Von GROSSHEIM, MICHAEL
Drei Erfindungen der Philosophen haben die Menschen in Atem gehalten: die Seele, das Atom, die Werte. Die ersten beiden stammen aus der Antike und lenken unsere Vorstellungen nur noch aus dem Hintergrund - die Werte aber, ein gedanklicher Nachkömmling aus dem 19. Jahrhundert, werden immer mehr zum Schlüsselwort unserer Zeit. Was die Philosophen damals ausgedacht haben, beschäftigt heute vor allem Journalisten, Politiker und Trendforscher. Als ob man es dem Fernsehen nicht zutraute, das geeignete Medium für vertiefte Besinnung sein zu können, greift man auf das traditionelle Buch zurück. Der Fernsehjournalist Peter Hahne schreibt: "Im Trend liegt, wer nach Werten ruft." Dies tut sein Kollege Sigmund Gottlieb mit den Worten "Sag mir, wo die Werte sind", und er ist sicher, dass Werte "das Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte" sein werden. Eigentlich aber hatte Ulrich Wickert vor zehn Jahren bereits alles gesagt: "Der Ehrliche ist der Dumme. Über den Verlust der Werte"; nach der Jahrtausendwende rief er sich noch einmal in Erinnerung mit einem weiteren Buch zum Thema: "Zeit zu handeln. Den Werten einen Wert geben". Diese Ausflüge von Journalisten in die Wertphilosophie haben vor allem dafür gesorgt, dass ihre Kollegen sich in Rezensionen einmal nach Herzenslust amüsieren konnten.
Die Politiker muss man da schon ernster nehmen. Allen voran sind es die bundesrepublikanischen Beauftragten für moderate Kulturkritik, unsere Bundespräsidenten, die in fast jeder Rede ihre Sorge um die Werte zum Ausdruck bringen. "Werte haben Konjunktur", erklärt Alt-Bundespräsident Roman Herzog heute und fordert "Vorfahrt für Werte!" Seine Nachfolger ließen das Thema nicht ruhen. Der kürzlich verstorbene Johannes Rau, "der Mann der Werte und Worte", wie er sich gern nennen ließ, wirkte als Herausgeber des demnächst erscheinenden Buches "Was die Werte wert sind". Und Horst Köhler erinnert daran, dass wirtschaftliches Wachstum nicht ausreiche, um glücklich zu werden, wichtig seien darüber hinaus Werte.
Die erste wichtige Einsicht, die das neue Nachdenken über Werte vermittelt, ist die: Es ist sinnlos, hier nach alten politischen Mustern zu ordnen. Orientierungs-Traditionalisten werden sich zwar damit begnügen, zu erklären, dass Peter Hahne und Sigmund Gottlieb ohnehin als Konservative gelten. Aber das vollständige Bild sieht anders aus: Doris Schröder-Köpf etwa, die sich stets durch große Nähe zu den Positionen ihres Mannes ausgezeichnet hat, mahnt die Deutschen: "Wir müssen unsere Kinder wieder mehr erziehen und ihnen Werte vermitteln." Gemeint sind Pflichtbewusstsein, Fleiß, Verlässlichkeit, Anstand. Der neue SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck scheut sich nicht, die manchen altmodisch klingende Forderung nach "preußischen Tugenden" wie "Anständigkeit, Verlässlichkeit und Pflichterfüllung" zu äußern. Vom Theaterregisseur Claus Peymann vernimmt man ein überraschendes Bekenntnis zu preußischen Werten ("Ich bin sehr für Pflichterfüllung"), verbunden mit einer deutlichen Kritik an der Wertefeindlichkeit der 68er. Der Kabarettist Horst Schroth rechnet in seinem neuen Programm mit der Generation der 68er ab und plädiert für die Rückkehr der Werte. Der Fernsehmoderator Thomas Gottschalk erklärt: "Die Werte sind völlig verrutscht." Das Werte-Thema beschäftigt heute die ganze Gesellschaft.
