25.06.2007

„Mein Lehrer hielt nichts vom Jazz“

Der Musiker Klaus Doldinger, 71, über Vorurteile gegenüber dem Jazz, sittliche Reife und Reisen in klapprigen Flugzeugen
KulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?
Klaus Doldinger: O ja, da hatten wir im britischen Kulturzentrum in Düsseldorf unser erstes Konzert mit den Feetwarmers, einer später sehr erfolgreichen Amateur-Jazzband.
Konnten Sie sich vorstellen, Berufsmusiker zu werden?
Ich ja, aber meine Eltern waren dagegen. Die hatten zwar mein Talent gefördert und mich mit elf Jahren zum Klavier- und Klarinettenunterricht aufs Konservatorium geschickt. Doch ich sollte in die Fußstapfen meines Vaters treten. Der war Oberpostdirektor.
Gab es Auseinandersetzungen?
Natürlich. Ich musste die Oberprima zweimal machen. Denn wer sich nachts in verräucherten Clubs herumtrieb, eine Lambretta und eine Freundin hatte, dem fehlte angeblich die sittliche Reife. Auch meine Lehrer am Konservatorium hielten nichts von meiner Jazz-Leidenschaft. Ernst genommen wurde damals eher Kirchenmusik.
Aber Sie konnten 1960 als gefeierter Jazz-Newcomer in Amerika auftreten. Hatten Sie Lust, dort zu bleiben?
New Orleans machte mich zum Ehrenbürger. Doch ich lernte auch die Kehrseite kennen: Der Saxophon-Star Lee Konitz, den ich in Deutschland in einem Konzert erlebt hatte, spielte in New York in einem miesen Club vor angetrunkenen Gästen. Dass ich hier leben und nach Amerika fliegen kann, ist die ideale Lösung.
Eine Ihrer ersten Platten hieß "Jazz - Made in Germany", doch Sie sind nie ein Jazz-Purist gewesen ...
Ich hatte die Vorstellung, dass man auch Beat-Music zum Swingen bringen kann. Mit meiner Band Motherhood habe ich im Hamburger Star-Club die Sängerin Millie Small begleitet, die den Superhit "My Boy Lollipop" herausgebracht hatte. Ich trat unter dem Pseudonym Paul Nero mit blonder Perücke auf. Ein Riesenspaß!
1971 gründeten Sie Ihre heute noch bestehende Gruppe Passport mit Udo Lindenberg am Schlagzeug. Wie kam es dazu?
Udo war einer der wenigen Drummer, die swingenden Jazz trommeln konnten, wie auch den Beat des Rock. Empfohlen hat ihn mir Michael Naura, damals Jazz-Chef beim NDR. Zum Vorspielen kam Udo mit einem verbeulten Renault 4 nach München.
Konnten Sie sich vorstellen, dass Udo Lindenberg einmal seinen Weg als Sänger machen würde?
Sicher nicht, dass er so abheben würde. Aber er hatte damals schon einen Stapel deutscher Texte bei sich und schilderte mir mit glänzenden Augen, wie er sich seine Zukunft vorstellte und dass ihm einmal die Fans zujubeln würden.
Sie sind als Produzent und Komponist von TV- und Filmmusik wie für "Tatort" oder "Das Boot" ausgelastet und reisen trotzdem noch als Jazzmusiker durch die Welt. Weshalb?
Man begegnet wunderbaren Menschen. So kam auf unserer ersten Brasilien-Tournee ein junger Musiker zu uns ins Hotel, der später ein Star und schließlich Kulturminister geworden ist: Gilberto Gil. Im vergangenen Jahr in Marokko lernte ich den Multiinstrumentalisten Majid Bekkas kennen, mit dem ich ein tolles Album aufgenommen habe.
Aber Reisen schlaucht und kann gefährlich sein.
Stimmt. In Kolumbiens Drogenmetropole Medellín konnten wir stundenlang das Hotel nicht verlassen, weil draußen geschossen wurde. In etlichen Ländern haben wir extrem klapprige Flugzeuge bestiegen. Aber das hat mich nie abgeschreckt. Denn meine Frau hat ein Horoskop für mich erstellen lassen. Und da waren viele Reisen mit glücklicher Heimkehr vorgezeichnet.
INTERVIEW: HANS HIELSCHER
Von Klaus Doldinger zuletzt erschienen: "Early Doldinger - The Complete Philips Sessions" (Universal) und mit Passport "To Morocco" (Warner).
Die besten Interviews dieser Rubrik sind erschienen in dem Band Mit 17 hat man noch Träume (dtv, München; 160 Seiten; 6,90 Euro).
Von HANS HIELSCHER

KulturSPIEGEL 7/2007
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