein negatives Ereignis (ein schulischer oder beruflicher Misserfolg zum Beispiel) als internal, stabil und global interpretiert wird. Man kann nach der individuellen Diagnose einen solchen Stil in Richtung Optimismus korrigieren, indem man beispielsweise lernt, Positives auf sich selbst und Negatives auf äußere Umstände zurückzuführen. Salopp gesagt: Wenn etwas klappt, klopft man sich dafür selbst auf die Schulter; geht etwas schief, sind die anderen oder aber die Umstände schuld.

b) Optimistische Selbstüberzeugungen (= Selbstwirksamkeitserwartungen)

Diese beziehen sich auf die subjektive Annahme, schwierigen Anforderungen aufgrund eigener Kompetenz begegnen zu können.

Man verbessert diesen Optimismus, indem man beispielsweise selbständig Aufgaben bewältigt, Rollenmodelle (Vorbilder) beobachtet und von ihnen lernt, oder durch suggestive Überredung: indem man sich also von anderen überzeugen lässt, wie kompetent man ist.

Ralf Schwarzer, 62, lehrt Gesundheitspsychologie an der FU Berlin.

ERST BRAUCHT DAS LAND REFORMEN, DANN WIRD DER WIRTSCHAFTSAUFSCHWUNG OPTIMISMUS ERZEUGEN

Der Pessimismus der Deutschen ist eine rationale Reaktion auf die Erkenntnis objektiver wirtschaftlicher Probleme, insbesondere der Massenarbeitslosigkeit und der allgemeinen wirtschaftlichen Stagnation. Insofern nützt es nichts, Valium zu verabreichen oder durch sonstige Sekundärmaßnahmen die Stimmung zu heben. Ein bloßer Stimmungsaufschwung wird allenfalls zu einer konjunkturellen Verbesserung führen und alsbald wieder in neue Tristesse münden, wenn das konjunkturelle Strohfeuer erloschen ist. Ohne Reformen, die die grundlegenden Strukturprobleme des Landes angehen, lässt sich auf die Dauer nichts bewirken. Daher müssen jetzt die Reformen des Arbeitsmarktes und des Sozialsystems kommen, die Ökonomen seit Jahr und Tag fordern. Das mag zwar anfangs unbequem sein, dafür wird sich die Wirtschaftslage wieder verbessern. Und das wird dann im zweiten Schritt einen stabilen und wirtschaftlich wohlbegründeten Optimismus erzeugen. Neuseeland ist ein gutes Beispiel. Das Land lag am Boden, die Tristesse war verbreitet. Marktwirtschaftliche Reformen schienen dann die Verhältnisse in den ersten Jahren eher zu verschlimmern. Die Wende zu dauerhaftem Wachstum kam nach etwa fünf Jahren. Seitdem hebt sich auch die Stimmung der Neuseeländer. Sie sind zu einem optimistischen Volk geworden, das die Probleme der Zukunft offensiv angeht.

Hans-Werner Sinn, 57, ist Professor und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München. Er veröffentlichte die Bücher "Ist Deutschland noch zu retten?" und "Die Basar-Ökonomie".

WIR BRAUCHEN PRAGMATISCHEN OPTIMISMUS

Ein eher pessimistisches, bisweilen nörgelndes Volk sind die Deutschen nicht immer gewesen. Im Gegenteil: In den letzten 150 Jahren strahlten sie häufig gute Laune und Selbstvertrauen auf eine Weise aus, dass es den Nachbarn Angst werden konnte. Wenn schon Optimismus, dann aber richtig: mit viel Seele nach innen und stürmischen, auch aggressiven Visionen nach außen. Und hinterher war der Absturz in Düsterkeit oft umso tiefer. Was den Deutschen gerade in diesen Tagen fehlt, ist ein pragmatischer Optimismus. Pragmatisch im doppelten Sinne des Wortes: nüchtern, realitätsorientiert ebenso wie handlungsbezogen. Die Erwartung, dass irgendwann alles gut wird, kann der Nährboden einer solchen Einstellung nicht sein. Lernen müssten wir stattdessen einen Optimismus, der Bescheidenheit und Hartnäckigkeit miteinander verbindet. In der deutschen Krise der Gegenwart hieße das: eine Lebenseinstellung des "can do", der Überzeugung, es trotz Widrigkeiten schaffen, die Probleme bewältigen zu können. Ein solcher Optimismus verändert noch nicht die Wirklichkeit, aber er hilft dabei, an ihre Veränderung und Gestaltung zu glauben.