Der Abschied von alten Denkmustern fällt immer schwer, aber wer unsere Zeit verstehen will, muss sich damit abfinden, dass das von Trendforschern ausgemachte "Comeback der Werte" mit den Kategorien rechts und links, konservativ und progressiv nicht zu fassen ist. Vielmehr stehen sich zwei Mentalitäten gegenüber: Ernsthafte und Ironiker. Die Ernsthaften sind momentan die Besorgten, und weil es ihnen um etwas geht, setzen sie sich dem Risiko aus, von den Ironikern als naiv belächelt zu werden. Diese hingegen nutzen Gelegenheiten, wie sie sich bieten. Gesellschaftliche Rettungsanstrengungen sind für Ironiker darum nur ein interessanter Anlass, sich unterhaltsam ihre eigene intellektuelle Überlegenheit zu bestätigen, etwa beim Rezensieren neuer Werte-Bücher. Für Ironiker ist die Biederkeit derjenigen, die ernsthaft ein Problem wahrnehmen und dafür ernsthaft nach einer Lösung suchen, unerträglich, so dass sie es nicht vermeiden können, eine Satire zu schreiben. Inzwischen sind diese immer gleichen Satiren allerdings so vertraut, dass man eine Meta-Satire schreiben könnte. Darin müsste vor allem vom "Rückfall" die Rede sein, von einem nahen Mittelalter namens "Fünfziger Jahre", von einer Welt, die nach dem Modell "Tanzschule" organisiert war. Können wir das wieder zurückwollen? Nein. Also brauchen wir keine Wertedebatte - sagen die Ironiker.
Ihre inhaltliche Ratlosigkeit angesichts der faktischen Probleme verstecken die Ironiker also hinter der bewährten Geste der Überlegenheit. Die Ratlosigkeit des Ernsthaften liegt woanders, aber sie hat mit dem Ironiker zu tun. Der täglich anwachsende Chor der Reden über Werte scheint ein rein sprachliches Phänomen zu sein. Das Ganze wirkt wie ein Vogelschwarm, in dem zunächst Einzelne zu krächzen beginnen, andere darauf antworten, nach und nach immer mehr einstimmen, schließlich alle sich äußern, nur - der Schwarm fliegt nicht los. Woran liegt das? Warum gibt es diese immer neuen Appelle, die offene Türen einrennen und doch nichts ändern, diese vielen Gespräche, bei denen man sich auf so erleichternde, aber auch gänzlich folgenlose Weise einig ist?
Es liegt an beiden, an den Werten und den Menschen. Die Werte waren von den Philosophen einst
für absolut und ewig erklärt worden; es sollte nur darauf ankommen, sie zu "schauen", wem dies nicht gelang, der galt schlicht als "wertblind". Sogar die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs hat sich zeitweilig auf eine solche "vorgegebene und hinzunehmende Ordnung der Werte" berufen, etwa um allen außerehelichen Geschlechtsverkehr zu brandmarken. Der damalige Präsident des Gerichts, Hermann Weinkauff, sprach von "erschaubarer" Wertordnung, die mit "intuitiver" Sicherheit ergriffen werden könnte. Wenn die Werte in dieser Weise von einer konkreten geschichtlichen Gesellschaft abgelöst betrachtet werden, verlieren sie jedoch gerade ihre Bedeutsamkeit.
Der zweite Grund für die Folgenlosigkeit der gegenwärtigen Appelle hängt mit dem dominanten menschlichen Selbstverständnis zusammen. Was wir heute haben, ist größtenteils nicht mehr als eine bloße Rhetorik des Wertes. Der Großmeister der Wert-Rhetorik, Friedrich Nietzsche, hat der Nachwelt die entscheidenden Formeln überliefert: Menschen sind es, die Werte setzen, entwerten, umkehren und zerstören. Politiker haben lange Zeit unbewusst die große, aber hohle Geste Nietzsches nachgeahmt, wenn sie forderten, man müsse Werte "schaffen". Dieser hohe Ton ist längst unglaubwürdig. Heute geht es um bescheidenere Dinge, vor allem darum, Werte zu "vermitteln". Das ist aber gar nicht so einfach, wie es klingt. Bundespräsident Köhler fragte im Mai 2004 in seiner Rede vor der Bundesversammlung: "Wie schaffen wir es, das abstrakte Wort 'Werte' aus Politikerreden in Alltagsgespräche und Alltagsverhalten zu bringen und so lebendig zu machen?"
