25.09.2006

Neue Bücher

Belletristik
Angela Krauß: "Wie weiter". Suhrkamp, Frankfurt am Main; 120 Seiten; 14,80 Euro.
Eine Frau; eine Schildkröte, die nur Spitzwegerich isst; ein Mann namens Roman, ein Liebhaber?, der für Monate verstummt; ein Mann namens Leo, ein Liebhaber?, der über achtzig ist, in New York lebt und kluge Dinge am Telefon sagt; Elefanten, die nachts sehnsüchtig trompeten; und die immer wiederkehrende Frage: Wie weiter? Angela Krauß' Buch ist ein poetisches Nachdenken und Assoziieren, es hat nicht wirklich eine Handlung, auch wenn es von dem Bruch ausgeht, den der November 1989 für viele Biografien bedeutete. Zugleich ist Krauß' Thema aber auch die Frage nach dem Wesen der Liebe und der Sehnsucht. Man kann ihren Stil speziell nennen, wer ihn mag, mag ihn sehr. CLAUDIA VOIGT
Silvio Huonder: "Valentinsnacht". Nagel & Kimche, Zürich; 192 Seiten; 17,90 Euro.
Durch eine Verwechslung aufgrund der Kontaktanzeige "Melde dich oder lass es bleiben" begegnen sich in einer Berliner Juninacht die Cutterin Katarina und der Meteorologe Fedo Paulmann. Diese eine von "tausend kleinen Möglichkeiten" entfaltet unbarmherzig die Gesetze des Zufalls: Katarina wird schwanger. Das Paar zieht zusammen, obwohl ihre Aggression und seine verfehlten Liebesbeweise die Stimmung erheblich schwanken lassen, bis zur Kulmination in der Valentinsnacht. Der 1954 in der Schweiz geborene Wahlberliner Silvio Huonder demonstriert in seinem dritten, sehr zeitgenössischen Roman erneut kaltes Blut und formale Könnerschaft. Lakonisch und mit szenischem Witz beschreibt er die bequeme Unverbindlichkeit der Enddreißiger, die durch einen natürlichen Vorgang in ihren Grundfesten erschüttert wird. KATRIN HILLGRUBER
Helge Timmerberg: "Shiva Moon". Rowohlt Berlin, Berlin; 208 Seiten; 17,90 Euro.
Ende der sechziger Jahre floh Helge Timmerberg aus der hessischen Provinz in einen indischen Ashram. Damals war er 17, in den Jahrzehnten, die folgten, besuchte der Journalist und Schriftsteller das Land noch Dutzende Male. Jetzt, mit Anfang 50, ist er wieder in Indien, bereist das Land von der Quelle des Ganges bis zu seiner Mündung. "Shiva Moon" erzählt von dieser Reise, von Gottheiten und Bettlern, von schönen Geistheilerinnen und geschäftstüchtigen Rikschafahrern, von Esoterik-Firlefanz, Sauerstoffmangel, Rausch, Erleuchtung und Zahnschmerzen. Immer geht es um das Woher und Wohin. Der Leser lernt viel über Indien, über das alte und moderne, das mythische und das reale. Und noch mehr über den Autor, was kein Nachteil ist. Timmerberg, der sich als "Erleben-Müsser" beschreibt, ist einer der ganz großen Irren des jüngeren deutschen Journalismus, einer, der an die Grenzen geht und für das Erlebte die richtigen Sätze findet, Sätze voller Kraft und Witz. JÖRG BÖCKEM
Christopher Coake: "Bis an das Ende der Nacht". Deutsch von Sabine Roth. Goldmann, München; 320 Seiten; 14,95 Euro.
Christopher Coake beschreibt Menschen, die auf dem schmalen Grat zwischen Alltag und Katastrophe balancieren, und er tut es in einer täuschend sanften, lakonischen Prosa. Er zeigt, was Menschen antreibt und was sie aus dem Tritt kommen lässt, dabei offenbart er eine große Sympathie für die Art, wie sie ihren Schwächen zu trotzen versuchen. Da ist der Junge, der im Übermut des Spiels seinen Hund verliert, die junge Frau, die an der Schwelle zum Seitensprung eine wundersame Läuterung erfährt oder der Angestellte, der nach dem Tod seines besten Freundes die Verantwortung für dessen kleinen Sohn übernehmen muss. Coakes Geschichten sind streng gebaut und zeugen von einer scharfen, ökonomischen Intelligenz, sie lassen sich auf das Wagnis ein, das Unerklärliche menschlicher Regungen zu beschreiben. In ihrer virtuosen Mischung aus Entsetzen und Anteilnahme kommen sie dem Geheimnis unserer Existenz ein Stückchen näher. PETER HENNING
Helmut Krausser: "Eros". DuMont Literatur und Kunst, Köln; 320 Seiten; 19,90 Euro.