Paul Nolte, 42, ist Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der FU Berlin.

GOTTVERTRAUEN ERZEUGT ZUVERSICHT

Wenn ich Optimismus nicht mit einem billigen "Es wird schon!" gleichsetze, sondern mit einer positiven Einstellung zum Leben, so ist das für mich eine Glaubenshaltung. Für mich ist das Leben ein Geschenk Gottes, und ich glaube, dass Gott mich jetzt und hier hält und über dieses Leben hinaus. Gottvertrauen erzeugt Standfestigkeit und Zuversicht. Wenn ich mich von Gott gehalten weiß, habe ich Zukunftshoffnung auch in den schwierigen Phasen des Lebens. Dann will ich "alle Dinge zum Besten kehren", wie Luther das ausgedrückt hat.

Vielleicht ist eine solche Haltung weniger lernbar als einzuüben. Ich wachse in den Glauben und somit in eine positive Lebenshaltung hinein. Dabei sind übrigens Vorbilder ebenso von entscheidender Bedeutung wie das evangelische Prinzip der Verantwortung vor Gott und den Menschen!

Margot Käßmann, 47, ist Landesbischöfin in Hannover.

DER ANGST-STOLZ BRINGT DIE DEUTSCHEN DAZU, SICH GEGEN DIE ZUKUNFT ZU VERSCHANZEN

Als ich kürzlich in Zermatt war, habe ich jede Menge Optimisten vorwiegend englischer Herkunft getroffen. Einer hatte es sogar auf den Gipfel des Matterhorns geschafft und war erst beim Abstieg abgestürzt: So stand es auf dem Grabstein. Der Friedhof dort ist voll von Menschen seiner Gesinnung. Optimismus kann tödlich sein. Na ja, aber man kann auch an der eigenen Angst sterben. Und das Leben ist in der Regel sowieso tödlich; bloß ist das noch lange kein Grund, etwas gegen das Leben zu haben.

Ist Optimismus erlernbar? Ja, natürlich. Wenn man immer wieder ermutigt wird ("Good try! Good eye!"), glaubt man irgendwann, dass man's kann und alles gut ausgeht. Bitte, das ist geklärt. Wichtiger ist die Frage, ob Optimismus erstrebenswert sei.

Optimisten haben ein besonderes Verhältnis zur Wahrheit. Sie wollen nicht nur feststellen, was stimmt. Sie haben es darauf abgesehen, ihre Träume wahr zu machen. Falsche Lösungen kann man nicht wahr machen, aber Träume schon. Mit Blindheit für die Grenzen des Machbaren hat dieser Möglichkeitssinn nichts zu tun. Die Optimisten grätschen nur dauernd denen in die Beine, die dabei sind, ihre Inventarlisten des Bestehenden zu vervollständigen. Man könnte meinen, Optimismus sei Stimmungssache oder gar nur Stimmungsmache. Doch wer Optimist ist, vertritt ganz seriös eine bestimmte Auffassung der Wirklichkeit. Sein Bild der Welt ist ein "work in progress". Dieses Bild ist kostbar und gehört nicht ins Museum, sondern unter die Leute.

Und warum fehlt es in Deutschland derzeit an Optimisten? Alle wissen inzwischen, dass gravierende Änderungen im Gefüge moderner Gesellschaften anstehen. Das wird unangenehm werden, und man kann verstehen, dass man sich vor dieser Aussicht gern drückt - so wie jemand, der nicht schwindelfrei ist, dem Blick nach unten ausweicht. Doch Angst allein kann es nicht sein, die die deutsche Wertarbeit beim Optimismus versagen lässt. Es ist auch beleidigter Stolz. Das Ergebnis des Wirtschaftswunders war das Gefühl, es geschafft zu haben, und nachdem die Normalität in den ersten Nachkriegsjahrzehnten doch ein bisschen wie eine Zwangsvorstellung gewirkt hat, hat sie sich schließlich scheinbar natürlich ausgebreitet. Seitdem galt: Bei jedem Vorgang gibt es einen Besitzstand. So wurde auch die Wiedervereinigung als Wiederherstellung eines alten Zustands definiert, und damit nahm das Elend schon seinen Lauf. Dass das Gefühl, es sei alles in Ordnung, nun nicht der Weisheit letzter Schluss sein soll, empfinden die Deutschen als Affront. Es ist Angst-Stolz, der sie dazu bringt, sich gegen die Zukunft zu verschanzen. Doch wer die Zukunft nicht sehen will, kann sie auch nicht gestalten. Wünsche ohne Zukunft gehen nach hinten los.