Die Wert-Rhetorik bleibt ohne Folgen, wenn man nicht die "Entstehung der Werte" so radikal analysiert, wie es der Soziologe Hans Joas vor einigen Jahren getan hat. Wertbindungen, so Joas, entstehen nicht, weil wir uns dazu entschließen; und doch erleben wir das "Ich kann nicht anders" einer starken Wertbindung nicht als Einschränkung, sondern als höchsten Ausdruck unserer Freiwilligkeit. Solche Überlegungen führen auf die in der bisherigen Diskussion sträflich übersehene Frage: Was bedeutet eigentlich "Bindung" in der Formel "Wertbindung", die vielen so leicht über die Lippen geht? Bindung - der Soziologe Ralf Dahrendorf spricht vornehmer von "Ligaturen" - hat etwas zu tun mit Anspruch, Verpflichtung, Indienstnahme, Überwältigung, womöglich sogar mit Ergriffenheit. Spätestens an dieser Stelle ist der Ironiker der (gespielten) Ohnmacht nahe, und der modernitätsbegeisterte Soziologe sieht die "Gefühlsmagie" der "Gegenmoderne" ihr Unwesen treiben. Um die Rehabilitierung des "vormodernen Wesens der Werte", ihrer "emotional tief gegründeten Natur" bemüht sich im Gegenzug Udo di Fabio, Richter am Bundesverfassungsgericht. In seinem Buch "Die Kultur der Freiheit" - erst kürzlich hat der "Merkur" es gegen die Schar der Kritiker in Schutz genommen - erklärt di Fabio: Gerade weil Werte sich mit Rigidität der zweckrational nüchternen Abwägung entziehen, sind sie geeignet, Festigkeit und Selbstgewissheit zu vermitteln. Werte sind so gesehen etwas Unhintergehbares, nicht zur Verfügung Stehendes, nicht dem Belieben Unterstelltes.
Und das bereitet uns Schwierigkeiten. Je moderner die Menschen, desto erfahrener sind sie darin, sich zu distanzieren und gleichgültig zu werden. Wertbindung verlangt von uns etwas, für das wir kulturell gewissermaßen nicht mehr richtig präpariert sind. Dieses Problem ist schon länger bekannt. In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bemerkt Hugo von Hofmannsthal über die "Suchenden" seiner Zeit, dass ihr Ziel nicht Freiheit sei, sondern Bindung. Und er beobachtet an ihnen die "bis zum Krampf energische große Gebärde", "dass sie sich festbinden wollen an der Notwendigkeit, aber an der höchsten, an der, die über allen Satzungen und gleichsam der geometrische Ort aller denkbaren Satzungen ist". Das emanzipierte und anspruchsvoll gewordene Ich sucht nach Bindungen, die ihm gewachsen sind, die seiner gesteigerten Distanzierungsfähigkeit standhalten; deshalb ist es, mit Hofmannsthal gesprochen, ein "Ringen um wahren Zwang und Sichversagen dem nicht genug zwingenden Zwang". Das Problem liegt in dem Wunsch: "Ich will mich binden lassen."
Offensichtlich mögen wir uns nicht wirklich eingestehen, dass da zwei Impulse gegeneinanderlaufen: die Sehnsucht nach Werten und der Unwille zur Bindung. Der Kulturkritiker Hermann Broch hat in seiner "Massenpsychologie" davon gesprochen, dass die Sehnsucht nach einem Zentralwert den Menschen zwar zur Flucht ins Totalitäre treibe, doch darum sein individuelles Streben nach anarchischer Freiheit keineswegs erloschen sei: "Er will beides haben, Freiheit und Geborgenheit zugleich, und insbesondere sind es die Massen, die ohne Zaudern das Widersprechendste auf einmal verlangen."