Ein sehr vermögender alter Mann namens Alexander von Brücken lädt einen Schriftsteller auf seinen Landsitz im Bayerischen und berichtet ihm sein Leben - das ist die Rahmenstory in Helmut Kraussers neuem Roman, der einerseits die zarte, finstere, großartige Geschichte einer unerfüllten Liebe erzählt: Als Bub verliebt sich Brücken in einem Münchner Bombenkeller in das Mädchen Sofie, und obwohl sie ihn abweist, wird er ihr zeitlebens verfallen sein, ihr als unsichtbarer Helfer beistehen und jede ihrer Dummheiten verzeihen. Andererseits reist Krausser in diesem Buch (das den Titel "Eros" trägt, aber vielleicht richtiger "Das waren BRD und DDR" heißen sollte) mit diesem Heldenpaar sehr waghalsig durch die deutsche Nachkriegsgeschichte, durch Wirtschaftswunder, Studentenprotest, RAF-Terror und DDR-Mief. Dadurch gerät die Handlung manchmal bedrohlich ins Schlingern. Ein schwerblütiger, schroffer, aber auch zauberhaft verrückter Roman über ein Königskind und ein Aschenputtel, die nicht zueinanderkommen konnten. WOLFGANG HÖBEL
Sachbuch
Michael Knoche: "Die Bibliothek brennt". Wallstein, Göttingen; 144 Seiten; 16 Euro.
Wer ihn kennt, der weiß: Michael Knoche ist kein Schreihals. Aufspielen mag sich der Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar nicht. So ist auch sein Bericht vom großen Brand, der vor zwei Jahren über 50000 Bücher vernichtete, ein sachliches Tagebuch des Unglücks, der Aufräum-Strapazen - bis zur "Löschmittelanalyse" - und des dank vieler Spenden erfreulich raschen Wiederaufbaus. Trotz der Verluste steht die Bibliothek, die einst von Goethe betreut (und eifrig benutzt) wurde, heute besser da als vor der Katastrophe: Mit erweiterten Magazinen, neuem Studienzentrum und moderner Technik. Das kleine informative Buch setzt fort, was Knoche seit den Brandtagen konsequent getan hat: Öffentlichkeit für ein einzigartiges Kulturgut zu schaffen. Sein Autor braucht nicht den Helden zu spielen, weil er schlicht einer ist. JOHANNES SALTZWEDEL
Hörbuch
Riverbend: "Bagdad Burning". Der Hörverlag, Hamburg; 146 Min.; unverbindliche Preisempfehlung 19,95 Euro.
Wenige Produzenten trauen sich, Sachbücher in Hörspiele zu verwandeln; und wenn sie es tun, lassen sie radikal kürzen. Auch "Bagdad Burning" ist gekürzt worden, die Hörfassung jenes Blogs einer bis heute unbekannten Irakerin, die sich "Riverbend" nennt, doch es funktioniert. Denn Sophie Rois findet einen Ton für "Riverbends" Sprache, schmerzvoll, sarkastisch, sanft. "Riverbend" (http://riverbendblog.blogspot. com) erzählt mal täglich, dann wieder im Abstand von Monaten von ihrem Hass auf George W. Bush, vom Verschwinden der Nachbarn, vom Leben der einst freien und längst wieder gefangenen Frauen in Bagdad; für diese Texte gewann sie 2005 einen "Lettre Ulysses Award für die Kunst der Reportage". Ihr letzter Bericht, vom 5. August, versprach nichts Gutes: "Ist es vielleicht an der Zeit", fragte sie da, "dieses Land von unseren Händen zu waschen und anderswo ein stabiles Leben zu finden?" KLAUS BRINKBÄUMER
Comic
E. C. Segar: "Popeye". Deutsch von Ebi Naumann. Marebuchverlag, Hamburg; 440 Seiten; 29,90 Euro.
Popeye, der Seemann, gehört seit den dreißiger Jahren zu den bekanntesten Comic-Figuren der westlichen Welt - Olivia, die Bohnenstange, Spinat aus der Dose, dicke, tätowierte Unterarme, wüste Keilereien und saftige Flüche. Aber das ist nur die eine Seite, der Popeye aus den Trickfilmen. Der Marebuchverlag versammelt frühe Abenteuer des sympathischen Helden, zum größten Teil in deutscher Erstausgabe, und beweist, dass die Zeitungsstrips weitaus mehr bieten: Popeye ist der Existentialist unter den Comic-Helden, seine Abenteuer sind große Cartoonkunst, brillante Gesellschaftskomödien voller Absurdität, schillernder Figuren und anarchischem Humor, so schwarz wie die See bei Nacht. Zeitloses Seemannsgarn, fein gesponnen. JÖRG BÖCKEM

KulturSPIEGEL 10/2006
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