28.08.2006

DER WIDERSPENSTIGEN LÄHMUNG

Unentschlossenheit sei die Krankheit seiner Generation, sagt Benjamin Kunkel. Und ein lustiges Romanthema.
Der New Yorker Frühlingstag, an dem Benjamin Kunkel beschloss, einen Roman mit dem Titel "Unentschlossen" zu schreiben, begann wie immer: zu viel Kaffee, zu viele E-Mails und wieder keine Idee. Oder zu viele Ideen, je nach Standpunkt. Keine schien ihm jedenfalls die richtige zu sein für ein bedeutsames erstes Buch, das seinen Ruf als Schriftsteller begründen würde.
Doch bevor auch dieser Tag wieder mit nichts als Zweifeln zu Ende ginge, traf Kunkel eine Entscheidung: Er würde aus seinem Dilemma eine Geschichte machen. Damit war Dwight Wilmerding geboren, der an chronischer Unentschlossenheit leidende Held eines Debüts, mit dessen Erscheinen sein Autor im vergangenen Herbst zum neuen Star der US-amerikanischen Literaturszene wurde.
Kritiker aller großen Zeitungen überboten sich gegenseitig an Begeisterung, vom neuen "Fänger im Roggen" war die Rede, und noch bevor der erste Leser das Buch zu Gesicht bekam, hatte sich Hollywood-Produzent Scott Rudin ("The Hours", "Die Truman Show") bereits die Filmrechte gesichert. Und wenn "Unentschlossen" jetzt in Deutschland und 14 weiteren Ländern erscheint, wird der Hype noch einmal von vorn beginnen.
Kunkel selbst, heute 33, fühlt sich davon zwar "geschmeichelt", findet das Ganze aber dennoch reichlich übertrieben: "Die meisten halten den Roman für leichtherziger und amerikanischer, als er in Wahrheit ist. Irgendwann merken sie dann, dass sie ein politisches Buch lesen." Er lacht. "Und dann gefällt es ihnen nicht mehr."
Kunkel ist das, was die Amerikaner "smart" nennen. Ein schmaler Großäugiger mit fusseligen hellen Haaren, der immer zehn Jahre jünger scheint, als er tatsächlich ist. Gemeinsam mit drei besten Freunden gründete er vor zwei Jahren das literarische Magazin "n+1", das zum Lieblingsaccessoire New Yorker Jungintellektueller avanciert ist. Zuvor studierte er in Harvard und an der Columbia University Philosophie und kreatives Schreiben und entwickelte dort eine Vorliebe für deutschsprachige Denker und Autoren wie Hannah Arendt oder Robert Walser. Martin Heidegger dagegen widmete er in der Figur des deutschen Philosophen Otto Knittel eine großartige Parodie.
Auch die Geschichte seines Romanhelden war für Kunkel zuerst ein philosophisches Problem. "Das Wollen ist auch nur eine Erfahrung", zitiert er Wittgenstein im Motto, um dann dem von chronischer Unentschiedenheit gemarterten Dwight Heilung durch ein neues Medikament zu versprechen.
Pillen für den Willen, das dürfte der Traum einer ganzen Generation sein, die, gelähmt von zu vielen Möglichkeiten, im Stadium ewigen Beginnens steckengeblieben ist. Denn das Problem, an dem Kunkel seinen Protagonisten kranken lässt, ist weit mehr als nur der exzentrische Spleen einer literarischen Figur - es ist eine Neurose der westlichen Gesellschaft. In der von Kunkel diagnostizierten "Abulie" (Willenlosigkeit) sehen Psychologen ein soziales Phänomen.
"Es ist eine Folge der seit Jahren radikal betriebenen Verwirklichung des Gleichheitsgrundsatzes", sagt der Psychologe und Marktforscher Christoph B. Melchers, der seit mehr als 30 Jahren die Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf die kollektive Psyche beobachtet. "Allen alles, lautet die Maxime. Ein riesiges Glücksversprechen, das aber immer weniger eingelöst wird." Man soll alles haben und können, doch der Arbeitsmarkt und die Konsumverhältnisse, die sind nicht so. Und das treibt die Menschen in die Krise.