Hermann Lotze (1817 bis 1881), ihr neuzeitlicher Erfinder, hat die Werte zwar als zeitenthobene Größen entworfen, aber auch als das Nicht-Gleichgültige, das dem Menschen über sein Gefühl zugänglich ist. Gerade heute kann diese Erkenntnis dabei helfen, mit Sozialidealen wie der allgegenwärtigen "coolness" aufzuräumen. Der Coole ist die Alltagsversion des Ironikers, er demonstriert
gern, wie unabhängig von gesellschaftlichen Wertungen er ist. "Cool" ist es etwa, wenn gelangweilte Schüler morgens S-Bahn-Fensterscheiben zerkratzen; peinlich, wenn der aufgebrachte, ewig-gestrige Spießbürger etwas dagegen hat und es auch sagt. Wer sich engagiert, blamiert sich. Der Bürger, ohnehin ein harmoniebedürftiges, vorsichtiges und bequemes Wesen, hat gelernt, dem aufrüttelnden Ruf "Tua res agitur!" ("Deine Sache wird verhandelt!") zu widerstehen. Er hat gelernt, dass er besser fährt, wenn ihn kein Gefühl an die res publica, das "Gemeinwesen", bindet. Werte können aber nur "vermittelt" werden, wenn sie von überzeugten und dadurch überzeugenden Einzelnen artikuliert werden. Das bedeutet: Man muss konfliktbereit sein.
Das waren die Widerstandskämpfer gegen die nationalsozialistische Diktatur, und sie waren es vor dem Hintergrund ihrer stabilen Wertbindungen, die es ihnen geboten zu handeln, auch wenn das eigene Leben dabei aufs Spiel gesetzt wurde. Dem heute beliebten Einwand, jede Besinnung auf Gemeinschaften führe in die Nähe des Nationalsozialismus, muss man entgegenhalten, dass gerade der Widerstand dagegen aus den durch ihre ausgeprägte Wertbindung zusammengeschlossenen gesellschaftlichen Milieus kam: aus Arbeiterbewegung, Katholizismus, Adel.
Momentane Anstrengungen, motivierte Gemeinschaft zu stiften durch "Ruck"-Reden oder "Du bist Deutschland"-Plakate, verfehlen ihr Ziel, weil sie die coole Identifizierung wecken wollen, den Aufbruch ohne Anteilnahme. Da steht ein Appell, aber das Gefühl wird kurzgehalten, aus Angst vor der Atmosphäre.
Werte können mobilisieren - das erhofft sich die gegenwärtige Politik von ihnen -, sie können auch orientieren. Um den Orientierungsbedarf von Menschen aber pflegen sich Ironiker und Modernisierungsenthusiasten nicht zu kümmern. Es ist seltsam, dass diese Art Ignoranz noch nicht menschenfeindlich genannt worden ist. Intellektuelle neigen dazu, den Menschen schlechthin als ein Wesen zu begreifen, das unbeirrbar nach eigenem Gesetz seinen Weg in der Welt sucht, alle Ziele aus sich selbst schöpft wie in Goethes Gedicht "Daimon", also Selbstverwirklichung im eminenten Sinne betreibt. Wer heute - um einige vor kurzem noch modische Ausdrücke der Soziologie zu verwenden - bei der "Identitätsarbeit" versagt, wer als "Konstrukteur seiner Biografie" allein nicht zurechtkommt und "regressive Antworten" sucht, weil er die "Wonnen des Relativismus" nicht genießen kann und die "Individualisierung" als Schicksal nicht akzeptieren will, ja, der hat halt Pech gehabt.