Die Surrealisten André Breton und Paul Éluard hatten vor Jahren das Gefühl, dass "unser Boot leck wird auf dem Meer, das sich leert". Ich plädiere dringend dafür, die Frage offen zu halten, ob zuerst das Boot sinken oder das Meer verlanden wird. Ich bin Optimist.

Dieter Thomä, 45, ist Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen und veröffentlichte das Buch "Vom Glück in der Moderne".

DER KERN DES OPTIMISMUS IST: DASS MAN ETWAS BEWIRKT

Optimismus zu verschreiben ist genauso paradox wie die Aufforderung "Sei spontan!" Dennoch ist Optimismus erlernbar. Um zu verstehen, wie das geht, muss man zunächst nach dem Gegenteil fragen. Pessimismus ist die Metaphysik der Hilflosen. Es geht hier aber nicht um die kreatürliche Hilflosigkeit des Menschen, sondern um die erlernte Hilflosigkeit desjenigen, der von Entscheidungen anderer betroffen ist. Je mehr die Politik in ihrer unendlichen Fürsorglichkeit für uns entscheidet, umso hilfloser werden wir. Daraus folgt umgekehrt, dass Politik zwar nicht den Optimismus organisieren, wohl aber den Bürgern eine Chance geben kann - indem sie sich zu Gunsten bürgerlicher Selbstorganisation zurücknimmt. Denn nur derjenige, für den nicht immer alles schon von anderen vorentschieden ist, kann das, was mit ihm geschieht, als Erfolg eigenen Handelns sehen. Sehen, dass man etwas bewirken kann, ist der Kern des Optimismus. Bis uns die Politik die Möglichkeiten dazu einräumt, können wir immerhin trainieren; zum Beispiel Sport treiben oder Diät halten.

Norbert Bolz, 52, ist Professor für Medienwissenschaft an der TU Berlin.

AUS PESSIMISMUS WIRD NUR DANN OPTIMISMUS, WENN JEDER EINZELNE POSITIV IN DIE ZUKUNFT BLICKT

Werbung wird zwar oft als das Stiefkind der Kultur behandelt, aber sie ist unbestreitbar eine starke Kraft in der Gesellschaft. Werbung kann, ganz einfach und ganz kurz, Stimmungen reflektieren und mit einem starken Motto beeinflussen. Der Ausgangspunkt der "Du bist Deutschland"-Kampagne war, dass viele Deutsche der Meinung sind, die Regierung gebe die falschen Impulse: Man redet von Reformen, aber allen geht es irgendwie schlechter. Was tun?, fragen sich viele. An dieser Stelle setzt die "Du bist Deutschland"-Kampagne an. Sie versucht den Menschen Mut zu machen: Wenn dich irgendwas nervt, dann pack die Sache an und versuche etwas mitzugestalten. Du bist Deutschland, du als Einzelner bist Teil dieses Landes.

Für den wirtschaftlichen Aufschwung ist es zentral, dass die derzeitige pessimistische Haltung sich in eine optimistische Gesamtstimmung dreht, und das gelingt nur, wenn jeder Einzelne positiv in die Zukunft blickt. In den USA glauben mehr als 60 Prozent der Leute, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben und dass sie selbst etwas bewegen können. In Deutschland sind es nur knapp 30 Prozent. Und diese Einstellung hoffen wir mit der Kampagne zu verändern. Dass der "Du bist Deutschland"-Spruch so heiß diskutiert wird, finden wir Klasse. Es zeigt, dass wir einen Nerv getroffen haben.

