30.10.2006

MELODIEN FÜR MILLIONEN

Für Robbie Williams schrieb Guy Chambers die Hits. Nun schickt er Sophie Hunter ins Rennen.
Im Londoner Büro des Pop-Lieferanten Guy Chambers funkelt es manchmal wie in einer Schatzkammer aus Tausendundeiner Nacht. An sonnigen Tagen strahlen da Reihen von golden-, silbern- und platinverzierten Tonträgern. Diese Glitzergalerie zeigt die gerahmten Triumphe, die Chambers mit seiner Arbeit für Titanen wie Kylie Minogue, Tom Jones, Diana Ross und immer wieder Robbie Williams erzielt hat.
Der Brite Chambers ist ein dezenter und hochbegabter Zauberer hinter den Kulissen der Pop-Industrie. Er schreibt und produziert Bestseller - und ist damit so sagenhaft erfolgreich wie kaum ein anderer in Europa. Nun sitzt er gut gebräunt zwischen einer glänzenden Espresso-Maschine und einem Stoß goldener Platten auf einer schwedischen Holzbank und überlegt, was denn ein wahrhaft tolles Lied ausmache. Das sei sehr vielschichtig, sagt er sehr bedächtig wie einer, der sich nur selten erklären muss und will. Dann sagt er: Ein "magischer" Triumph sei es, wenn 100000 Menschen im Stadion sein Werk mitsängen. "Wirklich gute Lieder rufen Reaktionen hervor."
Mit dem Robbie-Williams-Song "Angels" hat er 1997 einen Standard geliefert, der in Großbritannien zum Stammrepertoire bei Beerdigungen, Hochzeiten und Taufen zählt. Und jetzt sei ihm so was mit seinem neuen Projekt gelungen, sagt er. "Reihenweise haben mir Bekannte berichtet, dass sie beim Hören der Platte feuchte Augen bekommen hätten. Das ist doch herrlich." Falsche Bescheidenheit ist nichts für Meister Chambers, wenn er über "Isis" (Ministry of Sound) spricht.
Die wundersame Sammlung tagtraumhaft hingehauchter Chansons hat er ausnahmsweise mal für sich produziert, genaugenommen für seine sechsjährige Tochter Isis. Die französische Musikerin Keren Ann schrieb die Texte zu seinen Melodien, den Gesang übernahm die britische Schauspielerin Sophie Hunter. Das außergewöhnliche Werk klingt wie eine verlorene Arbeit von Serge Gainsbourg, kommt für die Hitparaden dieser Welt aber etwas zu verhuscht daher.
Was ihm herzlich egal sei, wie Chambers behauptet. Natürlich freue er sich, wenn die zwölf Lieder für Isis auch ein paar Käufer fänden, aber vor allem wolle er sie seiner Tochter zum 18. Geburtstag verehren. Als Liebeserklärung eines Vaters für seine Tochter - und als schönes Taschengeld, denn die Rechte an diesen Liedern werden an diesem Geburtstag auf sie übergehen.
Die Idee kam Chambers, als sein Bankberater ihn ermuntern wollte, Aktienfonds für seine drei Kinder anzulegen. Keine gute Idee, findet der Musiker. "Warum sollten Kinder mit 18 Jahren so viel
Geld besitzen, dass sie nie wieder arbeiten müssen? Ich stand in dem Alter mit leeren Händen da."
Seit sechs Jahren hat Chambers eher nebenbei an den Liedern für Isis gearbeitet. Weil er für seine älteste Tochter etwas Besonderes wollte und weil er der englischen Sprache zeitweilig überdrüssig war, entschied er sich - très chic - für französische Texte. Das sorgt für sanft parfümierte Stimmung, die an französische Filmmusiken der sechziger Jahre erinnert und garantiert, dass die Platte in England kein Nummer-eins-Album werden kann: "Alles, was nicht englisch ist, will bei uns kaum einer hören."
Erste Wahl als Sängerin war die französische Schauspielerin Audrey Tautou. Die ist mit "Die fabelhafte Welt der Amélie" sehr berühmt geworden und war Chambers mal als Sängerin in einem Kriegsmelodram aufgefallen. Sie sagte zu, wollte aber nur einen Tag für die Aufnahmen erübrigen. Als sie klarstellte, dass sie niemals Werbung für das Album machen würde, strich Chambers ihren Namen. Ein befreundeter Filmproduzent empfahl die Nachwuchsschauspielerin Sophie Hunter, 28. Sie ist eine Nichte von Jane Birkin, hat in "Vanity Fair" mitgespielt und besitzt eine hübsche Stimme. "Ich kannte keinen ihrer Filme, aber für diese Platte ist sie ideal ", sagt Chambers. Dass Isis weiterhin lieber "Rock DJ" von Robbie Williams hört als "Isis" von Sophie Hunter, störe ihn nicht. Vielleicht kommen die Alben, die er für seine beiden anderen Kinder schreiben will, ja besser an.