In den einschlägigen soziologischen Texten kommen die Betroffenen ohnehin nicht zu Wort. Orientierungslosigkeit bleibt auf diese Weise ein abstraktes Phänomen. Entsprechend traten die ungeheuer boomenden Ratgeber-Bücher bisher eher anonym auf, denn wer mochte sich schon als hilfsbedürftiger Käufer zu erkennen geben? Die Hilflosigkeit hat erst Gesichter bekommen, seit eine als "Super Nanny" bezeichnete Erzieherin die realen Modernisierungsverlierer in ihren Plattenbautenwohnungen besucht und schon mit schlichten Fragen nach der Strukturierung ihres Alltags ("Und was hast du dann vor?") in die Überforderung treibt. Was der Abbau von entlastenden Alltagsinstitutionen anrichten kann, wird hier unübersehbar und ist durch keinen Versuch einer theoretischen Verklärung mehr aus der Welt zu schaffen.
Die elementaren Fragen sind immer dieselben: Womit das Leben füllen? Woran sein Herz hängen? Die nächstliegenden Angebote und Erwartungen stammen aus der Familie; Werte gehen hier ein in einen standardisierten Lebensstil, den kein Mensch allein schaffen kann, der vielmehr zu einem guten Teil überliefert wird. Die Familie mit ihren Orientierungsmustern steht in einer permanenten Konkurrenz mit konsumierbaren Identitätsprothesen. Schon kleine Kinder lassen sich fasziniert ein auf differenzierte Stilkomplexe (Prinzessin Lillifee, Diddlmaus et cetera), später wird die nicht selbstorganisierte Jugendkultur mit einer Fülle von kommerziellen Lückenfüllern versorgt (etwa Modetrends, Stars). Die Befreiung von der Prägung durch die Familie ist also nur eine Befreiung zur Pseudo-Selbstbestimmung im Konsum von Trendartikeln, mit denen Gruppenansehen erworben werden soll. Von einer lupenreinen Selbstbestimmung jenseits der fremdbestimmenden Institution Familie kann jedenfalls keine Rede sein.
Daneben muss die komplexe Orientierungsleistung wertebesetzter Institutionen gewürdigt werden. Sie sind nämlich bei der Selbstfindung nicht nur als Stütze von Bedeutung, sondern auch als Gegenspieler; sie liefern der Auseinandersetzung konkrete Inhalte und sorgen so dafür, dass es nicht zu einer "Selbstverwirklichung ohne Selbst" (Hermann Schmitz) kommt. Wo alles gleichgültig und beliebig ist, fehlt das zur Konturierung eigener Wertüberzeugungen erforderliche Umfeld.
Gerade hier aber fühlt sich der nicht an Wertbindungen interessierte Ironiker zu Hause. Seine Haltung der unverbindlichen Distanz, sein "Nicht-so-ernst-Nehmen" der Dinge ist in den Augen des jungen amerikanischen Gesellschaftskritikers Jedediah Purdy ("Das Elend der Ironie") das größte Hindernis für eine Rückkehr des aktiven bürgerlichen Gemeinsinns und eine Renaissance der Werte. Purdys Streitschrift will deshalb nun die Ironie entzaubern.
Schon dem Philosophen Hegel ist aufgefallen, dass sich die Protagonisten der Ironie auf eine attraktive Weise selbst inszenieren: Sie beanspruchen, an der Spitze zu stehen. Die Ironie ermöglicht die "vornehme Stellung, welche mit der Sache fertig ist und über ihr steht". Seine Gegner, die Frühromantiker, haben Ironie identifiziert mit Urbanität, Geist, Genie und der "Illiberalität" gegenübergestellt. Diese Selbstinszenierung hat erhebliche Nachwirkungen, und ihr Muster ist bis heute gültig.
Ironie ist in der Moderne das Avantgarde-Signal schlechthin. Ihre zunächst vertikal veranschaulichte Überlegenheit wird, horizontal gewendet, zum Vorsprung. Zurück bleibt der, dem noch etwas wichtig ist, der noch an etwas hängt, wie etwa an Werten. Er muss nun hinnehmen, dass er als bornierte Existenz betrachtet wird, und wenn er etwas äußert, riskiert er damit, unaufgeklärt, sentimental und kitschig zu klingen. Das schüchtert ein. Dabei müsste viel eher das imposante Image der Ironie relativiert werden. In Gesprächen kann sie helfen. Aber als permanente Lebenshaltung hat sie ausgespielt.
KulturSPIEGEL 3/2006
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