Oliver Voss, 39, ist Geschäftsführer Kreation der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt und Erfinder des Slogans "Du bist Deutschland".

OPTIMISMUS WIRKT WIE EINE DROGE

Optimismus muss man unterscheiden von einer allgemeinen positiven Grundstimmung. Mit Optimismus ist eine positive Einstellung gegenüber Herausforderungen gemeint: Das schaffe ich. Diese Überzeugung wird abgeleitet aus der Erfahrung, frühere Aufgaben bewältigt zu haben.

Erfolg zieht oft eine äußere Belohnung wie Geld oder Zuwendung nach sich. Interessant ist aber: Sobald der Mensch eine Lösung für sein Problem gefunden hat, gibt es einen kurzen, als angenehm empfundenen Dopamin-Ausstoß im Gehirn - einerseits eine Art von Befreiung und andererseits auch eine positive Rückmeldung. Das Gehirn belohnt sich also selbst. Deshalb ist Optimismus nicht von äußeren Belohnungen abhängig.

Diese Dopamin-Stöße sind unterhalb der Schwelle, die eine Sucht auslösen. Aber sie funktionieren nach einem ähnlichen Mechanismus: Optimismus verleitet dazu, neue Herausforderungen zu suchen, deren Bewältigung mit einem Kick belohnt wird.

Es gibt viele Drogen und Medikamente, die euphorisieren und süchtig machen, aber da wird das Dopamin-System insgesamt angesprochen, die Wirkung ist also viel unspezifischer. Spezifische Substanzen, die zu Optimismus führen, gibt es nicht. Diesen kleinen Kick muss sich jeder selbst erarbeiten.

Henning Scheich, 63, ist Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg.

OPTIMISMUS IST GUT, HOFFNUNG IST BESSER

Optimismus kann man nicht lernen, man sollte es wahrscheinlich nicht einmal versuchen. Die Fähigkeit zur Hoffnung ist viel wichtiger und prinzipiell durch Vernunft erreichbar. Optimismus setzt voraus, dass die Welt schon so ist, wie wir sie uns vorstellen; Hoffnung ist dagegen die Voraussetzung unserer Versuche, sie zu verändern. Hoffnung braucht manchmal Zeichen - das wusste schon Kant, der sich als Melancholiker bezeichnete. Wenn wir nicht gelegentlich Beweise dafür finden, dass die Menschheit die Welt tatsächlich verbessern kann, ist die Hoffnung darauf nichts anderes als Wunschdenken. Solche Zeichen zu suchen ist alles andere als modisch und erfordert Mut: Wer heute von Fortschritt redet, wird meist als Antwort Hohn ernten. Es ist leicht, Beispiele für den Niedergang aufzuzählen, egal, ob sie das eigene Land oder die Menschheit im Allgemeinen betreffen. Da helfen nur globale und historische Perspektiven. In Deutschland wird leicht vergessen, wie viel in den vergangenen 60 Jahren geleistet wurde. Die Wiedervereinigung ist unvollkommen, die Vergangenheitsbewältigung der NS-Zeit wohl auch - doch Wiedervereinigung und Aufarbeitung der NS-Zeit haben auch außergewöhnliche Leistungen hervorgebracht, die im Ausland mit viel mehr Respekt beobachtet wurden, als die Deutschen selbst dafür zeigen. Der Blick ins Ausland hilft, den Unmut über den unvollkommenen Wohlstand zu relativieren. Vergleiche mit anderen Ländern und Epochen sollen nicht zum Optimismus im Sinne von Leibniz führen: Wir leben nicht in der besten aller möglichen Welten. Aber die Welt, in der wir - vor allem in Europa - leben, ist gut genug, um die Bedingungen dafür zu liefern, dass sie verbessert werden kann - solange wir die Hoffnung nicht verlieren.

Susan Neiman, 50, ist Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Zuletzt veröffentlichte sie das Buch "Fremde sehen anders. Zur Lage der Bundesrepublik".

RECHERCHE: CLAUDIA VOIGT, MARIANNE WELLERSHOFF

BILDER: JÖRG IMMENDORFF


KulturSPIEGEL 11/2005
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