Seine Teenagerjahre verbrachte Chambers in Liverpool mit Eltern, die weder viel Geld noch Zeit hatten. Sein Vater arbeitete als Flötist für große Orchester, seine Mutter bei einer Plattenfirma. Mit 16 Jahren schlug Chambers so heftig über die Stränge, dass seine Eltern ihn für zwei Wochen zur Drecksarbeit in das Hotel einer Bekannten verbannten. Am ersten Tag schrubbte er die Klos. Am Abend setzte er sich in der Bar an das Klavier. Die Gäste waren so begeistert, dass er den Rest der Zeit als Alleinunterhalter auftrat. "Da habe ich kapiert, dass Musik einen vor den Härten des Lebens bewahren kann", sagt er.
Jahrelang musizierte er dann unauffällig mit Julian Cope, The Waterboys und World Party. Sein Leben nahm eine radikale Wendung, als er Robbie Williams kennenlernte. Der war bei Take That vor die Tür gesetzt worden, hatte mit Depressionen, Übergewicht und Alkohol zu kämpfen, und die Wahrscheinlichkeit einer fabelhaften Solokarriere schien so realistisch wie die Chancen des HSV, in dieser Saison die Champions League zu gewinnen. "Wir brauchten beide dringend ein Erfolgserlebnis und hatten zum Glück keine Ahnung, wie verzweifelt der andere war", sagt Chambers. Die Nummer, die beide erlöste und in den Pop-Himmel katapultierte, war "Angels". Es folgte eine spektakuläre Serie von Rennern wie "Let Me Entertain You", "Rock DJ", "Feel".
Die magische Frage, die sich da immer wieder stellt, lautet: Wie viel hat Robbie Williams eigentlich mit seinen Bestsellern zu tun? War er wirklich Co-Autor
- und wenn ja, in welchem Maß? Chambers lässt sich mit der Antwort auffällig lange Zeit, bis er milde lächelnd versichert, Robbie habe "sehr, sehr viel" mit ihren Co-Produktionen zu schaffen gehabt. "Ich habe das auch bei jeder nur möglichen Gelegenheit klargestellt, aber irgendwie wollte mir nie einer glauben, was Robbie natürlich sehr betrübt hat", sagt er. Er sei so was wie ein "Redakteur" für all die wilden Ideen von Robbie gewesen. Und wird Robbie Williams nun von bösartigen Kritikern unterschätzt? Wieder lässt sich der Ex-Partner sehr viel Zeit, bis er zögerlich "Tja, vielleicht wird er das ..." murmelt.
Nach fünf Alben war 2002 dann Schluss. Williams klagte, dass Chambers zu viel für andere arbeite und überhaupt neidisch auf seinen Ruhm sei, und der konterte, dass er sich nicht an die Kette legen lasse und den ganzen Robbie-Zirkus ohnehin satt habe. Mittlerweile sprechen die beiden wieder miteinander - "nur nicht sehr oft", sagt Chambers. Die beiden Studio-Alben "Intensive Care" und "Rudebox", die Williams seitdem mit neuen Partnern wie Stephen Duffy aufgenommen hat, ignoriert Chambers weitgehend. Er habe nur einige Songs davon gehört und die seien doch irgendwie ganz nett, oder?
Vor einigen Monaten hat sich Chambers im begehrten Londoner Stadtteil Primrose Hill sein Hinterhof-Studio eingerichtet. Mehrere Räume mit kostbaren alten Instrumenten und einem Büro, in dem sein kleiner Bruder die Geschäfte führt. Er hätte das auch in L. A. haben können, der Zentrale der Pop-Industrie, wie er sagt, aber seine Frau verkündete, dass sie ihren Kindern diese Stadt nicht antun wolle. Nun arbeitet er eben von London aus als Produzent für Gott und die Welt. Vergangene Nacht hat er Tina Turner bei neuen Liedern geholfen. Morgen kommt der Gewinner einer britischen Castingshow. Aber wie lange kann man Pop-Renner produzieren, ohne irre oder öde zu werden? Da lächelt Chambers sehr professionell. 80 Songs schreibe er pro Jahr. 50 davon seien gut, 30 Mist.
Sein Vorbild sind die Perfektionisten von Abba. "Hits wie Zeichnungen von Michelangelo", sagt er, während er ein Paket mit Klassik-CDs auspackt. Zuletzt geweint habe er bei Richard Strauss. Das motiviert wohl, denn zurzeit arbeitet er an einem Schmachtfetzen der Sonderklasse. Anlässlich des zehnten Todestages von Prinzessin Diana im kommenden Jahr soll er ein großes orchestrales Stück für die Feierlichkeiten liefern. Damit will Chambers einerseits seinem betagten Vater beweisen, dass er Melodien schreiben kann, die länger als drei Minuten laufen. Andererseits sei die Vorstellung, Millionen Menschen die Tränen in die Augen zu treiben, doch das "Allergrößte", sagt er.
Ach ja, und welches war noch die meistverkaufte Single aller Zeiten? Elton Johns Ballade "Candle in the Wind" für die verstorbene Prinzessin Diana.
VON CHRISTOPH DALLACH
FOTO: OLY BARNSLEY
Von CHRISTOPH DALLACH

KulturSPIEGEL 11/2006
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