Menschen wie Kunkels Dwight Wilmerding, 28 Jahre alt und als gebildeter Sprössling der weißen Mittelschicht mit guten Voraussetzungen versehen, um im Leben klarzukommen. Trotzdem wohnt er noch immer mit seinen Kumpels in der kuscheligen Männer-WG und jobbt in einem Call-Center des Pharmakonzerns Pfizer, obwohl ihm das weder Freude noch Perspektive bietet. Ebenso wenig kann er sich aufraffen, sein Verhältnis zu der rundum wunderbaren Vaneetha endlich als ordentliche Beziehung zu begreifen, obwohl es mittlerweile "Anzeichen für das Entstehen ernsthafter Zuneigung" gibt.
Kurz: Er müsste die Dinge angehen, doch seine Willenslähmung hat sich inzwischen so ausgebreitet, dass er selbst für die Entscheidung, ob es zum Abendessen eher Pasta oder doch lieber Masala Dhosai sein darf, eine Münze werfen muss. Aber geht es einem vor dem Supermarktregal nicht manchmal ähnlich?
Das Problem dahinter sei ein anderes, sagt der Psychologe Melchers. "Die nachlassende Bindung an Marken und Produkte ist nur ein Teil der Entwicklung. Dazu gehört aber auch, dass die Menschen zwischen Lebensstilen und -formen genauso locker hin und her wechseln wie zwischen Biersorten und Shampoos." Mit Werten und Partnern verhält es sich nur graduell anders. Schließlich gibt es immer die Möglichkeit, dass man etwas Besseres findet, und zu groß ist die Angst, dass einem tausend Möglichkeiten entgingen, wenn man sich endlich für eine einzige entschiede.
Für Kunkel, der von sich selbst behauptet, mit Entscheidungen keine Probleme (mehr) zu haben, liegt der Ursprung der Entwicklung tatsächlich in den unendlichen Glücksversprechen des Konsums: "Das Prinzip des Shopping hat sich auf die Liebe übertragen. Wenn man ständig von vielen kleinen Objekten der Begierde umgeben ist, wie soll man sich dann jemals genug Leidenschaft für eine einzige Sache aufsparen?"
Für einen Roman lässt sich daraus reichlich Stoff gewinnen. Für das echte Leben ist das jedoch fatal. Experten wie Melchers diagnostizieren schleichenden Ich-Verlust. "Wer permanent von einem Ereignis zum Nächsten rennt, weiß irgendwann nicht mehr, wer er ist." Menschen, die keine Richtung mehr in ihrem Leben sehen und sich insgeheim nichts sehnlicher wünschen als ein langweiliges ereignisloses Dasein. "Aber diese Sehnsucht ist heute gesellschaftlich genauso tabuisiert wie früher irgendeine Form abnormer Sexualität."
Kunkels Romanheld, der Prototyp des in allen Lebensbereichen bindungsunwilligen Großstadtsingles, ist also typisch für eine ganze Generation zwischen Ende zwanzig und Anfang vierzig. "Nicht selten lag ich nachts wach und fühlte mich wie ein Fetzen Soziologie", heißt es halb ironisch in dem Buch. Die Lösung liegt, jedenfalls im wahren Leben, nicht in den Händen der Pharmaindustrie. Das weiß auch Kunkel: "Sinnvoll handeln muss jeder selbst. Auch wenn man das Gefühl hat, den Verhältnissen gegenüber machtlos zu sein."
Dann verabschiedet er sich mit dem Hinweis, er müsse übers Wochenende zu einer Hochzeit von Freunden aufs Land fahren. Und das beruhigt einen dann irgendwie wieder. Geht doch, das Ja-Sagen. Und scheiden lassen kann man sich ja immer noch.
Benjamin Kunkel: "Unentschlossen". Aus dem Amerikanischen von Stefanie Röder. Bloomsbury Berlin, Berlin; 320 Seiten; 19,90 Euro.
VON SILJA UKENA
Von SILJA UKENA

KulturSPIEGEL 9/2006
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